Nein, Herr Mazyek

von André Freud:

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Aiman Mazyek ist Vorsitzender des „Zentralrats der Muslime in Deutschland“. Der Name ist, wie man leicht erkennt, vom Zentralrat der Juden in Deutschland abgekupfert. Während aber nahezu alle jüdischen Gemeinden in Deutschland in ihrem Zentralrat vertreten sind (die Nürnberger Israelitische Kultusgemeinde ist hier eine merkwürdige Ausnahme), sind im „Zentralrat der Muslime“ gerade einmal 15.000 Muslime vertreten – bei vier Millionen Muslimen in Deutschland! Der „Zentralrat der Muslime“ spricht also gerade einmal für 0,38 % der Muslime in Deutschland. Man erkennt: Bei dem hochtrabenden Namen „Zentralrat“ handelt es sich in diesem Fall um eine Mogelpackung: der sogenannte „Zentralrat“ ist einer der kleinsten muslimischen Vereine in ganz Deutschland.

Man müßte also den Herrn Mazyek eigentlich nicht besonders ernst nehmen. Man tut es aber. Besonders in den Medien wird Herr Mazyek immer wieder gerne zitiert – warum auch immer. Nun sollte man wissen, daß Mazyek einer ist, der die Scharia als Grundlage des Strafrechts für Deutschland nicht ablehnt. Man sollte auch einmal erleben, wie Herr Mazyek im realen Leben auftritt. Eine Veranstaltung im Nürnberger Presseclub vor einiger Zeit war erschreckend.

So oder so, Mazyek meldete sich gestern zu Wort und forderte die Einführung muslimischer Feiertage in Deutschland. Da ihm einer nicht genügt, sollen es gleich zwei werden. Das würde, sagte Mazyek, „die Toleranz in unserer Gesellschaft“ unterstreichen. Da bringen Sie etwas durcheinander, Herr Mazyek. Zunächst mal ist mit Feiertagen immer ein staatlicher Feiertag gemeint. Die haben entweder einen weltlichen Charakter wie etwa der 3. Oktober, oder aber sie beruhen auf der über ein Jahrtausend alten christlichen Kultur, die diesem Land ihr Gepräge gegeben hat. Unser Gesellschaftsmodell, unsere Sozialordnung, unsere Gesetze – allem voran unser Grundgesetz – beruhen auf der christlich-jüdischen Kultur; sie beruhen nicht auf dem Islam. Vor zweihundert Jahren waren fast alle Deutschen Mitglied einer Kirche. Aus dieser Zeit stammt der heutige Feiertagskalender. Natürlich ist es wahr, daß die Religion heute für die meisten Deutschen eine weitaus geringere Rolle spielt als früher. Daß man die christlichen Feiertage weitgehend beibehält, hat gewiß weniger mit dem christlichen Inhalt zu tun als damit, daß die Menschen sich an sie gewöhnt haben und sie nicht mehr hergeben wollen. Sie spielen natürlich auch im Familienleben nach wie vor eine bedeutsame Rolle – auch wenn die Kirchen leerer sind als früher.

Was aber hat, wie Mazyek sagt, die Einführung von muslimischen Feiertagen mit „Toleranz“ zu tun? Warum soll es „tolerant“ sein, wenn in einem Staat, in dem seit zweihundert Jahren kein religiöser Feiertag mehr eingeführt worden ist, plötzlich einer eingeführt werden soll? Wohlgemerkt: Die Rede ist nicht davon, daß die Mehrheitsgesellschaft einer über die Religion definierten Minderheit keine Toleranz entgegenbringen sollte – natürlich soll sie das. Aber warum soll in einem weitgehend säkularen Staat plötzlich ein religiöser Feiertag einer Minderheit eingeführt werden, und was soll das mit Toleranz zu tun haben? Christliche religiöse Feiertage sind in ihrer Bedeutung längst schon auf dem Rückzug. Sie sind nicht mehr als religiöse Feiertage gefragt, sondern als arbeits- und schulfreie Tage, als Brückentage. Man frage mal herum, was an Pfingsten gefeiert wird – das bringt erstaunliche Antworten zutage. Nein, diese Gesellschaft wird immer säkularer. Man kann das verurteilen oder begrüßen, aber so ist es. Und nun soll der deutsche Staat einen religiösen Feiertag einer religiösen Minderheit einführen, weil das angeblich tolerant sein soll? Nein, das Wort paßt hier ganz und gar nicht.

