Nichts für Schulen

von André Freud:

IMG_0742 Am Kinnereth

Der Film „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ darf an Nürnbergs Schulen nicht gezeigt werden. Dafür ist Bürgermeister Klemens Gsell und dem in dieser Sache aktiven Pastor Hansjürgen Kitzinger ebenso zu danken wie dem Landgericht Nürnberg-Fürth, das die sachliche Kritik an diesem Film, wie sie u.a. von Kitzinger geäußert wurde, ausdrücklich als zulässig beurteilte.

Es ist an der Zeit, hier einmal zu erklären, warum der Film für Schulen nicht geeignet ist. Unterrichtsmaterial hat ausgewogen zu sein und objektiv. Da wir Menschen beides nicht wirklich oft hinbekommen, genügt es wohl, wenn die Forderung lautet: Um Ausgewogenheit und Objektivität bemüht.

Wenn man nun über einen Konflikt berichtet, dann ist – so scheint es – eine Äquidistanz zu beiden Gruppen doch der beste Standpunkt. Man nimmt den gleichen Abstand zu beiden Seiten ein, und schon ist man seiner Pflicht zu Objektivität und Redlichkeit gerecht geworden, oder? Oder.

Ein solches Verhalten mag das richtige sein, wenn zwei Nachbarn sich streiten, ob die Birnen am Baum dem einen oder dem anderen Nachbarn gehören. Einen solchen Aspekt gibt es zwar auch zwischen Israelis und Palästinensern – aber die Unterschiede sind doch enorm. So kündigt Israel nicht an, die Palästinenser auszurotten. Die Palästinenser allerdings drohen unverhohlen, die Juden auszurotten. Da kann man keine gleiche Distanz halten. Zunächst müssen die Palästinenser sich dazu bekennen, daß sie sowohl die Juden am Leben lassen wollen als auch bereit sind, sich mit einem Staat Israel zu arrangieren. Es darf nicht sein, daß die evangelische Kirche einen Film unterstützt, der über diesen Punkt hinweggeht.

Man kann natürlich Israels Politik kritisieren. Rauf und runter, den ganzen lieben, langen Tag. Es gibt einzelne Aspekte israelischer Politik, die man mit nachvollziehbaren Argumenten als völkerrechtswidrig bezeichnen kann – nicht muß, aber kann. So beispielsweise, wenn die Sperranlage zum Westjordanland teilweise auf Gebiete der Palästinenser verläuft. Eines ist klar: die Sperranlage ist eine tolle Sache. Sie reduzierte die Bombenanschläge auf Busse, Kinos, Cafés in Israel um über 90 %. Sie erfüllt ihren Zweck. Sie sperrt auch lediglich aus und nicht ein. Aussperren darf jedes Land. Und die Palästinenser, die zur Arbeit oder zum Arzt nach Israel wollen, können ja hinein – aber eben nur über Grenzkrontollstellen, und nicht über Schmugglerwege. Insofern ist die Sperranlage völlig in Ordnung. Allerdings steht sie teilweise auf dem Gebiet der Palästinenser. Natürlich sind die Grundstückseigentümer dafür von Israel entschädigt worden – wie bei uns ein Bauer, auf dessen Acker ein Bahngleis verlegt wird: notfalls auch gegen dessen Willen; Enteignungen gibt es auch in Deutschland – und gegen Entschädigung, wie sich das gehört. Trotzdem sagen manche (der Verfasser dieser Zeilen gehört nicht dazu), daß in dieser „Landnahme“ ein völkerrechtswidriger Akt stecke. Das mag man so sehen können.

Die Palästinenser – Hamas im Gaza-Streifen, Fatah im Westjordanland – begehen (ebenfalls) Völkerrechtsverletzungen. So etwa, wenn sie ihr Selbstbestimmungsrecht mit Gewalt durchsetzen wollen. Das ist völkerrechtlich unter keinen Umständen erlaubt. Das Problem kennen wir auch in Europa: Die Auseinandersetzungen in Nordirland, der Versuch mancher, Schottland selbständig zu machen, die Jahrzehnte dauernde Gewalt im nordspanischen Baskenland. Autonomiebestrebungen sind natürlich legitim, aber niemals mit der Waffe in der Hand. Dann herrschte überall Bürgerkrieg – mit die schlimmste Form von Krieg. Die Hamas mißbraucht ihre eigene Bevölkerung als Schutzschild (Völkerrechtsverletzung), sie schießt ihre Raketen (Völkerrechtsverletzung) aus Bäckereien und Krankenhäusern (Völkerrechtsverletzung) auf zivile Ziele (Völkerrechtsverletzung) in Israel, mit der Absicht, und das möge man nicht wegreden, die Juden, also ausdrücklich die Juden und nicht „nur“ die Israelis, auszurotten (Völkerrechtsverletzung) und den Staat Israel zu vernichten (Völkerrechtsverletzung).

