Willy Liebel. Eine Biographie.

von André Freud:

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Kurz vor Weihnachten 2012 wurde die Dissertation des Historikers Matthias Klaus Braun vorgelegt: „Hitlers liebster Bürgermeister: Willy Liebel (1897-1945)“.

Bei der Vorstellung des Buches, mit einer Rede von Oberbürgermeister Maly, erstaunte zunächst der Umfang des Werkes. 891 Seiten blanker Text; mit Bildertafeln, Anhang, Verzeichnis und Register sind es gar 1.010 Seiten – selbst für eine Historiker-Dissertation ein bemerkenswert üppiger Umfang.

Den Schreiber dieser Zeilen verbindet mit diesem Buch eine längere Geschichte – aus der Distanz zwar, aber immerhin. Als Verfasser des Wikipedia-Artikels über Willy Liebel (der nun der Überarbeitung bedarf) war ich erstaunt, daß es über diesen Menschen keine Biographie gab. Ich suchte und suchte, aber sowohl meine Buchhandlung als auch das Internet schwiegen. Dann las ich eines schönen Tages eine Zeitungsnotiz: „Erlanger Historiker schreibt Liebel-Biographie“. Wunderbar. In der Buchhandlung Jakob hinterließ ich einen Suchauftrag: sobald das Buch erscheint, bitte bestellen. Das war etwa Ende 2008. Zwei-, dreimal frug ich noch nach, aber das Buch kam und kam nicht auf den Markt. Als mich dann im Dezember 2012 der Anruf aus der Buchhandlung erreichte „Ihr bestelltes Buch ist da“, war ich zunächst etwas ratlos. So manches Dutzend Bücher ward in der Zwischenzeit gelesen, und an eine noch offene Bestellung konnte ich mich nicht besinnen. Kaum waren vier Jahre vergangen…

Wenn ich den Autor bereits kenne, beginne ich gleich zu lesen. Ebenso, wenn ich den Verlag kenne und Anlaß habe davon auszugehen, daß er nur Bücher veröffentlicht, die ich für mich als lesenswert betrachte. Aber die Schriftenreihe „Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte“ des Stadtarchivs Nürnberg und des Verlegers Ph. C. W. Schmidt ist ein zu vielfältiges, diversifiziertes Kompendium, um hier gleich Orientierung zu finden – womit nicht die Qualität gemeint ist, die über Zweifel erhaben ist, sondern nur die Vorgehensweise, die „Schreibe“ des Autors. Sie ist wohl für jeden Leser ein wichtiges Kriterium. So schlug ich mittendrin auf und las zwei, drei Seiten – und war angenehm überrascht. Nicht trocken, dennoch exakt. Die bei diesem Thema unvermeidlichen, sprachlich schwierigen Stellen ohne Gedöns und Betroffenheitsduktus bewältigend, schien Braun – so der erste Eindruck – genau zu wissen, was er da tat. Das ist übrigens keineswegs so selbstverständlich, wie man vielleicht glauben mag; ein anderes, eben neu im höchst renommierten Verlag C. H. Beck erschienenes Buch „Die Casablanca-Strategie“ des Historikers Paul Kennedy, der in Oxford habilitierte, in Yale als Professor lehrt und ein (vielleicht auch aufgrund einer bösartig-schlampigen Übersetzung) entsetzlich das zu vermutende Niveau unterbietendes, banales Werk voller Sprechblasen vorlegte, beweist, daß man sich auf nichts verlassen kann. Der erste Eindruck bei Braun jedoch nötigte umgehend Respekt ab.

Um die nun schon etwas langatmig gewordene Betrachtung nicht noch weiter zu überdehnen, sei ohne weiteres Drumherumgerede festgestellt: Dieser Eindruck bewahrheitete sich durch das gesamte Buch hindurch.

Braun liefert unter anderem einen weiteren Beleg dafür, daß Einleitungen gefälligst gelesen werden sollen; sie ist nicht heruntergenudelt, sondern erläutert umfassend die Herangehensweise des Autors und die Besonderheiten des Gegenstands dieser Arbeit: Willy Liebel.

Jeder historisch mehr oder minder gebildete Mensch in Deutschland vermag einige Dutzend führender Nationalsozialisten aufzuzählen; der Name Liebel dürfte sich so gut wie nie darunter befinden. Das ist, bei Licht betrachtet, verwunderlich. Er war nicht nur über das gesamte Dritte Reich hinweg der Oberbürgermeister einer der in diesen Jahren meistbeachteten Städte; er war von 1942 bis kurz vor 1945 der zweite Mann im Rüstungsministerium hinter Albert Speer. Liebel war derjenige, der zusammen mit Polizeipräsident Benno Martin es schaffte, daß Julius Streicher im Februar 1940 entmachtet wurde. Da sollte man doch meinen, daß der Name Liebel zumindest den an diesem Themenkomplex Interessierten geläufig ist – das ist er aber kaum, und das dürfte natürlich auch daran liegen, daß es eben bisher keine umfassende Publikation über ihn gab.

