Himmel & Hölle

von André Freud:

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Der Verfasser dieser Zeilen dürfte nicht im Verdacht allzu zarter Gefühle für linke Parteien stehen. Aber wenn ein Vertreter einer solchen Partei einen guten Vorschlag macht, dann findet er diesen Vorschlag nicht deswegen schlecht, weil er aus der falschen Ecke kommt. (Dies ist auch ein Hinweis an unseren hochverehrten Herrn Oberbürgermeister, der jede Idee solange schlecht findet, wie sie von der CSU vertreten wird, und die gleiche Idee sofort für knorke hält, wenn er sich mit ihr schmücken kann).

Viele Nürnberger kennen sie: Sophie Rieger. Sie saß in den 1990ern zwei Legislaturperioden lang für die Grünen im Landtag. Und, weiß Gott, die Dame steht ordentlich weit links. Aber Frau Rieger hatte zweierlei: erstens eine gute Idee und zweitens die Bereitschaft, sich selbst finanziell ganz erheblich zu engagieren.

Im Jamnitzer Park in GoHo ist vieles nicht so, wie es vernünftigerweise sein sollte. Das weiß jeder. Nun kam Rieger zusammen mit der Münchner Künstlerin Susi Rosenberg auf die Idee, justament dort eine Installation vorzunehmen: das Kinderspiel „Himmel und Hölle“ in einer Mischung aus ganz real bespielbarer Fläche, Erinnerungsimpuls an die im Stadtviertel früher spielenden Kinder, die beispielsweise aus der benachbarten jüdischen Schule waren, oder aus den Häusern in Gostenhof rundum. Das Spiel „Himmel und Hölle“ ist weltweit bekannt, es wird von Kindern auf allen Kontinenten gespielt.

Ja, die Installation hat auch mahnenden Charakter – aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Wer damit einfach nur spielen mag, der soll das tun. Wer den anderen Aspekt wahrnehmen will, findet darin eine Einladung. Die Sache hat ihren Charme.

Und dann kommt der Nürnberger Betonschädel daher, hier in Form des „Beirats bildende Kunst“. Diese Inhaber der alleinseligmachenden Weisheit wurden von der Stadt aufgefordert, eine Beurteilung abzugeben. Und damit ging die Provinzposse los. Von der Sitzung lud man Rieger und Rosenberg sicherheitshalber aus. Inzwischen versteckt sich der Beirat hinter der Behauptung, die Stadtverwaltung hätte Frau Rieger abgesagt, ohne daß man dies gewußt hätte. Was nun stimmt, ist ganz egal: entweder tagt der Beirat lieber bevorzugt ohne die wohl als Lästigkeit empfundenen Beteiligten, oder er hat nicht im Griff, wer eingeladen und wer ausgeladen wird – beides ist peinlich und falsch.

Und jetzt kommt’s. Der Beirat stellt sich hin und sagt letztlich nichts anderes als: „Gfällt mir net“. Überlegen Sie, geschätzter Leser, mal mit mir gemeinsam, was man von einem Beirat, der eine Empfehlung an die Stadt aussprechen soll, erwarten darf – und was dieser gefälligst nicht abzuliefern hat. Ist der Beirat gefordert, den persönlichen Geschmack seiner Großkopferten zum Maßstab der Dinge zu machen?

Manchmal hilft ein Vergleich. Mögen Sie Döner? Nun, der Schreiber hier mag Döner nicht. Säße ich aber nun in einem Gremium, das die Qualität von Döner beurteilen soll, dann würde man von mir erwarten, daß ich entweder aus dem Gremium ausscheide – oder aber meinem persönlichen Geschmack zum Trotz in der Lage bin, ein faires, fachliches Urteil zu fällen. Im Beirat bildende Kunst kann man wohl nicht so trennen. Und deswegen ist man nicht geeignet.

Auf einer Sitzung im Nachbarschaftshaus waren die hohen Herren, die wohl zwecks Selbstdarstellung teilweise noch mit Gips an Händen und Kleidung aus der eigenen Bildhauerei erschienen (Achtung! Ein Künstler!) erstaunt über den Widerspruch aus der Bevölkerung, von parteilosen Bürgern, von CSUlern, SPDlern, Grünen und so weiter. Fast keiner der Bürger, die ins Nachbarschaftshaus Gostenhof gekommen waren, sprach sie gegen die Installation aus. Da wurde ihnen vom Beirat erstmal erklärt, daß sie nicht verstünden. Sehr freundlich. Und dann wurde mal so, mal so argumentiert. Den Argumenten wurde sachlich widersprochen. Die Beiratsmitglieder zogen ab und sagten zu, die Angelegenheit noch einmal neu prüfen zu wollen. Und nun fand eine Beiratssitzung statt.