Ein bräsiger Kopf mag nun denken: Aha, wir haben also Völkerrechtsverletzungen auf beiden Seiten, also nehme ich zwischen beiden eine Mittelposition ein, um einer Mittlerposition zu bekommen. Aber so geht es natürlich nicht. Wenn die eine Seite brutalste Völkerrechtsverletzungen en masse begeht und die andere Seite möglicherweise eine relativ dazu minimale Völkerrechtsverletzung, dann kann man das nicht durch die unsinnige Gleichung „Völkerrechtsverletzung ist Völkerrechtsverletzung“ gleichsetzen. Damit macht man sich zum Komplizen desjenigen, der brutalste Verbrechen begeht. Ein Massenmörder ist kein Schwarzfahrer. Und umgekehrt.

Hinzu kommen Menschenrechtsverletzungen. Man mag darüber diskutieren, ob Israel im einzelnen immer absolut diskriminierungsfrei mit den Palästinensern umgeht. Immerhin, Israel ist eine Demokratie und ein Rechtsstaat und der Vorposten der freien Welt in einem Meer von kaputten Staaten, Terroristenführern, War-Lords, durchgeknallten Staatschefs, Diktatoren, blutrünstigen Massenmördern (auch wenn ihnen die grüne Gutmenschin Claudia Roth mit einem fröhlichen High-Five begegnet, aber die moralische Verkommenheit solcher Zeitgenossen kann eigentlich niemanden überraschen).

Hamas und Fatah unterdrücken ihre Bevölkerung aufs brutalste. In Gaza, wo die Hamas herrscht, werden Frauen schlimmer behandelt als in Deutschland die meisten Tiere. Und niemanden scheint es zu stören. Die gleichen Menschen, die hierzulande in hysterische Schockstarre verfallen, wenn mal ein Politiker in einer Rede die weibliche Form wegläßt, setzen sich für ein Regime ein, das Frauen unterdrückt in einem Ausmaß, daß einem das 19. Jahrhundert in Europa im Vergleich dazu wie der Himmel der Gerechtigkeit vorkommen muß. In Israel dürfen Sie und darf jedermann den Staat und die Regierung beschimpfen, wie es ihm gefällt – wie bei uns. Aber trauen Sie sich mal, in Gaza-Stadt zu sagen: „Die Hamas muß weg“. Bevor Sie dies aber tun, bestellen Sie bitte Ihr Haus. Sie werden es nicht überleben.

Die Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen, aber auch im Westjordanland sind schwersten Ausmaßes. In Israel mag man gewisse Fragwürdigkeiten sehen (die Israel mit seinem Sicherheitsbedürfnis erklärt), aber auch wenn man dies tut: es verbietet sich jeder Versuch der Gleichsetzung der Menschenrechtslage in Israel und bei den Palästinensern. Nur am Rande und nebenbei: In Tel-Aviv ist einmal jährlich ein großes Schwulen-Festival. Da kommen sie aus allen Anrainerstaaten, aus den arabischen Emiraten, aus Ägypten, aus Jordanien – oft mit Einreise über ein Drittland, damit es die Behörden zuhause nicht bemerken, wohin man reist – während in Iran und andernorts, wo die Scharia herrscht, Homosexuelle öffentlich aufhängt. Die Menschen, die vor Hysterie beinahe umkippen, weil Palästinenser andere Autokennzeichen haben als Israelis („Diskriminierung!“) hört man nicht im entsprechenden Ausmaß über die brutale Unterdrückung – beispielsweise – Homosexueller in den Palästinensergebieten reden. Da stimmt doch etwas nicht?

Israel hat viel Geld bekommen. Aus Europa, aus den USA. Über die Gründe muß nichts gesagt werden. Aber das Wichtige daran ist: Israel hat etwas daraus gemacht. Aus der Wüste: Acker. Aus dürren Siedlungen: moderne Städte mit Universitäten. Israel ist weltweit führend in Bewässerungstechnik. Die Wasserknappheit übrigens ist ein zunehmend geringeres Problem, weil israelische Wissenschaftler zunehmend erfolgreich darin sind, dieses Problem der ganzen Region zu lösen – auch mit Nutzen für die Anrainerstaaten.

