Was war denn das?

#308

Christian Ude 2

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“… Nicht nur, weil Christian Ude ein normaler Mensch ist, passen diese Worte nicht so recht zu seinem gestrigen Auftritt in Nürnberg – nein, sie passen auch deswegen nicht, weil das schlichtweg ein Auftritt jenseits der Schamgrenze war.

Man erinnere sich – denn bald wird man es vergessen haben: Ude ist der Kandidat der SPD für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten. Als solcher treibt er Wahlkampf. Die etwas Älteren unter den Lesern werden sich noch erinnern, daß im Wahlkampf bei Auftritten von Franz-Josef Strauß, Helmut Kohl, Helmut Schmidt der Hauptmarkt nicht groß genug war, die Massen der Besucher zu fassen. Nun gilt aber tempora mutantur et nos in illis – die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. Derlei Besucherscharen sind im Informationszeitalter nicht mehr zu erwarten, auch überaus populäre Politiker halten ihre Reden am Jakobsplatz oder vor der Lorenzkirche. Ude hat gewiß keine Spöttelei verdient, nur weil er keine 30.000 und auch keine 3.000 Zuhörer auf die Beine bringen konnte. Wir werden sehen, wie viele Besucher die CSU bringen kann, wenn im Wahlkampf Horst Seehofer und Angela Merkel in Nürnberg sprechen werden.

Ein SPDler hat es in Bayern nicht leicht. Er gehört einer Art Minderheit an, die es mit einer oft bestimmt demotivierenden Mehrheit zu tun hat. Die politischen Erfolge sind überschaubar. Da sind zwei Sachen enorm wichtig: Selbstbewußtsein und Geschlossenheit. Aber ach, mit beidem ist es nicht so weit her. Mit dem Thema Geschlossenheit sollte man gar nicht erst anfangen, will man die wunde Gefühlswelt eines Sozialdemokraten nicht noch mehr verletzen, aber es muß doch gesagt werden: Wenn der Vize der BayernJusos, Thomas Asböck, den Vorsitzenden der BayernSPD Florian Pronold einen „Mühlstein am Hals der Partei“ nennt, wenn mit Michael Adam einer der beliebtesten SPD-Jungpolitiker dem Pronold nachsagt, er dulde nur „Ja-Sager und Speichellecker“ um sich, dann muß auch der gutmütigste SPDler anerkennen: die Geschlossenheit ist fort, es ist Feuer unterm Dach. Diese heftigen Worte fielen um den Jahreswechsel herum. Hat man daraus gelernt?

Nun, das Ausmaß der Lernerfolge ist überschaubar. Ude wollte nach Nürnberg, aber die Nürnberger SPDler wollten ihn wohl nicht haben. Jedenfalls fand sich keine SPD-Veranstaltung, also ging Ude zu den Freien Wählern. Die schafften es zwar – immerhin -, den Ude-Besuch in der Lokalpresse relativ groß ankündigen zu lassen, auf der ersten Seite des Lokalteils. Aber was dann kam… Auf einen öffentlichen Platz scheint Ude sich noch nicht zu trauen. Wie man sehen wird, tat er gut daran. Also ging man in einen Saal eines Hotels. Das kennt der CSUler zwar eher aus parteiinternen Veranstaltungen, aber das ist jedenfalls nichts Ehrenrühriges. Und der Saal im Carlton ist ja auch ganz hübsch. Vom Spa auf dem Dach des Hotels ist es nur ein Steinwurf zum SPD-Haus, man ist also gefühlt nahe am Zuhause.

Und jetzt kommt’s. Beziehungsweise – es kommt nicht. Nämlich das Publikum. 35 Personen waren da, berichten NN und NZ übereinstimmend. 35! Hat man auch alle Journalisten, die Familienangehörigen der Veranstalter und Kellner abgezogen? Beim ersten Durchblättern der heutigen Zeitungen wunderte ich mich, kein Bild von der Veranstaltung zu sehen. Jetzt ist auch klar, warum: die NZ-Redaktion empfand wohl Scham, den Ude im leeren, viel zu großen Saal zu photographieren, mit der klaren Bild-Botschaft: hier will einer Ministerpräsident werden, für den sich niemand interessiert. Die NN andererseits bringt natürlich sowieso niemals irgend ein Bild von der SPD, das nicht proper und vorteilhaft wirkt.

35 Besucher. Seid mir nicht böse, liebe Genossen, aber das ist ein Totalausfall. Man stelle sich mal vor, wie gewisse Kreise vor Freude gejuchzt hätten: Horst Seehofer will nach Nürnberg, aber die Nürnberger CSU will ihn nicht haben. Also läßt er sich von der FDP einladen. Die macht eine Veranstaltung im Stadtpark-Restaurant, wie das früher mal hieß.

Diese 35 ist eine Menetekel für die SPD. Sie zeigt nicht nur, daß ihr Wahlkampf schlechter organisiert ist als der eines jungen Menschen, der Klassensprecher werden will. Sie zeigt, daß der Kandidat Ude sogar von den Sozialdemokraten als unvermittelbar, als Fehlbesetzung, als Garant einer krachenden Niederlage gesehen wird. Das sagen sie einem auch, im Hintergrundgespräch.

Und damit geht neben der Geschlossenheit auch noch das Selbstbewußtsein flöten.

Liebe Genossen, Ihr werdet bald das bekommen, was in der Politik mit das Schlimmste von allem ist: Mitleid.

André Freud

Bild: Gerd Seidel („Rob Irgendwer“), CC3.0, abgerufen aus http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:7764ri-Fraktionssitzung-SPD.jpg

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Ein Kommentar

  1. beatebesten7 sagt:

    Da kann einem Ude fast leid tun, bei 35 Besuchern kann man getrost noch einmal 10 Personen abziehen, die für Organisatorisches verantwortlich waren. Obwohl Ude doch wusste, wo Nürnberg liegt

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