Metropol-Programm vs. Bedenkenträger

von André Freud:

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Nürnberg liegt im Spannungsfeld zwischen einer Identität als Metropole und Provinz. Es ist keine Frage des Ortes, sondern eine des Kopfes (© Michael Frieser MdB).

Das Metropol-Programm der CSU, vergangene Woche von Fraktionschef Sebastian Brehm der Öffentlichkeit vorgestellt, umfaßt Projekte, die für eine gute Entwicklung der Stadt wichtig und richtig sind.

Einer dieser Punkte wird nun etwas quer angegriffen: die Errichtung der technischen Fakultät mit vielen tausend Studenten auf dem Gelände der Quelle. Denn, so heißt es, das Gebäude stehe unter Denkmalschutz und solle unberührt bleiben.

Diese Haltung ist nicht hilfreich, um mit „Mutti“ zu sprechen. Wesentlich ist vor allem eines: Es gibt keine denkbare Nutzung für das riesige Quelle-Gebäude – das zweitgrößte freie Gebäude in Deutschland (nach dem Berliner Flughafen Tempelhof).

Freilich: Wünschenswert ist vieles. So mag es wünschenswert sein, das Quelle-Areal komplett zu erhalten. Und ein kompletter Neubau für die Uni auf einem heute bereits leeren Gelände, nahe an der Stadt, nahe an der U-Bahn, auch von auswärts gut zu erreichen – das wäre natürlich auch schön. Wer ein solches Grundstück kennt – herzlichen Glückwunsch. Ein Entkernen des Quelle-Gebäudes, damit die Fassade bleiben kann und zugleich eine Uni-Nutzung möglich ist, würde nach einer erfolgten Kostenschätzung 750 Millionen Euro kosten – das kann niemand bezahlen. Außerdem sind Gebäude von technischen Fakultäten wegen der enorm schweren Ausstattung mit Maschinen, Laboreinrichtungen etc. vor allem auf das Erdgeschoß angewiesen, weil man solche Mordstrümmer nicht irgendwo oben installieren kann.

Wünsche müssen Bezug zur Realität haben. Die Dürersche Ausmalung im Rathaussaal wiederherzustellen, ist real möglich (wird aber von manchen abgelehnt). Der Quelle-Bau kann nicht mehr genutzt werden; er war für die Quelle maßgeschneidert, und die Quelle gibt es nicht mehr. Das ist eben der Nachteil von Maßschneiderei: es ist schwer, jemand fürs Auftragen des alten Anzugs zu finden. Vor allem dann, wenn derjenige, der sich den Anzug hat schneidern lassen, eine ganz ungewöhnliche Figur hatte.

Bei unter 10 % Vermietung kommen zwar derzeit nicht einmal die Heizkosten herein, aber davor verschließen wir mal schön die Augen. Für eine Uni-Nutzung ist das Gebäude aus Dutzenden von Gründen nicht nutzbar. Was wäre die Zukunft? Ein verfallendes Gebäude. Das kann niemand ernstlich wollen.

Zugleich aber werden die ungeheuren Chancen für den Westen ausgeblendet, wenn man am Quelle-Gebäude festhalten will. Viele tausend Studenten, Nürnberg als „richtiger“ Uni-Standort. High-Tec an der Fürther Straße – wie vor hundert Jahren – statt verfallender Vergangenheit. Der architektonische Wert des Ensembles wird ja nicht bestritten. Wenn es aber funktional wertlos und sinnlos ist – was dann? Vor allem auch die schiere Riesenhaftigkeit verbietet es, das Ding einfach so herumstehen zu lassen.

Sinnvoll ist es, die Chancen zu nutzen. Es wäre übrigens sehr wohl zu prüfen, den Architekten in die Wettbewerbsvorlage hineinzuschreiben, daß sie die alte Quelle-Architektur aufnehmen und zitieren können oder sollen. Es geht ja nicht um Bilderstürmerei; es geht um eine der Stadt dienende Nutzung. Nürnberg ist die zweitgrößte Stadt Bayerns. Wir bedürfen einer städtischen Infrastruktur, die diesen Bedürfnissen entspricht. Es ist doch etwas sinnlos, den Erhalt eines Gebäudes zu fordern, das niemand mehr nutzen kann – und das enorme Summen Geldes verschlingt – und das zugleich einer für die ganze Stadt enorm vorteilhaften Nutzung im Wege steht.

Vergangenheitsbewußtsein ist gut. Aber sie, die Vergangenheit, auch um den Preis erhalten zu wollen, daß es die Zukunft verhindert, ist ein Bärendienst. Nürnberg braucht als Großstadt eine Politik, die Maß zu halten weiß in ihren stadtplanerischen Projekten und die nicht sinnlose Dinge fordert, um damit ein enormes Potential für die Stadt zu zerstören.

Bild: Freud

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