Herrschaftszeiten!

#317

Bundesarchiv_B_145_Bild-F003523-0001,_Bonn,_Winston_Churchill_und_Konrad_Adenauer

Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

(Winston Churchill)

Politik ist eine der auf- und anregendsten Beschäftigungen, die man sich nur vorstellen kann. Zuweilen ist sie auch mal langweilig; richtig schlimm aber ist es in den Momenten, in denen man befürchtet, daß alle Bildung, alles Wissen, alle Information im Informationszeitalter nicht in der Lage ist, die Dummheit auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Es geht hier nicht um Dummheiten einzelner Menschen, sondern um kollektive Dummheiten. Es geht darum, daß man machmal fassungslos erkennen muß, daß Menschen auch als Kollektiv nicht bereit, willens und in der Lage sind, aus längst gemachten Fehlern die längst gezogenen Schlüsse zur Kenntnis zu nehmen – nein, vielmehr macht man den gleichen Murks wie andere zuvor, und beklagt sich dann bitterbös‘, daß es wieder schiefgegangen ist.

Die Ursache liegt zum einen in einem natürlich nicht bei allen Menschen gleichen historischen Wissen. Das kann nicht jeder im gleichen Maße haben, das soll auch gar nicht so sein. Man kann als Bürger bei der Meinungsbildung stets auch bis zu einer gewissen Grenze einfach mit dem argumentieren, was man das Ergebnis von Denkprozessen nennt oder meinetwegen auch den sogenannten gesunden Menschenverstand. Nur muß dann eines gelten: Wenn einem einer, der von der Sache wirklich etwas versteht, aufzeigt, daß man nicht nur denken, sondern auch etwas wissen muß, dann sollte das jeder akzeptieren.

Oder, um es mit der mir eigenen Sanftheit zu formulieren: Wer lediglich die BILD-Schlagzeile liest, sollte nicht erhoffen, daß seine Meinung in der Diskussion als besonders gut begründet wahrgenommen wird.

Natürlich ist jeder Mensch frei in der Entscheidung, ob er sich für ein Thema interessiert und schlau macht oder nicht. Wer es aber nicht tut, der sollte dann auch beim Aufreißen der Klappe wenigstens einen ganz kleinen Rest von Demut walten lassen. Es ist nur schwer erträglich, wenn einer vom Thema genau null Ahnung hat, aber diese Ahnungslosigkeit mit großem Bohei unter die Leute bringen will.

Insbesondere die sozialen Medien geben jedermann die Möglichkeit, alles, was es in ihm denkt und fühlt, unkontrolliert und unüberprüft sofort der Menschheit mitzuteilen. Es stellt sich allerdings die Frage, für wen das von Wert ist. Meistens für keinen: weder für den Schreibenden noch für den Lesenden. Die schwer erträgliche Ahnungslosigkeit mancher Diskussion liegt also andererseits, neben dem nicht vorhandenen Wissen, auch am wirren Denken.

Am kommenden 1. Mai werden wir es wieder mit vielen solcher Beispiele zu tun haben. Menschen, die an der Komplexität dieser Welt verzweifeln, suchen nach einfachen Lösungen, die sich für sie gut anfühlen. Zwar denken sie dann oft nicht für 5 Pfennig weit, aber das, was sie da „fühlen“, schreien sie der Welt entgegen, als wäre es ein Ganz Neues Testament®.

Da kommen sie alle an, die Roten, die Grünen, die Rotbraunen, und wollen den Wohlstand abschöpfen, zigfach neu verteilen und die Schulden der halben Welt mit bezahlen. Dabei bedenken sie sehr vieles nicht: daß es immer in Armut, Unterdrückung und oft in noch schlimmerem endete, wenn man den Staat mit Aufgaben betraute, die viel besser bei den Menschen aufgehoben sind.

Sie bedenken ebenfalls nicht, daß man bei allem, was man tut, die Auswirkungen bedenken und antizipieren muß. Wenn man Geld verteilen will, das dann aber nicht mehr erwirtschaftet werden wird, dann hat man nicht nur nichts zusätzliches zu verteilen – dann hat man weniger als zuvor.

Oder, damit es – ich gebe nicht auf zu hoffen! – doch noch kapiert wird: Man kann die Kuh, die man melken will, nicht schlachten.

André Freud

Bildnachweis: Bundesarchiv, B 145 Bild-F003523-0001 / CC-BY-SA; Premierminister a.D. Winston Churchill und Bundeskanzler Konrad Adenauer vor dem Bundeskanzleramt, 1956

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