Geschichten vom Pferd

von André Freud:

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Bei zwei Themen, die derzeit in den Medien ausführlichst behandelt werden, möchte man Goethes angeblich letzte Worte laut hinausrufen: „Mehr Licht!“ Oder, bescheidener: A weng weniger Bleidheit wär scho a Erfolg.

1. Pferd, Fleisch, Geiz & Gier

Die NN schlagzeilt heute in bester Boulevard-Manier: „Aktionsplan gegen Fleischmafia“. Von irgendwelchen mafiösen Strukturen wurde zwar noch nichts berichtet, aber wenn man sich von seriöser Berichterstattung eh schon verabschiedet hat, dann ist das sowieso gleichgültig. Der „Aktionsplan“ – würde es ein „Plan“ nicht tun? Muß er gleich „Aktionen“ vorgaukeln? – sieht eine strengere Kennzeichnungspflicht vor. Naja, das dürfte ziemlich pillepalle sein, solange es nicht überprüft wird. Auf die Packung „Lasagne mit Rindfleischsauce“ zu schreiben und dann Pferd reinzutun, ist auch heute schon verboten. Oder „Döner aus Putenfleisch“ anzubieten und den Drehspieß mit Stutenformfleisch zu bestücken.

Damit kein Mißverständnis aufkommt: Mit keinem Wort ist diese Schweinerei (ob das Wort paßt?) einiger Händler und Hersteller zu entschuldigen. Die meisten Menschen lehnen der Verzehr von Pferd ab (ich hab’s mal probiert; es war nichts für mich), und man hat ein Recht darauf, in dieser Frage nicht betrogen zu werden.

Was die Menschen aber nicht tun: Sie fragen nicht, inwieweit sie selbst zu dieser Entwicklung einen Beitrag leisten. Wir werden nämlich immer geiziger, wenn es um Lebensmittel geht. Noch in den 1970ern gab eine Durchschnittsfamilie bis zu einem Drittel des verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus. Und heute? Oft sind es nicht einmal mehr 10 %. Das führt dann dazu, daß immer mehr Menschen ihr Fleisch nicht mehr beim Metzger kaufen, sondern in Großsupermärkten. Wenn da mal das Hackfleisch für 2,99 €/kg angeboten wird, dann kloppen sich die Leute beinahe darum – und stellen keine Fragen, wieso Fleisch billiger verkauft werden kann als Brot.

Man muß kein Genie sein, um zu erkennen: bei den extrem niedrigen Preisen, zu denen – beispielsweise – die ReWe „Lasagne“ verkauft wurde, ist es nur dann möglich, keinen Verlust zu machen, wenn man wirklich das Allerbilligste an Zutaten einkauft, was man überhaupt bekommen kann. Insofern ist es immerhin interessant, daß Pferd verarbeitet wurde. Andere Tiere sind doch noch billiger zu haben.

Worin liegt die Antwort? Bio-Produkte sind für viele unterm Strich doch zu teuer für den täglichen Einkauf. Außerdem sind sie keineswegs unbedingt besser als normale – nur: ihr Weg wird in der Regel besser kontrolliert. Und darin liegt ein Teil zur Lösung des Problems: Mehr Kontrollen. Dem Vernehmen nach – die Information ist unbestätigt – haben wir in Nürnberg gerade einmal zwei Lebensmittel-Kontrolleuere im Außendienst. Bitte auf der Zunge zergehen lassen: Zwei. Daß diese beiden, die auch noch ihre Berichte schreiben müssen, auf Fortbildungen gehen, mal Urlaub haben und mal krank sind, nicht einmal die Betriebe eines Stadtviertels wirksam überprüfen können, ist offensichtlich. Hier muß Verstärkung her!

Der andere Teil der Lösung ist schwieriger; er lautet: bewußterer Einkauf. Wenn man eine Lasagne selbst macht, mit Nudeln, Bechamel-Sauce, Tomaten-Hackfleisch-Sauce, Käse – dann bezahlt man alleine für die Zutaten leicht um die 4 € pro Person. Und man hat noch die ganze Arbeit. Wie soll ReWe das für 1,29 € samt geschlossener Tiefkühlkette anbieten können? Das ist bei gleichem Anspruch an die Zutaten nicht realistisch. Also beim nächsten Mal etwas bewußter einkaufen. In diesem Sinne kann es auch nicht schaden, wenn man regionale Hersteller und Händler bevorzugt. Vielleicht ist meine Phantasie begrenzt, aber sie reicht eben nicht aus um mir vorzustellen, daß einem ein fränkischer Metzger Pferdegoulasch als Rind verkauft.

2. Sitzenbleiben

Man möchte schon mal fragen, was manche Zeitgenossen morgens für ein Mundwasser nehmen, wenn man die heutigen Meldungen zum Durchfallen in der Schule liest. Das soll nun nämlich abgeschafft werden. Außer in Bayern, wo die störrische CSU nicht mitmachen will bei dieser neuen Idée fixe irgendwelcher wildgewordenen Lehrergewerkschaftsfunktionäre.