Julius Streicher – eine der bekanntesten und verworfensten Gestalten des Nationalsozialismus – erlangte weltweit traurige Berühmtheit und beschmutzt den Namen dieser Stadt bis heute, und sein machtpolitisch erfolgreicher Gegenspieler vor Ort ist quasi unbekannt. Wie geht das zusammen?

Das hat viel damit zu tun, daß Liebel in der Wahrnehmung auch und gerade der Gegner des Nationalsozialismus während des Dritten Reichs wie auch danach als „guter Nazi“ da stand. Wobei es natürlich keinen „guten Nazi“ gab und gibt; diese Unterscheidung dient der Abstufung im Bösen. Aber bei Liebel fielen den Menschen immer wieder Aspekte ein, die zur Rettung eines Rests von Ehre dienen könnten. Hat Liebel nicht – im Gegensatz zu vielen anderen NS-Oberbürgermeistern anderer Städte – Angestellte in der Stadtverwaltung belassen, die sich vor 1933 für die Republik eingesetzt haben? Hat er. Hat Liebel nicht die Reichskleinodien zurück nach Nürnberg gebracht, kaum war der „Anschluß“ Österreichs vollzogen? Hat er. Hat Liebel nicht mehr als manch anderer Oberbürgermeister für den Luftschutz getan, als Deutschland den Krieg begann? Hat er. Hat Liebel nicht den selbst für die meisten Nationalsozialisten unerträglichen Julius Streicher entmachtet und als Gauleiter absetzen lassen? Hat er. Hat Liebel nicht die vollständige Selbstzerstörung Nürnbergs beim Herannahen der Amerikaner verhindert? Hat er (vermutlich). War Liebel denn dann kein „guter Nazi“?

Nein, war er nicht. Braun legt detailliert dar, warum das so ist. Das Behalten ehemals demokratischer städtischer Beamter war der blanken Not geschuldet, einerseits, – weil keine fachlich fähigen Nationalsozialisten vorhanden waren. Und es diente andererseits, ganz bewußt und gezielt, dem Ködern dieser Beamten für den Nationalsozialismus, der Vereinnahmung. Über die Reichskleinodien freute sich wohl ganz Nürnberg, aber sie sind nur der heimatgeschichtlich oft befürwortete Teilaspekt: Liebel nämlich gehörte zu den großen Kunsträubern der Nazis, der im „Protektorat“, in Polen, der UdSSR, in Frankreich alles an Kunst raubte, was ihm Hitler und Göring übrig ließen und was einen wie auch immer gearteten Bezug nach Nürnberg besaß. Selbst das Original des Neptun-Brunnens, dessen Zweitguß Liebel vom Hauptmarkt entfernen ließ, raubte er aus Peterhof, als die Wehrmacht diesen Ort kurz vor St. Petersburg (damals Leningrad) eingenommen hatte – weswegen bis 1945 beide Neptun-Brunnen in Nürnberg waren. Die Absetzung Streichers geht im Wesentlichen auf Liebel und Martin zurück – aber sie erfolgte ja nicht, weil Streicher ein so unsäglicher, pornographischer Antisemit war – sie erfolgte, obwohl Streicher einer der schmutzigsten und widerwärtigsten Antisemiten der an solchen Exemplaren der Gattung Mensch nicht eben armen Nationalsozialisten war. So druckte der Oberbürgermeister Liebel, der im Privatleben Druckereibesitzer war, den „Stürmer“ in seiner Druckerei – bis kurz vorm Zerwürfnis mit Streicher.

Mit vielen dieser Legenden macht Braun in seinem Werk gründlich Schluß. Man darf aber bezweifeln, daß dies an dem im kollektiven Gedächtnis tradierten Bild Liebels auf absehbare Zeit etwas zu ändern vermag. Denn an dieser Herausforderung wird das Werk Brauns scheitern. Dieses Scheitern entspringt dem gleichen Grunde wie die bemerkenswerte Qualität des Buches: Es ist eine Dissertation.

