Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

von André Freud:

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Markus Söder ist eine ganze Menge. Er ist Doktor der Rechte, Bezirksvorsitzender der CSU in Nürnberg-Fürth-Schwabach, Mitglied des Bayerischen Landtags und bayerischer Staatsminister der Finanzen. In der zuletzt genannten Eigenschaft ist er qua Amt zugleich auch Chef der bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen – und somit oberster Hausherr der Nürnberger Kaiserburg.

In eben jener Kaiserburg gibt es, neben dem Rittersaal gelegen, einen schönen, hohen Raum. Mit zwei überlebensgroßen Darstellungen einer Frau und eines Mannes – besser: einer Dame und eines Herrn -, ansonsten in der hochmittelalterlichen Schlichtheit, mit zwei doppelflügigen Fenstern, die einen herrlichen Blick auf die Altstadt bieten, ist der ehemalige Wachraum der Kaiserburg heute ein historischer Ort, der mit seiner eleganten Anmutung inmitten der weltberühmten Kaiserburg als Trauzimmer zur Verfügung steht.

Jedoch: wir haben in Nürnberg auch einen Oberbürgermeister. Von diesem, Uli Maly mit Namen, hört man seit einiger Zeit nicht mehr viel; er scheint ein wenig die Lust verloren zu haben. Wenn man aber etwas hört, dann beispielsweise eine Lobpreisung der weißen Wand im Rathaussaal, des Rückbaus Nürnbergs wichtigster Straße nach Fürth auf nur noch eine Spur – kurz und gut, eine Politik aus Zögern, Zaudern, Zaghaftigkeit. So nimmt es dann auch nicht wunder, daß mit Zögern, Zaudern, Zaghaftigkeit reagiert wurde, als Markus Söder sich daran machte, die seit dem Wiederaufbau vor sich hin stehende Kaiserburg instandzusetzen und ihr auch innerlich die Attraktivität zu verleihen, die sie äußerlich sowieso hat. Das Vorhaben ist umfassend (und wird bei anderer Gelegenheit umfassend dargestellt werden), und diese Initiative umfaßt nebst vielem, vielem anderen auch den ehemaligen Wachsaal, der eben nun dank Söder zum Trauzimmer umgewidmet wurde.

Die Stadtspitze war nicht so recht dafür. Das Interesse werde nur gering sein. Wie unser Ober, wie der Nürnberger liebevoll oder despektierlich, je nach Gemüt, den Oberbürgermeister gerne nennt, auf diese Idee kam, ist hier nicht bekannt. Vielleicht sorgte er sich ums Schuhwerk der Damen, die beim Fußweg den steilen Weg hinauf übers nur mäßig absatzschonende Kopfsteinpflaster malträtiert werden könnten. Oder ihm ist das Trauzimmer mit den beiden imposanten, großen Gemälden zu wenig banal (man denke an den Rathaussaal, den Maly gerne weiterhin mit der Wandgestaltung einer Bahnhofswirtschaft 2. Klasse sehen möchte). Vielleicht auch rührt sich hier des Sozialdemokraten Innerstes, das lieber romantisch inszenierte Arbeiterkultur pflegt, als das reichsstädtische Erbe der Stadt. Das alles aber sind nur Mutmaßungen. Keine Mutmaßung aber ist, daß Maly sich schlecht dem Trauzimmer verweigern konnte; also bietet die Stadt Nürnberg nun die Möglichkeit, in diesem Trausaal Hochzeiten standesamtlich beurkunden zu lassen. Allerdings konnte Maly seine Skepsis nicht für sich behalten, sondern verkündete wacker, daß mit einem großen Andrang nicht zu rechnen sei.

