Wenn der Wahn Wirklichkeit wird

von André Freud:

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen möchte. Es stehen Meldungen in der Zeitung, von der man hofft, daß sie niemand außerhalb Nürnbergs liest, weil man sich nicht vor dem Rest der Welt schämen und genieren möchte.

Was ist passiert? Der geneigte Leser erinnert sich an das Fahrradverleihsystem „NorisBike“: Man kann sich an verschiedenen Stationen Fahrräder ausleihen und sie an jeder anderen Station wieder abgeben. Zwar behauptet die NN heute fröhlich (und wieder besseres Wissen), daß das Leihen „bekanntlich einfach“ sei. Das ist Humbug; gerade die Komplexität des Ausleihens ist ein Hemmnis für den Erfolg von „NorisBike“. Dieser „Erfolg“ sieht dann auch so aus, daß länger als geplant mehr Zuschüsse bezahlt werden müssen. Aber das ist ein anderes, trauriges Thema.

Nun haben 700 Teilnehmer einer Online-Abstimmung also entschieden: die nächste Fahrradverleih-Station ist am Flughafen entstanden. Ja, da wundert sich der Mensch. Wie denkt man sich das? Für Flugreisende mit Gepäck ist das nicht so günstig, stellt sogar die NN fest. Es ist ja auch ein wenig schwer vorstellbar, wie die aus Mallorca oder der Türkei aus den Ferien heimkehrende Familie ihr umfangreiches Gepäck, die Taschen aus dem Duty-Free-Shop, die Koffer voller schmutziger Wäsche und dem halben Badezimmerinhalt sowie vielleicht noch das Surfbrett des sportlichen Nachwuchses auf einem dieser Drahtesel zu verstauen versucht – dafür ist der Gepäckträger dann doch einige Hausnummern zu klein ausgefallen. Das hat man kapiert. Immerhin – zu soviel gesundem Menschenverstand ist schon mal zu gratulieren. Warum also dann eine solche Station am Flughafen? Weil es ja auch Reisende ohne Gepäck gibt. Stimmt, die gibt es; für den Verfasser dieser Zeilen gehörte diese Art des Fliegens – ohne Gepäck – jahrelang zum Berufsbild. Aber natürlich hat auch der Fluggast, der keinen Koffer hat, den er beim Check-In aufgeben muß, einiges dabei. Da ist die Tasche für den Computer und vielleicht noch eine Aktentasche. Wer so reist, trägt in der Regel einen Anzug und ist um ein korrektes Äußeres bemüht.

Wie stellen sich die Zeitgenossen das denn vor? Da tritt – beispielsweise – der Messebesucher aus dem Flughafengebäude. Mit Notebook und Aktentasche bewaffnet, im feinen Anzug, steht er dann also vorm Flughafen und fragt sich, wie er zur Messe kommt. Und wie soll er das bewerkstelligen? Na klar: er packt seinen Computer aus, geht auf die Internetseite von NorisBike und versucht, sich eine Leihkarte zu verschaffen. Die aber kann er nicht online bekommen, die wird ihm zugeschickt. Versuch gescheitert, unser Besucher nimmt ein Taxi, die U-Bahn oder holt sich einen Mietwagen.