Braun hat auf umfassendste Weise alles belegt, was er schreibt. Das führt dazu, daß manche Seiten zur Hälfte aus Fußnotentext bestehen – und es sind sehr viele Fußnoten. Im dritten von insgesamt sechs Kapiteln führt dies zu ganz bemerkenswerten 1.424 Fußnoten. Wissenschaftlich ist dies vorbildlich – aber fürs private Lesevergnügen ein gewisses Hemmnis. Braun beleuchtet insbesondere die Jahre bis 1942, als Liebel unter formaler Beibehaltung seines Amts als Oberbürgermeister nach Berlin zu Speer ins Rüstungsministerium ging, so detailliert, daß der Leser einen geradezu intim zu nennenden Einblick in die tägliche Arbeit dieses nationalsozialistischen Oberbürgermeisters erhält.

Weil Brauns Werk, das von Niveau, Gründlichkeit und Umfang her eher eine Habilitationsschrift denn „nur“ eine Dissertationsschrift ist, eben ein wissenschaftliches Werk ist, kommen diejenigen Aspekte, die einer Biographie üblicherweise die Leser bringen, kurz. Übers persönliche Leben, übers Privatleben Liebels erfährt der Leser nicht sonderlich viel. Freilich, alle für seine Biographie relevanten Aspekte werden gründlichst aufbereitet. Es fehlt nicht an allem, was zu Familie, Herkunft, Bindungen zu sagen wäre. Aber der neugierige, historisch interessierte Leser hat einen Drang, Seitenblicke in die Macht hinein zu erhaschen, er wünscht sich Anekdoten, Bonmots, Geschicht(ch)en in der Geschichte. Das vermag Braun nicht zu liefern – eben weil er eine Dissertation schrieb, ein wissenschaftliches Werk.

Und dieses Werk wird wirken. Nicht über einen schnellen Effekt; aber es wird, soviel zu sagen kann gewiß vertreten werden, als Standardwerk zur Nürnberger Geschichte bei jedem sich mit diesem Zeitabschnitt befassenden Historiker zur Grundausstattung gehören.

Ganz und gar werden es wohl nicht viele Menschen außerhalb der Zunft lesen. Das ist höchst bedauerlich, denn dieses Werk vermittelt mehr als nur das, was gemeinhin eine Biographie vermittelt. So ganz nebenbei bekommt man eben auch deutlich aufgezeigt, wie nationalsozialistische Kommunalpolitik insgesamt funktionierte, wie das Handeln der Verwaltung im Dritten Reich organisiert war. Man erfährt vieles über die ständige Situation der Spannung zwischen NS-Staat einerseits und NSDAP andererseits.

Vor allem aber erfährt man sehr, sehr vieles über die Stadtgeschichte Nürnbergs der Weimarer Zeit und der des Nationalsozialismus. Indem Braun den Blick nie allein auf die Person Liebels beschränkt, sondern immer das politische Umfeld ebenso beleuchtet wie eben auch die, solange es sie noch gab, Gegner des Nationalsozialismus, schreibt er quasi nebenbei ein beeindruckendes Werk nicht nur über Liebel, sondern über ganz Nürnberg in jenen Jahren, die in mancher Hinsicht bis heute wirksam sind.

Und so lautet denn das Fazit: Braun hat eine Dissertation geschrieben. Aber was für eine!

Matthias Klaus Braun: „Hitlers liebster Bürgermeister: Willy Liebel (1897-1945)“, Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte, Band 71, Verlag Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a. d. Aisch 2012; ISBN 978-3-87707-852-5; 1010 Seiten; 39 €

Bild: Freud

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2 Kommentare

  1. Dr. Gerhard Schönberger sagt:

    Ja, lieber Andre´, so ist das nun mal mit Dissertationen und als Student der philosophischen Fakultät lernt man das richtige Zitieren bereits im ersten Semester. Hätte Frau Schavan das beherzigt, wäre Sie jetzt nicht ihren Titel los und stände nicht ohne Berufsabschluss da.
    Als Student der Musikwissenschaft mußte ich dieses WS an der LMU München die Pflichtvorlesung „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ besuchen, obwohl ich bereits promoviert habe. (Eine ehemalige Patientin von mir hat übrigens meine Doktorarbeit auf Plagiatstellen untersucht – Fehlanzeige).
    Biographien, über den ehemaligen NS – Bürgermeister Liebel wird leider kaum einer lesen. Da goutiert der brave Nürnberger Bürger demnächst lieber eine Lesung in der Stadtbibliothek. Herr Borowka, seines Zeichens ehemaliger Fußball – Nationalspieler, stellt nämlich dort seine Biographie vor, in der er ausgiebig über seine Alkohol- probleme berichtet.
    Bis demnächst in Nürnberg, Dr. G. Schönberger

  2. Warum tat sie das? Hast Du ihr weh getan?

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