Nürnberg. Wie wurde es, was es ist?

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Nürnberg ist weltweit ein kleines Licht – von der Größe her betrachtet. Es ist die 89. Stadt Europas, unter anderem hinter Togliatti, Ischewsk, Uljanowsk, Machatschkala, Orenburg. Sogar als Metropolregion taucht Nürnberg unter den Top 200 der ganzen Welt gar nicht auf.

Aber wir haben mit der NürnbergMesse den fünfzehntgrößten Messeveranstalter der Welt. Wie kommt denn das? Von ungefähr?

Kaum. Natürlich hat das viel mit Nürnbergs Geschichte zu tun: mit dem Kreuzungspunkt großer Handelsstraßen begann die Blüte der Stadt der Kaufleute schon im 11. Jahrhundert. Mit der Aufbewahrung der Reichskleinodien betraut, die einmal jährlich in einer „Heiltumsweisung“ genannten Prozedur dem von weit her angereisten Volk gezeigt wurden, begann Nürnberg einmal jährlich ein großer Markt zu sein, zu dem Menschen aus dem ganzen Heiligen Reich, Heiligen Römischen Reich, Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation strömten – die Keimzelle dessen, was heute NürnbergMesse heißt.

Nun könnte einer kommen und sagen: „Ja, bei dieser Geschichte, da ist es doch ein Klacks, daß Nürnberg heute noch eine der weltweit führenden Messen ist“. Wäre diese Behauptung nicht folgerichtig? Liegt nicht der Verdacht nahe, daß die NürnbergMesse nur bequem dort sitzt, wo sie vor Jahrhunderten hingesetzt wurde?

Nein, natürlich wäre so ein Denken Humbug. Zwar hatte Nürnberg einen guten Start – als Stadt, als Messe-Stadt. Es waren um 1500 Nürnbergs Blütejahre: eine der größten Städte der Welt, eine der reichsten Städte der Welt – und gewiß die reichste Stadt nördlich der Alpen -, eine Stadt, die Menschen hervorbrachte, die heute noch weltweit bekannt sind. Dann kam die Reformation, und Nürnberg wechselte die Religion – wodurch die Bande zum nach wie vor katholischen Kaiser recht locker wurden. Einer der Gründe, warum die Heiltumsweisungen so beliebt waren, war der Verkauf von Ablaßbriefen – auch dies ist freilich in einer protestantischen Stadt von nur noch vernachlässigbarer Bedeutung. Dann kam der Dreißigjährige Krieg. Nürnberg selbst ward wenig betroffen, aber um Nürnberg herum waren die Verwüstungen enorm. Dadurch sank auch Nürnbergs Potenz herab: Nürnberg verarmte. Obwohl Nürnberg, immer noch freie Reichsstadt, sich um 1800 halb freiwillig unter preußische Herrschaft begeben wollte, lehnten die Preußen dies ab: Nürnbergs Schulden waren einfach zu hoch. Als dann 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation endgültig zu bestehen aufhörte, besetzten Napoleons Truppen die Stadt – und übergaben sie am 15. September 1806 ans Königreich Bayern, das dann auch für Nürnbergs Schulden aufkommen mußte.

Auch wenn die Nürnberger das nicht so gerne hören mögen: mit der Zugehörigkeit zum Freistaat Bayern begann eine neue Blütephase Nürnbergs, befeuert durch die industrielle Revolution, versinnbildlicht darin, daß die erste Eisenbahn Deutschlands dort fuhr, wo heute die U1 fährt: vom Plärrer ins schöne Fürth (heute Derby ansehen, anhören, und für Nürnberg sein!).

Unsere Stadt rappelte sich wieder empor, wurde Sitz vieler großer Unternehmen, und der alte Spruch „Nürnberger Tand geht in alle Land'“ wurde wieder wahre Gegenwart. Als der Tourismus als solches überhaupt aufkam, um 1900 herum, war Nürnberg von Anfang an eine der meistbesuchten Städte. Es ist daher nicht überraschend, daß zu Beginn des 20. Jahrhunderts Nürnberg geradezu explosionsartig anwuchs. Die vielen, vielen Bürgerhäuser im wilheminisch-nürnberger Stil künden heute noch davon. Dann kam der Erste Weltkrieg, dann eine kurze Nachblüte zu Weimarer Zeiten, und dann kamen die braunen Herren, die Nürnberg ganz besonders für sich in Anspruch nahmen. Mit schwersten Zerstörungen durch die Kriegsereignisse war Nürnberg im Frühjahr 1945 ein derartiges Trümmerfeld, daß ernsthaft erwogen wurde, die Stadt anderswo wieder aufzubauen.

Dies ist die Ausgangslage, die man im Blick haben muß, wenn man das, was heute in Nürnberg erreicht worden ist, beurteilen möchte. Aus einer Zeit, in der die Nürnberger oft in Erdlöchern hausten, die keine 70 Jahre zurück liegt, als im Valka-Lager im heutigen Langwasser noch bis 1960 (!) bis zu 4.000 Menschen lebten, hätte man gewiß nicht gewagt zu träumen, daß es klugen, tatkräftigen Menschen gelingen würde, die NürnbergMesse auf Platz 15 aller Messeveranstalter weltweit zu bringen. Und dies noch dazu in einer Zeit, in der nicht mehr nur Europa und die Neue Welt im weltweiten Handel aktiv sind, sondern nunmehr beinahe die ganze Welt als Partner, aber eben auch als Mitbewerber auftreten.