Im Jahr darauf kommt unser Besucher wieder. Nun hat er sich die Leihkarte im Vorfeld besorgt, tritt wacker an die Leihstation und entnimmt ein Fahrrad. Computer und Aktentasche lassen sich nicht richtig verstauen, aber als aecht umweltbewußter Freak hat unser Besucher einen Rucksack dabei. Der sieht zwar überm edlen Zwirn etwas dämlich aus, aber was tut man nicht alles für ein gutes Pseudeogewissen! Also frisch auf den Bock geschwungen, und los geradelt! Nachdem er zehn Minuten durchs schöne Nürnberger Knoblauchsland gefahren ist, kommen erste Zweifel an der Idee. Wohin er genau muß, könnte ihm sein Navigationsgerät sagen, oder die entsprechende Funktion in seinem Handy. Das aber darf er nicht nur während der Fahrt nicht bedienen – er kann es nicht bedienen, denn mit dem Rucksack am Rücken und nunmehr im Straßenverkehr angekommen, ist das Hantieren mit dem Navi nicht möglich. Also bleibt er stehen, steigt ab, orientiert sich so in etwa mithilfe des Geräts, und radelt weiter. Der fröhliche Ausflug wird dadurch etwas belastet, daß nunmehr aus Fürth etwas Unerfreuliches kommt, nämlich dunkle Wolken, die ihre Last ablassen: es regnet. Was den Knoblauchsländer Bauern freut, ist unserem Radler nicht ganz so angenehm. Der gute Anzug wird naß und nässer, der Straßenverkehr nimmt mehr und mehr zu, die gute Laune ist allmählich dahin. Wenn er dann den Berg am Tiergärtnertor erklimmt, dann weiß er endgültig, daß er einen Fehler begangen hat. Er kommt ins Schwitzen, und der bereits von außen durchnäßte Anzug wird nun auch von innen her etwas feucht. Die Krawatte hat er längst abgenommen, ausgewrungen und im Rucksack verstaut, den obersten Knopf geöffnet, sich davon überzeugt, daß der Computer noch nicht naß geworden ist. Allmählich wird ihm auch etwas kühl. Als ihn ein Auto überholt und dabei durch eine Pfütze fährt, bekommt sein vormals ordentliches Outfit einen schönen Schwall Nürnberger Brackwasser übers Hosenbein. Gut eine halbe Stunde später an der Messe angekommen, sieht unser Besucher aus wie frisch aus dem Dschungel-Camp eingetroffen, und eines wird er nun ganz gewiß nicht machen: zu seinem Termin gehen und sich blamieren. Unser Mann wird das Fahrrad in den Graben werfen – die daraus resultierende Gebühr ist ihm egal, denn angesichts des Verlusts aufgrund des geplatzten Termins spielt das eh keine Rolle mehr. Er wirft sich selbst ins nächste Taxi, fährt zum Flughafen zurück, und will nur noch eines: raus aus dieser Stadt der Narren.

Da hat er aber nicht mit der Schlauheit der Nürnberger gerechnet. Wie die Oberexperten der Grünen beantragen, geht dann nämlich aufgrund der vorgerückten Stunde kein Flugzeug mehr. Unser Reisender also muß zurück in die Stadt, sich ein Hotelzimmer besorgen. Da er kein Gepäck dabei hat, muß er noch flugs zum Bahnhof, um sich dort mit dem Notwendigsten einzudecken. Und am nächsten Morgen nimmt er dann seinen Termin doch noch wahr.

So etwa scheinen sich manche Experten das Wirtschaftsprogramm für Nürnberg vorzustellen. „Der Flughafen ist perfekt als Verleihpunkt geeignet“, sagt Kalupner, Geschäftsführer von NorisBike. Aber hier ist ganz offen zu fragen: Wie doof darf man sein?

 

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2 Kommentare

  1. Achim Seuß sagt:

    Lieber André,
    ich bin enttäuscht von Deiner Ignoranz! Bist Du schon mal auf die Idee gekommen, daß der Flughafen nicht nur das begrenzte Areal ist, an dem sich Flugreisende aufhalten?! Drumherum gibt es das Knoblauchsland. Almoshof, etc. Öffne mal die Augen, dann siehst Du das auch. Wer also mit der U-Bahn da hin fährt, kann sich auf den Sattel schwingen und dort hin fahren. Da bietet sich so einiges an. Nicht nur die Abflughalle. Als man an den Bahnhof auch so ein Ding hinstellte, hast Du ja (hoffentlich) nicht so kurz gedacht – oder besteht das Areal Bahnhof für Dich nur aus den Gleisen?!
    Das ist so engstirnig, der Artikel könnte glatt in der NN stehen…

    Gruß

    Achim

  2. Pardon – aber die Idee vom Flugreisenden, der aufs Fahrrad steigt, die stammt eben genau nicht von mir, sondern ist heute in den NN als Idee von Flughafensprecher und NorisBike-Geschäftsführung nachzulesen. Und eben genau diese Idee wird hier aufgespießt.

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