Mazyek behauptet weiter, daß dies ein „wichtiges integrationspolitisches Zeichen“ sein soll. Vielleicht hat Herr Mazyek ein anderes Verständnis vom Wort Integration, aber allgemein versteht man darunter, daß neu Hinzugekommene sich in die Mehrheitsgesellschaft integrieren, sich ihr auch ein gutes Stück weit anpassen, und daß im Gegenzug die Mehrheitsgesellschaft ihnen den Freiraum läßt, die mitgebrachte Kultur zu bewahren, zu pflegen und zu leben. Minderheiten haben natürlich Anspruch darauf, geschützt zu sein und sich nicht dem Diktat der Mehrheit einfach unterwerfen zu müssen. Wir fordern ja keine Assimilation, also keine Anpassung auch in Fragen der Religion an die deutsche Gegenwart, sondern wir lassen jeden seine Religion leben – so gehört sich das, so muß das sein. Andererseits aber muß die Minderheit eben auch akzeptieren, daß sie Minderheit ist – und kann keine kulturhegemonialen Ansprüche erheben, kann also nicht der Mehrheit vorgeben, wie die zu leben hat.

Am morgigen Karfreitag ist einer der höchsten christlichen Feiertage. Ich würde mir wünschen, daß dieser Feiertag in unserer Gesellschaft allgemein geachtet wird. Meiner persönlichen Wahrnehmung nach ist dies keineswegs mehr der Fall. Ich bedaure das – bin aber zugleich auch froh darüber, daß es keinen besonderen staatlichen Zwang gibt, diese Tage besonders zu behandeln. Ich möchte gewiß nicht angehalten werden, Feiertage anderer Religionen achten zu müssen.

Der Anspruch einer Religion, ihre Feiertage zu staatlichen Feiertagen zu machen, paßt überhaupt nicht mehr in unsere Zeit. Seit vorgestern ist Pessach, eines der höchsten jüdischen Feste. Es gab nie einen Versuch der Juden in Deutschland – vor 1933 etwa ein Prozent der Deutschen -, einen jüdischen Feiertag einzuführen. Pessach betrifft die Juden; die feiern es – gut so. Den deutschen Staat als Gesamtheit betrifft das wenig. Mazyek geht es darum, die islamische Religion im deutschen Staat zu verankern. Das hat mit Integration nichts zu tun.

Mazyek sagte weiterhin, daß das für die „Arbeitswelt von Vorteil“ sei: so könnten bei der Polizei Muslime für Kollegen freinehmen, die sich an Ostern frei nähmen. Naja. Das zeigt vor allem, daß Mazyek von der Arbeitswelt nicht allzu viel Ahnung hat. Mit seinem Vorschlag, zwei muslimische Feiertage einzuführen, hat das rein gar nichts zu tun. Zum einen haben bei der Polizei Feiertage keine besonders große Bedeutung; die meisten Polizisten haben auch an Feiertagen Dienst. Ein christlicher Polizist hat am Karfreitag nicht frei. Es ist für den Dienstplan ziemlich irrelevant, ob ein Tag ein Feiertag ist. Eine ganz andere Frage ist es, ob nicht ein muslimischer Polizist mit einem christlichen Polizisten den Dienst tauschen kann, damit der eine in die Moschee, der andere in die Kirche gehen kann. Das geht natürlich – und das hat nichts, aber rein gar nichts damit zu tun, ob ein Tag ein gesetzlicher Feiertag ist oder nicht. Das eben ist ein Akt der Toleranz, wenn der christliche Polizist einen Dienst tauscht, damit der muslimische Polizist an seinem Feiertag frei hat, und umgekehrt. Die Arbeitswelt jedenfalls hat von zusätzlichen, religiösen Feiertagen keinen Vorteil – sie hat nur Nachteile. Insbesondere übrigens auch finanzielle: ein zusätzlicher Feiertag kostet etwa 0,3 % des Bruttoinlandprodukts, also rund 107 Milliarden Euro – bei den gleich zwei muslimischen Feiertagen, die Mazyek fordert, sinkt das Bruttoinlandsprodukt um rund 200 Milliarden Euro. Das kann nicht sein.