Sie sehen in ihren Argumentationen nämlich den entscheidenden Punkt nicht. Ähnlich wie bei dem Wahnwitz-Plan, die Fürther Straße einspurig zu machen. Da kommen dann solche Oberfachleute daher, die mit Unschuldsmiene verkünden: „Im Bereich der Einspurigkeit wird definitiv kein Stau entstehen“. Ja, natürlich nicht. Der Stau entsteht dort, wo der Verkehr von zwei Spuren auf eine zusammengequetscht wird. Das weiß auch jeder, der noch bis fünf zählen kann. Und so ist es auch beim Sitzenbleiben. Wenn Schüler keine Angst mehr haben, durchzufallen, dann werden auch die durch diese Angst ausgelösten Anstrengungen wegfallen. Und zwar ersatzlos.

Alles, was wir Menschen tun, tun wir letztlich aus Angst oder aus Lust. Natürlich wäre es schön, wenn alle Schüler so versessen auf ein gutes Zeugnis wären, daß sie sich von ganz alleine anstrengen, bis das Zeugnis vor lauter Einsern nur so strahlt. Allein, wir wissen, daß Menschen und insbesondere die Spezies Schüler so nicht sind. Jedes gesellschaftliche System in einer modernen Gesellschaft bietet für besondere Erfolge positive Konsequenzen an – gut bezahlte Arbeitsplätze, beispielsweise – und für besondere Mißerfolge negative Konsequenzen. Wer die Chance hat, nach oben aufzusteigen, muß auch das Risiko haben, nach unten zu fallen. Das eine ist ohne das andere nicht möglich.

Die schwächsten Schüler in einer Klasse senken zwangsläufig das Niveau oder sie werden ignoriert. Beides ist fatal. Wenn sie durchfallen, haben sie eine faire Chance, es besser zu machen. Damit können übrigens auch Reifeunterschiede ausgeglichen werden. Es ist also für den, der durchfällt, zwar keine leichte Situation, aber eine, die neue Chancen mit sich bringt. Und für die Schulklassen ist es ohnehin besser, wenn ihre Schüler insgesamt ein in etwa vergleichbares Leistungsniveau haben.

Vor allem aber wird der Schulabschluß nicht entwertet. Jeder weiß, was ein bayerisches Abitur wert ist. Eben deswegen, weil es einem nicht mit der Möglichkeit hinterhergeworfen wird, Leistungskurse in Kochen und Sport zu machen, wie es schon meinerzeit in Bremen möglich war. Das Abitur ist nicht so etwas wie die amtliche Bestätigung, 18 Jahre alt geworden zu sein. Es ist die Bestätigung, auch unter einem gewissen Maß an Druck etwas geleistet zu haben.

Was steckt hinter diesem Plan? Ganz einfach: ein übles Stück Sozialismus. Alle sollen gleich sein. Ganz egal, wie unterschiedlich die Menschen sind – alle sollen gleich sein. Solche gedanklichen Ansätze stammen aus der Bildungspolitik sozialistischer Ideologien, und wir wissen alle, daß sie menschenverachtend sind.

Natürlich sollen Schüler, die durchzufallen drohen, unterstützt werden. Aber es gibt doch auch immerhin die Möglichkeit, daß sie für ihren Schultyp nicht geeignet sind. Oder daß bei ihnen die Pubertät dermaßen intensiv zuschlägt, daß ein Jahr mehr für sie kein Verlust, sondern eher ein Gewinn ist, weil es ihnen erlaubt, nach Abflauen der heftigsten Pubertätsschübe wieder Anschluß an ihre Umgebung zu finden. Vor allem aber ist es höchst ungerecht, alle in ihrem Niveau zu bremsen, nur weil einer nicht mitkommt.

Der Sozialismus ist als gescheiterte, menschenverachtende Ideologie in der Rumpelkammer der Geschichte verschwunden – zurecht und Gott sei Dank. Er ist übrigens in dieser Hinsicht (Thema Schule) zur nationalsozialistischen Bildungsideologie gar nicht so verschieden. Deswegen haben diese Ideologie-fixierten, menschenfeindlichen und weltfremden Ansätze unserer Bildungspolitik nicht nur nichts verloren – sie sind mit aller Kraft zurückzuweisen.

Oder, wie FJS es sagte: „Freiheit statt Sozialismus“. Oder, wie Horst Seehofer es vor einigen Tagen in Passau sagte: „Freiheit und Verantwortung“. Was wir aber sicher nicht brauchen, ist sozialistische Gängelung. Wie das endet, weiß man.

 

Bild: Freud (Urwildpferde im Wildpferdeprojekt des Landschaftspflegeverbandes Mittelfranken)

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