Wut im Bauch

von André Freud:

Herrn Michael Husarek

Nürnberger Nachrichten, Lokalredaktion

Betrifft: „Interview“ mit SPD-Kandidat Christian Ude in den NN von heute, S. 9

NN Kopf

Guten Tag, Herr Husarek

Man weiß es ja, es ist bekannt: Ihre Zeitung nimmt in der Politik keinen um Neutralität bemühten Standpunkt ein. Man steht links. Und wissen Sie, wie ich das finde? Völlig in Ordnung! Es ist absolut in Ordnung, daß eine Zeitung sich einen politischen Standpunkt sucht und diesen dann auch vertritt. Damit habe ich kein und sollte überhaupt kein Demokrat irgendein Problem haben.

Ein ander Ding aber ist es, wenn dieser politische Standpunkt unter Camouflage verborgen wird, wenn er vertuscht werden soll. Das allerdings ist nicht hinnehmbar. Das sogenannte Interview mit dem SPD-Kandidaten Ude, das Sie so nennen und das mit Ihrem Namen gezeichnet ist, ist alles mögliche – aber kein Interview. Da war ja, mit Verlaub, mein Interview für einen klar als CSU-Unterstützung deklarierten Blog mit Markus Söder neutraler geführt.

In Ihrem „Interview“ haben Sie Ude nicht nur eine Vorlage nach der anderen gegeben, um seine Wahlkampfparolen unter die Leute zu bringen. Oder hat man nur vergessen, über das Interview das Wort „Wahlwerbung“ zu schreiben?

Keine kritische Frage an Ude. Kein Nachfragen, wenn er höchst gewagte Thesen über die Politik des Finanzministers Söder zu Besten gibt. Die Wahlkampfzentrale der bayerischen SPD hätte die Fragen nicht freundlicher stellen können als Sie. Kein Bezug darauf, daß die Umfragewerte für die bayerische SPD desaströs sind.

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Das dürfen Sie so tun. Sie dürfen in der Zeitung schreiben, daß Sie Markus Söder und die CSU nicht mögen und daß Sie dafür sind, Ude und die SPD zu wählen. Gar kein Problem. Dann aber müssen Sie, muß die NN das klar und deutlich deklarieren. Was Ihnen vorzuwerfen ist: Sie – die NN – tun so, als seien Sie eine um Objektivität bemühte Zeitung, aber Sie sind es nicht. Der Anstand journalistischer Arbeit sollte es gebieten, sich dem Leser gegenüber wahrhaftig zu zeigen.

Lassen Sie uns doch einmal abwarten, bis die NN das nächste Interview mit Markus Söder bringt. Sollte dieses Interview ähnlich vorauseilend-gehorsam und unkritisch ausfallen, dann werde ich bei Ihnen und der NN Abbitte leisten und mit einer Runde Café und Kuchen bei einer Redaktionskonferenz vorbeischauen. Um aber nicht mißverstanden zu werden: Natürlich erwarte ich von einer Zeitung, daß Sie auch dem CSU-Vertreter kritische Fragen stellt. Die Betonung liegt auf dem kleinen Wörtchen „auch“. Auch bei Söder kritische Fragen – und auch bei Ude. Daß Sie als „unabhängige“ Tageszeitung dies nicht tun, ist Ihnen vorzuwerfen. Das gehört sich nicht.

Mit freundlichem Gruß

André Freud

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Ein Kommentar

  1. Leser sagt:

    …da ist was dran; vielleicht sollte die NN, die sich ja als Qualitätszeitung versteht, in ihrem ersten Seitenkopf ein entsprechenes politisches Bekenntnis abgeben. Mir fällt halt schon auf, dass selbst die Süddeutsche (gegenüber CSUlern im Interview) und die Welt (gegenüber SPDlern) viel ehrlich auftritt. Naja, wir wissen es ja. Aber ok im Sinne ehrlicher Publizität ist das nicht.

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