Die Palästinenser bekommen seit vielen Jahren ebenfalls viel Geld. Aus der EU, aus den USA – ja, das wird mancher nicht wissen, sogar aus Israel. Aber wehe, einer fragt mal nach, wo denn die Schule ist, die von dem Geld gebaut wurde! Wehe, man erkundigt sich nach dem Krankenhaus, das von unseren Zuwendungen gebaut werden sollte! Da ist nämlich: quasi nichts. Das Geld landet in den Taschen korrupter Clan-Chefs, es wird zum Kauf von Waffen verwendet, die dann über Schmuggelrouten eingeführt und auf Israel abgefeuert werden. Das ist die Realität. Die Witwe Arafats lebt in Paris als Milliardärin. Danke, liebe EU.

Das alles ist die ganz banale Realität. Nun kann man natürlich einen Film machen, der auf beiden Seiten Menschen zeigt, die aufeinander zugehen wollen. Das ist völlig in Ordnung. Was man aber nicht darf, wenn man diesen Film für den Schulunterricht freigeben will: Man darf die Realität nicht ausblenden. Das aber tut dieser Film.

Wenn ein paar Vegetarier sich mit ein paar Hühnern im Zuchtbetrieb unterhalten, dann mögen die Hühnchen beruhigt sein: von denen droht uns keine Gefahr. Mag ja sein. Aber die paar Vegetarier sind nicht in der Lage, das, was die Hühnchen erwartet, zu verhindern. Der Film blendet aus, was die reale Politik von Hamas und Fatah ist. Er blendet aus, daß die Völkerrechtsverletzungen der Hamas und der Fatah keine mäßig schweren Randerscheinungen sind, sondern zentraler Punkt ihrer Politik. Er blendet aus, daß auf Seiten der Palästinenser menschenverachtende Unrechtsregime am Werke sind, die Andersdenkende töten, Frauen auf mieseste Art unterdrücken, den Abfall vom Islam mit dem Tod bedrohen, Homosexuelle hinrichten, ihre Söhne zu Terroristen, ihre Töchter zu Selbstmordattentäterinnen erziehen.

Dies alles blendet der Film in unerträglicher Weise aus. Er setzt gleich, was nicht gleichzusetzen ist. Deswegen darf er in Nürnbergs Schulen nicht gezeigt werden.

 

Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht nicht entgangen, daß ich bis hier das Wort „antisemitisch“ nicht gebraucht habe. Dies geschah mit Bedacht. In einer Diskussion wie dieser ist das Wort zwar oft genug angebracht – aber selten hilfreich. Derjenige, dem es entgegengehalten wird, mag sich dieses Schmähwort nicht zu eigen machen. An einer Stelle aber kommt man nicht umhin, dieses Wort zu denken. Wenn, wie in der heutigen NN berichtet, in der Stadt des „Stürmer“ und des Julius Streicher eine ältere Dame sagt: „Heute müssen wir uns keinen Maulkorb mehr umhängen“ und dafür auch noch Beifall bekommt, dann kommt einem schon der gute Max Liebermann in den Sinn: „Ick kann jar nich so vill fressen, wie ick kotzen möchte“.

Wer zu den infernalischen Verbrechen von Hamas und Fatah – auch der eigenen Bevölkerung gegenüber – schweigt, aber Israel delegitimiert, weil die Palästinenser andere Autokennzeichen haben, der hat nicht nur jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren – der ist böswillig.

Maßstäbe müssen gleich angewandt werden. Sonst dienen sie nur dem Unrecht. Nichts, aber auch gar nichts ist dagegen zu sagen, wenn Israel kritisiert wird – vorausgesetzt, die gleiche Kritik wird auch anderen entgegengebracht. Und eben dies tut dieser antisemitische Film – jetzt fällt das Wort doch – nicht. Und deswegen taugt er nicht für die Schule.

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8 Kommentare

  1. Gerlinde Mathes sagt:

    Böses Foul beim Vergleich Frauen und Tiere. Weglassen! und obwohl das schon alles irgendwie richtig ist, finde ich dass solche ein Film im Unterricht gezeigt werden dürfen. Wir wollen und müssen Schüler zu mündigen Staatsbürgern erziehen, wir wollen ihr Urteilsvermögen und ihre Fähigkeit zur persönlichen politischen Meinungsbildung schulen. Dazu gehört für mich zwingend der lebhafte schulische Diskurs auch vermittels der moderierten Beschäftigung mit einseitiger Darstellung von Sachverhalten. Schließlich entspricht das der modernen Medienlandschaft. Wie viel vermeintlich objektive Information flattert ins Haus, die sich bei genauer Recherche als blanker Blödsinn herausstellt. Dafür müssen wir die Schüler wappnen. Wir (Abi ´87) wurden ja auch von Altachtundsechzigern unterrichtet und sind keine Linken geworden. N´est ce pas?

