Das Pfosten-Orakel von Nürnberg

von André Freud:

Kugelpfosten_1

 

Sie hieß Petra, ging in die Parallelklasse, und nicht nur ich fand sie ziemlich gut. Als wir so um 1980 herum zum Verkehrszählen ausrückten, kam es dazu, daß sie und ich eine „Zähleinheit“ bildeten. Wir hatten also nicht nur kurz vor den Sommerferien einen Tag schulfrei, sondern durften auf der Pegnitzbrücke an der Brückenstraße auf Campingstühlen hocken, mit Cola (noch in richtigen Dosen, die man knacken mußte) und allerlei anderer Wegzehrung ausgestatt, mit mechanischen Zähluhren und Schreibunterlagen samt vorgedruckter Listen bewaffnet, versuchten, möglichst cool und unbeteiligt auszusehen und zählten den Verkehr. Das war einige Zeit lang ganz spaßig – so etwa, wenn bei einem Ford Transit erörtert werden mußte, ob das nun ein Pkw oder ein Lkw war, oder ob bei einer Frau mit Kinderwagen ein oder zwei Fußgänger zu zählen waren; aber diese intellektuellen Herausforderungen waren nach etwa fünf Minuten der Tätigkeit gemeistert. Weitere fünf Minuten später war mir klar, daß ich Petra doch nicht mehr so gut fand wie viele andere und wie vor allem sie selbst. So verlief der Rest des Tages eher langweilig. Als aus dem schräg gegenüberliegenden Gebüsch einer unserer Lehrer geklettert kam, der überprüft hatte, ob wir uns den kleinen städtischen Obulus auch redlich verdienten, war dann wirklich für den Rest des Tages kein besonderes Vorkommnis mehr zu vermelden.

Als dann einige Monate später in der Tageszeitung ein Artikel stand, in dem auf die Ergebnisse jener Verkehrszählung eingegangen wurde, da freute mich dieses sichtbare Resultat des Einsatzes. Irgend etwas Neues war herausgekommen – was, das weiß ich freilich nicht mehr; aber es führte zur Realisierung irgend eines Verkehrsprojekts. Aha, dachte ich mir damals, so funktioniert das also.

Nun sind ein paar Jahrzehnte vergangen, aber immer noch stehen Verwaltung und Politik vor der großen, niemals zu Ende zu bringenden Aufgabe der Verkehrspolitik. Wie jeder, der schon mal über mehr nachgedacht hat als übers nächste Schäuferla, weiß: eine gute Entscheidung kann man nur auf einer guten Informationsgrundlage fällen. Das gilt sogar fürs Schäuferla: wo ist die Kruste rösch, die Sauce ohne Pulver gemacht, der Kloß gut? – man sieht: sogar bei den simpelsten aller Fragen steht eines vor der Antwort wie der Cerberus vor der Unterwelt: die Beschaffung von Informationen, von belastbaren Informationen, wie man heute sagt – was natürlich ein Pleonasmus ist: nicht belastbare Informationen sind keine Information, sondern Desinformation.

Nun wird diskutiert, ob das Verkehrszählen abgeschafft werden soll. Das würde zu einigen Aspekten der Nürnberger Verkehrspolitik durchaus passen: die nimmt ja eh auf die Realität keine Rücksicht, sondern handelt nach gewissen Ideologien, die in ihrer intellektuellen Höhe nicht mehr für alle nachvollziehbar sind – etwa: „Auto böse. Fahrrad gut.“. Wenn sich also durch eine Verkehrszählung ergeben sollte, daß schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein muß, wer ausgerechnet die Fürther Straße einspurig machen will – ja, dann sind halt gewisse Kreise an einer Verkehrszählung nicht mehr interessiert. Und bevor man tage- und wochenlang die Informationen so „aufbereitet“, bis sie zum gewünschten Ziel passen, da ist es doch viel eleganter, man erhebt die Daten gar nicht erst. Dann fällt die mühsame Manipulation weg und man kann gleich den Pfosten setzen, die Straße schmaler machen, eine Durchfahrt sperren, oder was sonst den Rückwärts-Helden so einfallen mag.

Man erkennt den Irrwitz solche Überlegungen auch anhand eines anderen Beispiels. Für einen fundamentalistischen Kommunisten steht die Zukunft unverrückbar fest (nach einer aller-, allerletzten Krise des Kapitalismus wird der Kommunismus sein ach so segensreiches Werk beginnen), während die Vergangenheit sich wandelt (Walter Ulbricht galt denen mal als neue Hoffnung, und Erich Honecker war angeblich mal ein lockerer Jungspund mit frischen Ideen). Für einen vernünftigen Menschen steht die Vergangenheit fest, aber die Zukunft ist offen. Deswegen ist Politik die Sorge um die Gestaltung der Zukunft – und dieser Aufgabe wird nur gerecht, wer Entscheidungen aufgrund redlich zusammengetragener Informationen vorbereitet und schließlich trifft.

Und so hat denn auch die jüngste Verkehrszählung ergeben, daß beispielsweise auf der Marienbergstraße täglich über 20.000 Autos unterwegs sind. Wenn jetzt einer denkt: „Hoppla, könnte da die Nordanbindung nicht für Entlastung sorgen?“, dann hat dieser Jemand zwar brav gedacht, aber ohne die Pfostenfreunde aus der Stadtverwaltung zu berücksichtigen. Die wollen nämlich die Nordanbindung nicht, sei, was immer sein mag. Wenn also die Verkehrszählung zu Erkenntnissen führt, die von gewissen Menschen nicht erwünscht sind – ja, dann schaffen wir halt die Verkehrszählung ab, und schon behindert uns das Biest namens Realität nicht mehr in unserer ideologischen Arbeit!

Damit genau das nicht passiert, damit künftig weiterhin und vermehrt Politik auf der Grundlage von Tatsachen – und nicht auf der Grundlage von Mutmaßungen, Ängsten, Ideologien – gemacht wird, muß der Wähler diejenigen politischen Kräfte stärken, die mit Vernunft, Gestaltungswille und Augenmaß an diese Fragen herangehen. Die, die näher am Menschen sind.

Bild: Public Domain

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