Vor allem aber stolpere ich bei dieser sachlich schlichtweg falschen „Begründung“ über eine andere Stelle. Man mag mich ja schimpfen, aber ich kann nicht behaupten, zumindest in Nürnberg ausreichend viele muslimische Polizisten wahrgenommen zu haben, um das ganze überhaupt durchführen zu können. Wovon redet Mazyek eigentlich? Muslimische Polizisten sind die große Ausnahme. Da Muslime etwa 5 % der Bevölkerung ausmachen, aber nur etwa 3 % der Deutschen (denn viele haben keine deutsche Staatsbürgerschaft), müßten doch etwa 3 % der Polizisten Muslime sein. Mir liegen keine aktuellen Zahlen darüber vor (hat jemand welche? würde mich darüber freuen – bitte Nachricht an mich!), aber nachdem ich über ein Jahrzehnt in unmittelbarer Nähe zum Nürnberger Polizeipräsidium wohnte, wage ich die Behauptung, daß es weitaus weniger als 3 % sind. Wie sollen da Feiertagsschichten getauscht werden? Mazyek redet hier, zumindest auf Bayern bezogen, schlichtweg Unsinn.

Die Robert-Bosch-Stiftung unterstützt Mazyeks Anspruch, denn das geltende Recht wirke sich „zunehmend als Ungleichbehandlung von Religionen“ aus. Naja, und was soll daran bitteschön falsch sein? Dieses Land beruht auf dem christlich-jüdischen Weltbild, ist in seinen Strukturen aus dem Christentum heraus entstanden. Natürlich wird das Christentum einen anderen Einfluß haben als andere Religionen; das ist nicht nur klar, das ist auch ganz richtig so.

Merkwürdig finde ich, daß diese Forderung Mazyeks gerade von den Zeitungen der WAZ-Gruppe heute positiv begleitet wird. Die dahinter stehende politische Meinung steht christlichen Traditionen und Feiertagen sehr kritisch gegenüber. Wie geht das zusammen? Einerseits spricht man klar negativ über die christlichen Traditionen, aber andererseits will man muslimische Traditionen in diese Gesellschaft hinein tragen. Da komme ich nicht mehr mit.

Der geneigte Leser wird mir zustimmen, daß die „Argumente“ Mazyeks widerlegt sind. Wer heute morgen im Deutschlandfunk die Presseschau hörte, bekam allerdings kein kritisches Wort dazu zu hören. Über die veröffentlichte Meinung darf man manchmal schon erstaunt sein.

Im Übrigen gilt natürlich eines: gesunder Menschenverstand sollte stets Vorrang haben. Es sollte die normalste Sache der Welt sein, daß in einem Betrieb Mitarbeiter Schichten tauschen können, wenn einer in die Moschee gehen will. Oder in die Kirche, die Synagoge, den Tempel. Und dort, wo das nicht möglich ist, sollte der Chef flexibel reagieren. Das ist der Bereich, in dem das Miteinander und Toleranz gefragt sind. Aber muslimische Feiertage brauchen wir in unserem Land nicht.

 

(Nachbemerkung: ich nahm mir fest vor, die Artikel hier kürzer zu halten. Bei manchen Themen allerdings ist das schlechterdings unmöglich).

Bild: Jakub Szypulka, Lizenz CC3.0, aus Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Aiman_Mazyek.jpg

 

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