Baby Ahnungslos und Kir Monaco

von André Freud:

Ude

In den 1980ern war’s, als Helmut Dietl uns mit seiner großartigen Mini-Serie „Kir Royal“ unterhielt. Das Schöne daran war, daß manchen Figuren der Serie reale Menschen als Vorbild dienten, etwa der damals mit seinem „Extrablatt“ an der Leopoldstraße berühmte Michael Graeter. Ich könnte jetzt auch noch über seinen Vorgänger zu sprechen kommen, den legendären Hannes Obermaier (besser bekannt als „Hunter“ bei AZ und BILD), oder Sigi Sommer. Ab ach, tempi passati. Und außerdem würde dies hier dann eine freundlich-fröhliche Glosse werden.

Nun weiß ich, daß meine geschätzten Leser meist etwas anderes von mir erwarten; nennen wir es, wenn es gut gelingt, ein unterhaltsames Granteln. Leider besteht dazu oft kein Anlaß. Unterhaltsam kann das Granteln nämlich dann sein, wenn der zugrundeliegende Sachverhalt nicht allzu sehr von Übel ist. Ist es aber ein wirklich übler Sachverhalt, dann hat sich’s was mit „unterhaltsam“, dann muß der Ärger auch einmal hinaus – denn es ist ein Akt psychischer und emotionaler Hygiene, den Ärger, den man verpaßt bekommt, nicht einfach herunter zu würgen, sondern ihn postwendend demjenigen vor die Füße zu knallen, der ihn ausgelöst hat. Zu meiner Freude bin ich darüber informiert, auch von SPDlern gelesen zu werden, von den meisten am Computer – nur OB Maly läßt sich nach eigenem Bekunden Ausdrucke vorlegen, denn er ist ja nicht sehr internetaffin.

Also, liebe Genossen, dann mal frisch aufgemerkt! Ihr habt Euch da einen Spitzenkandidaten für die bayerische Landtagswahl besorgt. Ude mit Namen, und ansonsten mit nicht allzu vielen Eigenschaften versehen, die ihn für das schönste Amt der Welt qualifizieren (bislang galt hier die Einschränkung „nach dem Papst“, aber das dürfte nun hinfällig geworden sein).

Der reist nun durch die Lande (der Ude, nicht der Papst) und ist Tag für Tag erstaunt, wie groß Bayern ist. Er lernt ihm völlig unbekannte Landstriche kennen – Franken, beispielsweise, und seinem Gesicht sieht man an, daß er den alten Spruch der Oberbayern täglich denkt: „Man muß Gott für alles danken, auch für Ober-, Mittel-, Unterfranken“. Er fremdelt schon ordentlich mit Bayerns oberer Hälfte. Selbst der in dieser Hinsicht zu Beginn seiner Ministerpräsidentschaft durchaus zu hinterfragende Horst Seehofer hat Franken längst als tatsächlich zu Bayern gehörend verinnerlicht. Ude ist davon weit entfernt.

Wenn er nicht überrascht von den vielen, ihm fremden Gegenden des Freistaats unterwegs ist, dann trifft er sich mit seinem Wahlkampfteam. „Kampa“ nannte man derlei früher in der SPD, das sollte wohl forsch und erfolgsorientiert klingen. So sind’s halt, die Sozen: Hauptsache, es trägt einen tollen Namen. Was sich dann unter der Verpackung verbirgt, ist weitaus weniger wichtig. Es soll halt ‚was hermachen. Solcherart allerdings entstehen keine guten Inhalte – solcherart entstehen Mogelpackungen. Wie beispielsweise das „Abitur“ in gewissen, traditionell sozialdemokratisch regierten Ländern. Jedenfalls sind die Ergebnisse meist traurig.

Der Wahlkampf der BayernSPD ist denn auch danach. Interner Zoff ohne Ende, gegen das die gelegentlichen Hakeleien innerhalb der CSU nach Streichelzoo aussehen – es seien nur die Namen Adam und Pronold erwähnt.

Aber ab und zu kann eine gewisse Presse nicht widerstehen und gibt dem Ude eine Gelegenheit, das Ausmaß seiner politischen Klugheit öffentlich zu machen. So tat es am 22.02. die Süddeutsche Zeitung. Typisch für diese Zeitung, die einst sich des Rufs erfreute, ein seriöses Blatt zu sein, ist die Herangehensweise des Herrn Journalisten, in diesem Falle ein Frank Müller: Man käut Udes Aussagen wieder. Da wird also nichts hinterfragt – nein, wo kämen wir denn da hin? Da wird auch nicht die Position des Angegriffenen, in diesem Falle: Markus Söder, wiedergegeben. Qualitätsjournalismus à la SZ eben. Es wird also schlicht wiedergegeben, was Ude so von sich gab. Braucht’s dafür eine Zeitung? Tut es da nicht irgendein SPD-Blog?

Nun sollte sowohl ein Politiker als auch ein Journalist wenigstens gelegentlich ein klein bißchen Kontakt zur Realität halten. Das erleichtert die Arbeit nicht nur ungemein – nein, es hilft auch dabei, besser zu werden. Das aber läßt man lieber bleiben.

