Ist Feminismus Sexismus?

von André Freud:

IMG_2061

Eine kleine Provokation im Titel hat noch nie geschadet. Und die Antwort auf die gestellte Frage lautet: Im Prinzip ja.

Freilich kommt es darauf an, wie man Feminismus definiert. In der deutschsprachigen Wikipedia heißt es dort unter anderem, daß das „Ende aller Formen von Sexismus“ Ziel des Feminismus sei. Das mag ja nun auf den ersten Blick widersprüchlich sein: Wie kann etwas, das das Ende von Sexismus zum Ziel hat, selbst sexistisch sein?

Das ist gar kein Problem. „Die Sexismus-Debatte wird angezettelt von Leuten, die selber Sexisten sind, bei denen die geschlechtliche Zugehörigkeit im Mittelpunkt ihrer Selbst- und Fremdbilder steht und die ihr Geschlecht für das bessere halten“ (Bernhard Lassahn). Diese Sexisten glauben, zigfachen naturwissenschaftlichen Gegenbeweisen zum Trotz, daß bis auf die Reproduktionsorgane Mann und Frau gleich wären. Das ist unsinnig. Mediziner fanden in einer der umfangreichsten Studien aller Zeit an über 200.000 Neugeborenen heraus, daß in allen Kulturen weltweit Neugeborene bereits ab dem ersten Lebenstag verschieden reagieren – je nach dem, ob es Mädchen oder Jungs sind.

Derlei gesichertes Wissen wird von den Sexismus-Gläubigen vollständig ignoriert. Für sie sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau ein reines Produkt von Erziehung, Sozialisation – von gesellschaftlichem Einfluß. Dieser gesellschaftliche Einfluß sei die alleinige (!) Ursache dafür, daß Frauen seltener Ingenieure werden, seltener Informatiker, Elektrotechniker oder Kfz.-Mechaniker werden (oder wie immer dieser Beruf heute heißt). Der Witz an der Geschichte ist: Jeder weiß, daß das nicht stimmt. Der Grund ist keinesfalls gesellschaftlicher Einfluß. Gerade in denjenigen Ländern der Welt, in denen die Gleichberechtigung am weitesten vorangeschritten ist, wählen weniger (und nicht mehr) junge Frauen diese Berufe. Das bedeutet: Je höher die eigene Freiheit ist, solche Entscheidungen zu treffen, desto deutlicher zeigen sich die Präferenzen.

Nun wird niemand ernsthaft bestreiten wollen, daß gesellschaftlicher Einfluß uns Menschen ganz massiv prägen kann. Und daß dies auch wirklich geschieht, wird ebenfalls niemand bestreiten. Wenn sich aber Stimmen erheben, die fordern, diesen Einfluß abzuschaffen, muß man erst einmal zwei Fragen stellen: 1. Geht das überhaupt? 2. Wäre das gut?

Im konkreten Fall wissen wir, daß es nicht geht. Männer und Frauen sind in mancher Hinsicht verschieden. Das ist biologisch begründet und dürfte vor allem mit dem Hormon Testosteron zu tun haben.

Gut wäre es nicht. Denn wenn man den Menschen wider seine Natur verändern will, geht das nicht freiwillig – also geht es nur unter Zwang. Damit wären wir dann wieder bei Menschenexperimenten, wie sie von einigen der verwerflichsten Gestalten der Menschheitsgeschichte unternommen wurden.

Was so ärgerlich an dieser Debatte ist: Sie hat mit Gleichberechtigung nichts, aber auch rein gar nichts zu tun. Denn die Erkenntnis, daß Mann und Frau verschieden sind, führt unter keinen Umständen zur Aussage, daß Mann und Frau verschieden viel wert sind. Genau diese Behauptung aber wird von den angeblichen Sexismus-Bekämpfern immer wieder, offen oder verdeckt, aufgestellt.

Und dann schnappt die Falle zu. Ein Mann hilft einer Frau in den Mantel – also ist er ein Sexist. Erwischt! Bundespräsident Gauck macht eine treffende Bemerkung gegen den „Tugendfuror“ – also ist er ein Sexist. Das ist so billig und abgefeimt – dahinter steckt eine Geisteshaltung, die verlangt, niemals etwas über Frauen zu sagen, was eine Frau als abwertend interpretieren könnte (auch wenn sie dazu erst einmal das Gesagte umdrehen muß). Gleichzeitig aber dürfen natürlich die angeblichen Sexismus-Bekämpfer alles, was ihnen an negativen Plattitüden über Männer einfällt, von sich geben, und der Mann als solcher muß dem auch noch zustimmen, denn sonst ist er überführt, ein – na, was wohl? – Sexist zu sein.

Man erkennt die Auswüchse dieses weltanschaulichen Wahnbildes relativ leicht. Etwa, wenn ein T-Shirt aus dem Otto-Versand (für Mädchen, wie man am Rosa erkennt) mit dem Aufdruck „In Mathe bin ich Deko“ aus dem Handel genommen werden muß. Welch ein hanebüchener Unsinn, möchte man rufen, wenn es nur nicht so diktatorisch, anmaßend, feindelig wäre, was da dahinter steckt. Ein knappes Drittel aller männlichen Studenten studieren ein Ingenieursfach. Bei Frauen sind es etwa 8 %. Auf drei Männer kommt hier also eine Frau. Ganz anders bei Sozialwissenschaften, Sozialwesen, Psychologie und Pädagogik: Hier kommt auf drei Frauen kaum ein Mann. Über dieses T-Shirt regt sich die ganze Republik auf, darüber vergißt man glatt das Vaterland.