Nein, nein, es irrt, wer glaubt, daß die Zusage eines Denkprozesses auch wirklich einen Denkprozeß zur Folge hat. Viele Leser werden das kennen: man merkt einem anderen an, ob er eine Sache an sich will und bemüht ist, dieses oder jenes Problem darin zu lösen, oder ob er mit Gewalt das Haar in der Suppe sucht, um es zu verhindern. Wer etwas verhindern will, der findet immer einen Weg. Genau so lief diese Sitzung ab. Bei einem Detail der Installation forderte der Beirat nun genau etwas, was er kurz zuvor noch scharf kritisiert hatte. Da fühlt man sich, pardon my French, verarscht. Und zwar genau deswegen, weil man verarscht wird.

Der Grund für den Ärger aber liegt tiefer. Es geht nicht um eine sachliche Auseinandersetzung – es geht darum, daß der Beirat seiner Aufgabe nicht im Ansatz gerecht wird. Der Verfasser dieser Zeilen kann mit der Musik Richard Wagners nicht viel anfangen. Fragte mich nun jemand nach meiner Meinung über eine etwaig von mir durchlittene Wagner-Oper, dann müßte ich ihm entweder sagen, daß ich kein faires Urteil abzugeben in der Lage sei – oder ich müßte mich um ein solches bemühen. Das geht durchaus – wenn man sachliche Aspekte über persönliche Vorlieben stellt.

An genau dieser Stelle hat der Beirat versagt. Eine Chance zur Korrektur dieser falschen Herangehensweise hat er ungenutzt verstreichen lassen.

Es gibt und gab schmalose Aspekte in dieser traurigen Geschichte. Ein besonderes Merkmal ist, daß Sophie Rieger gemeinsam mit ihrer Familie die Installation bezahlt – also der Stadt Nürnberg zum Geschenk macht. Man war sich nicht zu schamlos, Frau Rieger vorzuschlagen, sie solle doch ein anderes Kunstwerk zu bezahlen. Stellen Sie sich mal vor, Sie erschienen bei jemandem und brächten ihm eine gute Flasche eines ordentlichen Rotweins mit – und der sagt: „Behalt Deinen Krempel, kauf mir stattdessen gefälligst ein Computerspiel“. Wie würden Sie reagieren? Angefressen. Und womit? Mit Recht.

Sophie Rieger überlegt nun, ob sie diese Installation einer anderen Stadt, mit der sie ebenfalls verbunden ist, zum Geschenk macht: Erlangen. Dort hat man bereits erfreut reagiert.

Aber so weit muß es nicht kommen. Nachdem die Stadträte Joachim Thiel (CSU), Theodoros Agathagelidis und Gebhard Schönfelder (beide SPD) dem Vorhaben von Sophie Rieger positiv gegenüberstehen, hat sich nun erfreulicherweise Nürnbergs Kulturreferentin Prof. Dr. Julia Lehner (CSU) zu Wort gemeldet. Sie will die verfahrene Situation lösen. Gut so. Wir sollten dringend den Bürgersinn stärken und dazu animieren, sich mit konkreten Vorhaben einzubringen.

Wenn andere, die derzeit überlegen, ob sie ihrer Stadt Nürnberg eine große oder kleine Stiftung, ein Geschenk machen, diese Posse mitbekommen, dann wirkt das sicherlich nicht gerade ermunternd. Der Beirat bildende Kunst hat hier viel Porzellan zerdeppert – weil er seiner Aufgabe nicht gewachsen ist. Wie sagte Michael Frieser MdB (CSU) neulich? „Provinz ist keine Frage des Ortes, sondern eine Frage des Kopfes“. Warum müssen ihm so viele ständig Recht geben?

Liebe Julia Lehner: Übernehmen Sie!

 

Bild: Michelangelo (1475-1564), „Die Verdammten werden in die Hölle gestürzt“, Ausschnitt aus „Das Jüngste Gericht“, Sixtinische Kapelle, Rom; gemeinfrei

 

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