Erinnern

von André Freud:

Bücherverbrennung

Am 10. Mai 1933 brannten in Deutschland die Bücher. Auch am Nürnberger Hauptmarkt wurde diese „Aktion wider den undeutschen Geist“ abgehalten: von nationalsozialistischen Studenten, von SA, SS und HJ.

Heinrich Heine schrieb ein Jahrhundert zuvor: „Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“. Leider sollte Heine Recht behalten.

Nun war Nürnberg auch im Nationalsozialismus ein besonderes Pflaster. Mit dem Namen des Julius Streicher befleckt, tun wir uns immer noch schwer mit dem Erbe. Darin liegt auch die eigentliche Leistung der nachfolgenden Generationen: Im sich schwer tun. Wir würden dem, was vor achtzig Jahren hier geschah, gewiß nicht gerecht werden, wenn wir auf alle Fragen eine sofortige Antwort hätten. Im Ringen um die richtige Antwort findet die erforderliche Beschäftigung mit dem statt, womit wir uns eben beschäftigen müssen.

Es gibt in Nürnberg sehr wohl mehrere gute Ansätze zur Auseinandersetzung mit diesem Teil der Vergangenheit der Noris. Das wichtigste davon geht übrigens auf den Nürnberger Ehrenbürger Dr. Oskar Schneider zurück. Wir Nürnberger können jedem sagen: Ja, wir stellen uns unserem Erbe, sowohl dem gutem wie auch dem schlechten, wir nehmen die Vergangenheit unserer Stadt als Ganzes an.

Aber eines fällt doch auf: die Erinnerungsstätten sind im wesentlichen draußen, außerhalb der Altstadt: am Parteitagsgelände, im Gerichtssaal an der Fürther Straße. In der Stadt selbst allerdings – da ist nicht viel. Im Nürnberger „Braunen Haus“ residiert der Herausgaber der NN. Das Rathaus ist, soweit es noch steht, mit Jahrhunderten Nürnberger Geschichte verwogen und nicht in besonderem Maße mit der Zeit der Nationalsozialisten. Das Gebäude der Gestapo steht nicht mehr. Der Kulturverein, in dem die „Nürnberger Gesetze“ von der Karikatur dessen, was sich einmal „Deutscher Reichstag“ nannte, beschlossen wurden, steht nicht mehr. Die Villa im Cramer-Klett-Park, in der Streicher wohnte, ist Vergangenheit. Mit innenstadtnahen Orten des Erinnerns ist es nicht weit her.

Nun ist es zwar richtig, daß an sich in Deutschland kein Mangel an Erinnerungsstätten besteht. Andererseits – in Nürnberg gibt es quasi nichts innerhalb der Altstadt, vom Stein, der an die Synagoge am Hans-Sachs-Platz erinnert, einmal abgesehen. Stattdessen haben wir eine bemerkenswerte Kontinuität insbesondere in der Baubehörde gehabt; der NS-Baurat Schmeißner wurde nach 1945 prompt mit der Leitung des Wiederaufbaus beauftragt – was man mit etwas bitterer Ironie als einen geschlossenen Kreislauf ansehen könnte.

Gerade der Hauptmarkt war ein zentraler Bestandteil der Inszenierungen nicht nur der Nürnberger Nazis, sondern der Nazis überhaupt. Hier war es, ungefähr 10 Meter gegenüber der Norma, wo Hitler jährlich den Vorbeimarsch der braunen Kolonnen abnahm, die über die Fleischbrücke in Richtung Burg marschierten. Hier fanden auch nach dem begonnenen Ausbau des Parteitagsgeländes am Dutzendteich wesentliche und zentrale Kundgebungen der jährlichen Parteitage statt. Daran erinnert heute nichts.

Vielleicht muß das auch nicht sein. Wir müssen den Durchgeknallten aus unserem wie auch aus anderen Ländern keinen Hinweis geben, sich exakt hierhin zu stellen, um am gleichen Ort zu stehen wie dieser Menschenschlächter.

Die Bücherverbrennung aber ist ein ander Ding. Von ihr geht kein Schauder der Massengeometrie aus. Sie gibt nicht an mit der vermeintlichen Größe à la humorlosem Fernsehballett. Hier wird niemand gefeiert.

Sie war ein Ereignis, bei dem die schmutzigen, miesen Gedanken und Ängste dieser wildgewordenen Kleinbürger sich in all ihrer beschämenden Mickrigkeit zeigten. Ein Buch zu verbrennen, bekundet vor allem, daß man Angst vor ihm hat. Nicht ohne Witz beschwerte sich der eine oder andere Autor, daß seine Bücher nicht mit verbrannt wurden. Es war ein „wüster, trauriger und ungeheuer ominöser Jux“, wie der bereits emigrierte Thomas Mann feststellte.

Eine Erinnerung an die Bücherverbrennung am Ort ihres Geschehens hat gegenüber den meisten anderen bestehenden Erinnerungsorten den großen Vorteil, daß sie nicht mit der Faszination der Gewalt konkurrieren muß. Sie ist nicht zugleich auch ein Ort, an den die leider immer noch vorhandenen Glorifizierer jener dunklen Jahre reisen.

Man könnte eine Glasplatte in die Erde einlassen, vielleicht einen halben Meter im Quadrat groß oder etwas kleiner. Darunter einige Bücher, wie sie dort am 10. Mai 1933 verbrannt wurden. Noch das Datum ins Glas geschrieben – fertig. Eine solche kleine Installation würde Tag für Tag vielen, die zufällig daran vorbei kommen, die Erinnerung mitgeben, daß wir seit 1949 im besten aller Staaten leben, die es in Deutschland je gab – mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung. Bei uns sind die Gedanken frei, es sind die Menschen frei. Niemandes Bücher werden verbrannt – unser Staat erträgt jedes Buch.

Eine solche Installation würde die Nutzbarkeit des Platzes nicht im mindesten berühren, denn solche kleinen Glasplatten gibt es auch für enorme Traglasten; natürlich können da auch Lkw drüber fahren, ohne Schaden anzurichten. Die Kosten hielten sich ebenfalls in sehr überschaubaren Grenzen.

Es ist, wie so oft, nur eine Frage des Wollens.

 

Bild: Bücherverbrennung, 10.05.1933, Berlin, Opernplatz; Bundesarchiv Bild 102-14597; aus: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_102-14597,_Berlin,_Opernplatz,_B%C3%BCcherverbrennung.jpg; Lizenz: CC-BY-SA (CC 3.0)

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