Andererseits regt sich kaum jemand darüber auf, wenn allerortens Che Guevara-T-Shirts verkauft und getragen werden. Der Typ war zwar ein ziemlich mieser Mörder, aber hallo – er mordete mit geballter Faust, also ist er eine Pop-Ikone…

Es gibt aber nicht nur die lauten Töne – es gibt auch die leisen. Die Versuche, quasi übers Hintertürchen eine Ideologie in die Köpfe der Menschen zu hämmern. Einer dieser Manipulationsversuche ist die sogenannte „gerechte Sprache“. Schon die Bezeichnung ist eine Anmßaung par excellence. Worum geht es? Es geht um die Gott. Da versuchen immer mal wieder welche, beispielsweise die Bibel „geschlechtergerecht“ zu übersetzen. Gerecht ist daran gar nichts; das ist eine Mischung aus Anmaßung, Ahnungslosigkeit und Arroganz. Gott – nehmen wir den jüdischen oder christlichen – ist als „Vater“ gezeichnet, mit Eigenschaften, die ein „Vater“ hat (oder: haben soll). Das Weibliche ist sowohl im Alten als auch im Neuen Testament in anderen Personen reflektiert – bei den Katholiken natürlich vor allem in der Gottesmutter. Es ist also nicht nur eine absurde Verfälschung der Bibel, nun auf einmal „das Gott“ oder „die Gott“ zu schreiben – es ist auch schlicht und ergreifend falsch.

Nun kann man lange lamentieren, ob das von unseren Altvorderen ab 1000 v. Chr. im Alten Testament oder ab etwa 100 n. Chr. sexismusfrei gedacht war, als sie Gott als Vater, also als Mann beschrieben. Aber zum einen muß man doch wohl feststellen, daß jemand, der das ändern will, sich schon mal außerhalb der Religion befindet: so jemand glaubt nicht mehr an das, was seine Religion lehrt. So jemand nimmt die Bibel nur noch als ethischen Leitfaden. Das mag man ja so tun, es ist eines jeden Menschen freie Entscheidung. Es hat aber mit Religion nichts mehr zu tun. Und vor allem verliert doch wohl ein jeder, der sich außerhalb einer Religion befindet, in gewisser Weise den Anspruch darauf, den Gläubigen dieser Religion etwas Theologisches vorschreiben zu wollen. Anmaßung, Arroganz, Ahnungslosigkeit.

Vor gut einhundert Jahren, als der Kampf mancher Frauen und einzelner Männer gegen die Unterdrückung der Frau, die, wer wollte das bestreiten, auch in der westlichen Welt die gesellschaftliche Norm war, begann, da war vielleicht der Unterschied zwischen denen, die Ungerechtigkeit aufheben wollten und denen, die ein neues, mindestens ebenso ungerechtes System etablieren wollten, nicht so augenfällig.

Heute sind bei uns die groben Ungerechtigkeiten gegen Frauen, die reale Unterdrückung von Frauen, passé. Es mag noch Reste geben, und die sind natürlich noch abzustellen. Allerdings entsteht seit einigen Jahren auch und gerade bei uns eine Gruppe von unterdrückten Frauen, und ihre Zahl nimmt zu – eine sehr bedenkliche Entwicklung. Es ist in diesem Zusammenhang erstaunlich, daß eine Ikone der Feministen, Judith Butler, ausgerechnet die Terror-Organisation Hamas als eine „progressvie Bewegung“ bezeichnet. Als Frau unter der Hamas zu leben ist ungefähr so „progressiv“ wie Hexenverbrennungen – aber an solchen unfaßbaren Widersprüchen haben sich Menschen, die ihre Ideologie über den Verstand stellen, noch nie gestört.

An dieser Stelle erkennt man auch den Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Feminismus. Gleichberechtigung heißt eben nicht, daß man hier in brutalst-sozialistischer Manier alle gleich macht, auch wider die Natur, sondern daß man die Menschen mit all ihren Unterschieden gleich berechtigt. Eine Frau kann Ingenieurin werden, wenn sie es will – sie muß es aber nicht. Und Gott darf Gottvater bleiben. Damit mutet man keinem Menschen etwas zu. Feminismus hingegen ist Ignoranz der Wirklichkeit. Es handelt sich dabei um einen Akt der intellektuellen Vergewaltigung. Wenn Menschen gegen ihre Natur und gegen ihren freien Willen gezwungen werden, ihr Leben, ihr Denken, ihr Sprechen einer Ideologie unterzuordnen, dann ist das eine Perversion dessen, was menschliche Freiheit, was Menschenwürde ist.

Besonders betrüblich ist auch, daß der angebliche Versuch, die Welt von sexueller Unterdrückung zu befreien, von jenen Kräften dadurch betrieben wird, daß sie die Welt von Sex befreien wollen. Dazu bei anderer Gelegenheit mehr, aber eines sei kurz festgestellt: Das Rollenverhalten von Männern untereinander, Männern gegenüber Frauen und Frauen untereinander ist natürlich massiv davon geprägt (natürlich nicht direkt, sondern vor allem auch indirekt). Das ist nicht nur nichts Verkehrtes – das ist völlig in Ordnung so. Die Frage, ob ein Mann sich benehmen kann oder nicht, ist auf einer anderen Ebene angesiedelt. Die lust- und lebensfeindlichen Versuche dieser angeblichen Inhaber der höheren Moral sind keine Bemühungen, das Leben von irgendjemandem besser zu machen. Es sind Versuche der Unterdrückung. Und zwar der Unterdrückung von Mann und Frau, der Unterdrückung aller Menschen.

 

Die genannten Zahlen sind http://www.studienwahl.de entnommen.

Bild: Freud

Advertisements