Es ist eine Erfolgsgeschichte aus der Gegenwart. Um so erschreckender ist es, wenn Politiker vor Ort immer sofort bereit sind, Entschlüsse zu fassen, die unsere Messe schwächen. Die leben, wie es scheint, in einem Wolkenkuckucksheim: sie planen immer mit dem Geld, das andere verdienen, und wollen ihnen zugleich die Möglichkeit nehmen, dieses Geld weiterhin zu verdienen.

Oder aber: sie treffen keine Entscheidungen. Sie legen Denkpausen ein. Sie zögern. Sie verwalten nur, anstatt zu gestalten. Ja, glaubt denn irgendeiner bei Verstand, daß die Messe heute dort stünde, wo sie steht, wenn die Entscheidungen in den 1950, 1960er, 1970er Jahren von den gleichen ewigen Bedenkenträgern, sich vor lauter Bescheidenheit nicht zu Wort meldenden, jede Veränderung scheuenden Politikern getroffen worden wären? Glaubt das irgend jemand?

Das ist nicht wirklich vorstellbar. Nürnberg begann seinen 1945 für unmöglich gehaltenen Aufstieg, weil Menschen mit Tatkraft, mit Gestaltungswillen, mit Verantwortungsbewußtsein, mit Weitblick handelten. Hier sei auch, SPDler hin oder her, ganz besonders rühmend der Name von Andreas Urschlechter genannt, dem gestern vor zwei Jahren verstorbenen Mann, der 30 Jahre lang Nürnbergs Oberbürgermeister war – und der großen Anteil hatte an dem, was Nürnberg wieder wurde. Urschlechter wurde für seine Verdienste mit einer der höchste Stufen des Bundesverdienstordens ausgezeichnet, dem Verdienstkreuz mit Stern – als einer von nur etwa 200 Menschen seit 1951. Ein anderer, der Nürnbergs Geschicke nachhaltig prägte, obgleich er nur für eine Amtszeit Oberbürgermeister war, war Ludwig Scholz. Noch im zwölften Jahr nach seiner Amtsinhaberschaft profitiert sein Nachfolger von den zahlreichen Beschlüssen, die Scholz faßte, vorantrieb, entwickelte. Es sind diese Vorbilder, denen nachzueifern ist.

Freilich: wer handelt, der wird auch mal irgendwo einen Fehler begehen. Wenn er klug ist und sich mit klugen Köpfen umgibt, wird er das bald feststellen und abstellen. Nur der, der nicht handelt, scheint keinen Fehler zu begehen – aber in Wahrheit begeht er doch den größten Fehler, denn nichts ist so schädlich wie Stillstand. Man glaubt, nach wie vor ganz gut dazustehen und merkt gar nicht, daß unter einem der Grund wegbricht, auf dem man steht.

Wenn im kommenden Jahr die Nürnberger einen neuen Oberbürgermeister wählen, dann sollten sie bedenken, daß nichts von alleine kommt und nichts Zufall ist. Der kommende OB sollte sich an Andreas Urschlechter orientieren, sollte sich an Ludwig Scholz orientieren. Und er sollte sofort das Wort „Denkpause“, auf das OB Maly so stolz ist, aus seinem Wortschatz streichen.

Um Denkpausen einzurichten, brauchen wir keinen OB. Was unserer Stadt Not tut, das ist einer, der denkt und handelt. Zukunftsgewandt, optimistisch, verantwortungsbewußt.

Wer dem bisher hier Gesagten zustimmt, kann nicht ernstlich eine weitere Amtszeit von OB Maly wollen. Der meint ja anscheinend, daß in Nürnberg so wenig zu tun sei, daß er Zeit hat, den deutschen Städtetagspräsidenten zu geben. Lieber Uli Maly, ich bin davon überzeugt, daß Sie es mit Ihrer Arbeit gut meinen. Aber das reicht halt nicht.

Deswegen ist es Zeit für Sebastian Brehm.

André Freud

Bild: Schedelsche Weltchronik, älteste Ansicht Nürnbergs, 1493 – gemeinfrei

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2 Kommentare

  1. Dr. Gerhard Schönberger sagt:

    Ja mein lieber Andre,
    die Stadt Nürnberg leistet sich nun nicht nur einen, sondern sogar drei gut dotierte Bürgermeister. Hast Du eigentlich schon einmal etwas von einem derzeitigen CDU-Bürgermeister Dr. Klemens Gsell was gehört?
    Liebe Grüsse aus München, Dr. Gerhard Schönberger

  2. Lieber Gerhard, ich freue mich stets, von Dir zu hören, und hoffe, Du läßt es Dir in unserer Landeshauptstadt nichts anderes als gut gehen. Allerdings scheint das Oberbayerische schon massiv in Dir zu wirken: wir in Nürnberg sind zwar gut 150 km nördlich von Dir Neu-Münchner, aber immer noch in Bayern, weswegen wir hier die CSU haben – und nicht die CDU…
    Es gibt einen ganz, ganz großen Unterschied zwischen dem Oberbürgermeister und den drei Bürgermeistern. Der OB wird direkt vom Bürger gewählt. Die drei Bürgermeister aber werden vom Stadtrat gewählt. Sie sind auf andere Weise demokratisch legitimiert, und ihr Einfluß ist relativ zu dem des OB begrenzt. Aber, mal ganz im Ernst: Unsere (CSU-) Bürgermeister und Referenten leisten doch eine ordentliche Arbeit, will ich meinen. Übrigens würde ich hier nicht einmal über die SPDler nur negative Kritik äußern wollen, denn das größte Problem scheint mir, daß von der politischen Führungsspitze der Stadt, vom OB, zu wenig angeschoben und zu vieles abgebremst, ausgebremst, vergedenkpausiert wird. Meinst Du nicht auch?

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