Ude wirft vor allem Markus Söder vor, durch sein Handeln die Chancen Bayerns auf eine Verbesserung beim Länderfinanzausgleich kaputtzumachen. Okay, eine interessante These. Die sollte man prüfen. Fangen wir damit an, wer sie aufstellt: der Kandidat der BayernSPD. Ist es richtig, daß die BayernSPD vergangene Woche im Bayerischen Landtag gegen die Erhebung einer Klage gegen den Länderfinanzausgleich (LFA) stimmte? Ja, das ist richtig. Nun verhält sich die Sache so, daß man entweder mit der Klage Erfolg haben wird oder aber die anhängige Klage die Erfolgsaussichten bei Verhandlungen drastisch verbessert – denn Berlin & Co. müßten befürchten, vor Gericht noch mehr zu verlieren als bei Verhandlungen mit Bayern. Eine Klage bringt dem Freistaat also nur und ausschließlich Vorteile. Und was macht Udes SPD? Sie stimmt dagegen. Hm. Und Markus Söder schwächt Bayerns Chancen auf eine Verbesserung? Das ist so dermaßen durchschaubar und infam! Ude tut alles, damit seine Genossen in Berlin weiterhin „geschlechtsübergreifende WCs“ bauen können und einen Flughafen, für den uns mittlerweile die Mongolen auslachen – und weil er dafür vom Wähler nicht die angemessene Quittung erhalten will, tänzelt er durch die Presse und murmelt: „Der Söder ist schuld!“. Na, ich dank‘ schön.

Ude, der große Zampano, kündigt eine Anfrage der SPD an, auf daß die Staatsregierung erklären möge, auf welchen Konferenzen Söder Gesprächsversuche in Sachen Länderfinanzausgleich gestartet habe. Daran fällt zunächst auf: Ude ist kein MdL. Der hat so viele Rechte im Maximilianeum wie ich, also: keine, die über die Rechte eines Besuchers hinausgehen. Naja, mit derlei Kleinkram nimmt es Ude nicht so genau. Wer schon ganze Regierungsbezirke nicht kennt, der darf auch darüber hinwegsehen, daß man MdL sein muß, um im Landtag einen Antrag zu stellen. Sei’s d’rum, auf diesen Einwand wird gewiß erwidert, daß das natürlich die SPD-Landtagsfraktion machen werde, daß man nur dem Spitzenkandidaten die Gelegenheit gegeben habe, diesen wichtigen Schritt öffentlich zu machen, bla, bla. Abhaken.

Der Söder also sei schuld, daß es beim LFA nicht vorangegangen sei, weil der nicht auf jeder Sitzung der deutschen Finanzstaatsminister teilgenommen habe. Hallo, SPD! Bitte mal dem Ude einen Zettel reichen: Für den Länderfinanzausgleich sind die Ministerpräsidenten zuständig – nicht die Finanzminister. Das hilft dem Möchtegern-Ministerpräsident-Azubi gewiß weiter.

Der Söder sei seit Amtsantritt (vor anderthalb Jahren) nur zu einem Antrittsbesuch gewesen, danach aber nie wieder. Sagt Ude. Stimmt’s? Na, was denken Sie? Eben: stimmt natürlich nicht. Da hat er wohl etwas verwechselt: Nils Schmid (SPD) aus dem ehemals wohlhabenden Baden-Württemberg – der war nur einmal anwesend! Und der Vorsitzende der Finanzminister-Konferenz, der nordrhein-westfälische Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD), der als Vorsitzender ja wohl nicht so einfach durch Staatssekretäre und Beamte ersetzt werden kann, hat sich in der Hälfte der Konferenzen vertreten lassen.

Und da kommt der Ude daher und erzählt Unwahres und verschweigt, was seine eigenen Genossen in dieser Hinsicht leisten. Und die ach so furchtbar angesehene SZ druckt den Klumpatsch auch noch einfach ab, ohne für 5 Cent zu recherchieren. Das muß man erstmal schaffen!

Wohl wahr: das ist nicht mehr witzig. Aber eines macht mich dann doch wütend: Wie kommt es nur, daß bei diesem Totalausfall immer noch 19 % tatsächlich SPD wählen wollen?

Gewiß stimmt der Satz: „Jeder blamiert sich, so gut er kann“. Es tut mir aber doch weh mitanzusehen, wie aus einer ehrenwerten Partei, wie es die SPD einst war, sukzessive nur noch die Karikatur ihrer selbst wird.

Wenn in Kir Royal der Baby Schimmerlos eine überzeichnete Karikatur war, dann geht das in Ordnung, weil es Fiktion, Fernsehen, Satire war. Aber Politik ist real, Ude ist real, das alles sind real gesprochene und womöglich ernstgemeinte Worte gewesen. Nur eines sind sie nicht: wahr. Sie beschreiben etwas, was in Udes Kopf vor sich gehen mag, aber nichts, was mit der Realität zu tun hätte. Und so einer träumt davon, bayerischer Ministerpräsident zu werden.

Da tröstet nur eines: die Gewißheit, daß Ude erst dann Ministerpräsident wird, wenn Klaus Wowereit zum Chefplaner für alle deutschen Flughäfen ernannt sein wird. Also nie.

Bild: Michael Lucan / Lizenz: CC BY-3.0, aus: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:2011-07-02_UdeInterview-1500.jpg

Zum SZ-„Artikel“: http://www.sueddeutsche.de/bayern/streit-um-laenderfinanzausgleich-ude-wettert-gegen-soeders-protzerei-1.1607620

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