Also sei doch alles in Ordnung, meinen Sie? Weit gefehlt! Denn wenn unser allerhöchster Herr Oberbürgermeister, haltenzugnaden, in seiner profunden Kenntnis dessen, was die Menschen wünschen, verkündet, daß nicht mit großem Andrang zu rechnen sei, dann ist das so. Punktum. Und wenn dieses gemeine Biest namens Realität sich anders verhält, dann wird sie eben gefügig gemacht! Was das heißt? Schlicht und einfach: es gibt nur fünf Termine im Jahr. Fünf! „Das bisherige Angebot von Terminen ist, gelinde gesagt, ein bißchen übersichtlich“, sagte Markus Söder gestern dazu. Das ist eine mehr als freundliche Untertreibung – man muß aber auch verstehen, daß Markus Söder dann, wenn er als Staatsminister spricht, den Oberbürgermeister Bayerns zweitgrößter Metropole nicht ganz so anspricht, wie er dies beispielsweise als CSU-Bezirksvorsitzenden kann. Nun, was Markus Söder sich aus ministeriellem Anstand verkneift, darf sich aber jeder, der kein Minister ist, erlauben.

Es ist doch ein Witz, daß der Oberbürgermeister durch eine lachhafte Terminkontingentierung, völlig am Willen der Bürger vorbei, erstens versucht, seine Prognose des geringen Interesses scheinbar wahr werden zu lassen, und zweitens dem wichtigsten Vertreter der CSU in und um Nürnberg den Erfolg, die Anerkennung nicht gönnt. Es ist das Verhalten eines Besserwissers und eines schlechten Verlierers.

Um nicht in den Verdacht zu geraten, daß er, Maly, selbst der Verhinderer sei, wurde durch den Flurfunk bekannt, daß die Mitarbeiter des Standesamts den steilen Anstieg vom Rathaus zur Burg scheuen. Eine diskrete Befragung ergab: das ist nicht zutreffend. Nebenbei bemerkt, wäre es auch ein Witz: ein körperlich fitter städtischer Mitarbeiter wird den Anstieg vielleicht sogar gerne machen, sozusagen als bezahlten Spaziergang, und alle anderen können das Auto nehmen. Worin also soll das Problem liegen?

Das eben ist eine unschöne Art des politischen Kalküls. Man meint A, sagt aber B. Solches Verhalten braucht kein Mensch. Oberbürgermeister ist man, um die Stadt zu gestalten – nicht aber, um sie nur zu verwalten. Eine gute Idee ist auch dann eine gute Idee, wenn sie vom politischen Mitbewerber kommt. Das geht mit Politikern, die noch wissen, warum sie in die Politik gegangen sind: um die Dinge voranzubringen, um die Stadt, das Land, den Bund zu entwickeln – kurz und gut: um zu gestalten.

Wie man an dieser kleinen, kleinen Kleinigkeit erkennt, wissen das manche Politiker nicht mehr. Es sind genau solche kleinen Geschichten, derentwegen sich so mancher fragt, was die da oben eigentlich den lieben, langen Tag so machen. Auf die Person des Oberbürgermeisters bezogen, ist die Sache klar: verwalten statt gestalten.

Dagegen steht ein Politiker vom Typ Söders. Kantig, unbequem, aber zugleich auch ohne Scheu vor der Welt da draußen, mit einem gut funktionierenden Kompaß aus grundsätzlichen Überzeugungen, Werten und Zielen. Ein solcher Politiker duckt sich nicht weg, wenn etwas realisiert werden kann, was die Bürger wollen. Sein Grundsatz heißt: Gestalten statt Verwalten.

Wie man auch an dieser kleinen Geschichte eines Hochzeitszimmers erkennen kann.

Bild: Freud (Staatsminister Dr. Markus Söder und Pressesprecher Tom Neumann am 30.11.2012 im Trauzimmer der Nürnberger Kaiserburg)

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Ein Kommentar

  1. wireless sagt:

    Es mag was dran sein, b das nun ganz so ist, lasse ich mal dahingestellt, Aber unumstößlicher Fakti ist, dass das Ganze hier sehr pointiert geschrieben wird. Um nicht zu sagen: Professionell-

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