  2. Moment mal – ich vergleiche keineswegs Frauen mit Tieren. Was ich miteinander vergleiche, ist: die Art der Behandlung, die in manchen Gesellschaften a) Frauen und b) Tieren zuteil wird. Damit habe ich durch Zuspitzung aufgezeigt: Unsere Gutmenschen hier schweigen, wenn in weiten Teilen der Welt Frauen solcherart behandelt werden; das ist ihnen vollkommen egal. Und wer wollte bestreiten, daß es so ist?
    Ferner: Man erzieht Schüler nicht zu mündigen Staatsbürgern, indem man ihnen Propaganda vorsetzt – ohne ihnen zu sagen, daß es Propaganda ist und warum es Propaganda ist. Natürlich könnte man ihnen den Film zeigen und mit ihnen dann erarbeiten, warum der Film abzulehnen ist. Aber genau das passiert ja eher nicht. Und da der Film dann noch mit einem Bapperl „unterstützt von Teilen der evangelischen Kirche“ versehen ist, wird dessen Glaubwürdigkeit ja sogar noch erhöht.
    Nächster Punkt: Natürlich wissen Kinder, Jugendliche – Schüler -, daß sie einer wirren Inforamtionsflut ausgesetzt sind, die auch viel Desinformation beinhaltet. Gerade deswegen ist es absolut notwendig, daß wenigstens und noch in der Schule ordentliche Information vermittelt wird.
    Ich hatte natürlich auch meine linken Lehrer. Aber, das muß ich zu ihrer Ehrenrettung sagen: sie machten ihre persönliche Meinung nicht zum Maßstab des Unterrichts oder gar der Benotung. Das ist heute wohl ein viel stärkeres Phänomen, wenn unter der Käseglocke der Schulen vielfach Gutmenschentum gepredigt wird. Aber das ist ein anderes Kapitel…

  3. Frank sagt:

    Es gibt kein „palästinensisches Land“ im Sinne von Staatsbesitz. Nur Privatland im Eigentum von staatenlosen Palästinensern. Der Nachweis ist ohnehin schwierig, weil aus der osmanischen/Mandatszeit nur sehr spärlich Kataster eingetragen wurden. Das, was man heute als Gaza kennt, ist eigentlich ägyptisch besetzt gewesen, das was Westjordanland (besser: Judäa und Samaria) genannt wird, ist jordanisch besetzt gewesen. Beides wurde durch israelische Siege erobert, aber wieder freigegeben. Bestenfalls ist es „umstrittenes Land“. Die UN-Teiluungserkläruung wurde von den arabische Staaten ja nie anerkannt.

  4. d’accord, bis auf eines: Gaza und Westbank sind beide völkerrechtlich von Israel besetzt. Bei der Westbank ist dies unbestritten, bei Gaza ist dies die rechtliche Position der meisten Länder der Welt einschl. Israel. Dazu gibt’s demnächst eine kleine Veröffentlichung über einen Vortrag des Völkerrechtlers Dr. Frau von der Viadrina.

  5. Frank sagt:

    Nunja, Gaza ist zwar besetzt, aber von der Hamas. 😉 Israel zog sich vollständig bereits 2005 zurück. Seitdem ist der Gazastreifen „Judenrein“.

  6. Du täuschst Dich, Frank. Der Gaza-Streifen ist völkerrechtlich ein besetztes Gebiet. Deswegen (und nur deswegen) ist Israel berechtigt, die Zugänge nach Gaza zu kontrollieren (um Waffenlieferungen zu unterbinden). Daß Israel in Gaza selbst keine Soldaten zu stehen hat, ändert nichts am juristischen Status.

  7. Frank sagt:

    Nun hat aber auch Ägypten eine Grenze und einen Grenzübergang (Rafah) zum Gazastreifen. Nominell zuständig für das Gebiet ist immer noch die Palästinensiche Autonomiebehörde. Auch wenn sie gerade keine Gewalt über das Gebiet wegen des Hamasputsches hat.

  8. Die palästinensische Autonomiebehörde ist dafür nur im Rahmen dessen zuständig, was die legitime Besatzungsmacht ihr an Zuständigkeit läßt. Frank, da liegst Du wirklich sachlich nicht richtig. Zuständig wäre eine staatliche palästinensische Behörde – wenn es denn eine gäbe.

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