Überraschung! Überraschung!

von André Freud:

Heute findet der Leser in den NN zwei Überraschungen.

1.

Gestern wagte ich die Mutmaßung, daß die NN am heutigen Dienstag sich in die Reihe derjenigen Medien einreihen würde, die in einem heuchlerischen Kommentar die Angriffe auf den damaligen CSU-Generalsekretär Markus Söder fortsetzen, weil der es gewagt hatte, vor sechs Jahren in einem Brief an den ZDF-Intendanten die Nichtberücksichtigung der CSU in der Berichterstattung zu monieren. Aber ach, ein solcher Kommentar findet sich auch heute nicht in den NN.

Warum? Da kann man natürlich nur Vermutungen anstellen. Sei es, daß die NN-Redaktion weiß, daß diese Briefe von Markus Söder nicht nur keine Affäre sind, sondern absolut konform mit seiner Tätigkeit als Generalsekretär einer Partei und seiner Mitgliedschaft im ZDF-Fernsehrat. Wobei man dann allerdings fragen muß: Warum bringt die NN keinen Kommentar, in dem Markus Söder vor den Vorwürfen in Schutz genommen wird? Das ist leicht zu erklären: weil eine Zeitung wie die NN einem Politiker der CSU nun mal keine positiven Beiträge gönnt. Das allerdings ist kein Mutmaßen und Vermuten – das räumt der Herausgeber Bruno Schnell selbst ein: wenn einer seiner Redakteure es wagen sollte, etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel positiv zu erwähnen, dann ruft er schon mal die gesamte Redaktion zusammen und hält eine Strafpredigt, denn: die Dame sei nicht zu loben. So sieht das Papa Marx, wie er sich gerne nennen läßt, und er scheint es auch für völlig normal zu halten, daß der Herausgeber sich in die redaktionellen Angelegenheiten einmischt. Zugleich wird die SPD grundsätzlich nicht kritisiert. Und so ein Blättchen wagt es, das Wort „unabhängig“ für sich in Anspruch zu nehmen.

Auch in den anderen Zeitungen scheint das frei erfundene Thema der „CSU-Medienaffäre“ ausgestanden zu sein: zu offensichtlich ist, daß hier kein Fehlverhalten von Markus Söder vorliegt, zu offensichtlich ist, daß die Medien sich da in ein Gespinst verrannt haben. Räumen sie das nun ein, die Medien? Oh nein, das wäre ja noch schöner! Nein, das Thema wird eben einfach fallengelassen.

Ist damit alles in Ordnung? Nein, nichts ist in Ordnung. Der Wikipedia-Artikel über Markus Söder enthält jetzt einen Abschnitt „Umgang mit öffentlich-rechtlichen Sendern“, und es gibt einen Wikipedia-Artikel „Medien-Affäre der CSU 2012“. Damit ist die Grundlage dafür gelegt, irgendwann wieder mit diesem erfundenen Dreck zu werfen, und der Leser denkt sich vielleicht: „Da war doch schon mal etwas?“. Semper aliquid haeret, wie der Lateiner sagt: Es bleibt immer etwas hängen. Das ist die Methode, das ist die Vorgehensweise.  Sie hat natürlich nichts mit redlichen Motiven zu tun. Ginge es der NN um die Freiheit der Presse, dann sollte sie mal einen Artikel darüber bringen, ob es denn journalistisch und presserechtlich in Ordnung ist, wenn der Herausgeber massiven Einfluß auf die redaktionelle Arbeit nimmt. Oder ob die Tagespresse in Deutschland nicht in einem mehr als bedenklichen Maß von einer Partei, nämlich der SPD, unmittelbar gesteuert wird. Wenn es einmal einen solchen Artikel in den NN gäbe, – aber ach, es wird ihn nicht geben.

2.

Christian Vogel, Fraktionschef der SPD im Nürnberger Stadtrat – auf dem Bild erkennbar im Sommer aufgenommen -, hat eine Volte gemacht, eine überraschende Wendung. Letzte Woche lauteten die Berichte noch, die SPD habe beschlossen (!), die U-Bahn nach Eibach abzulehnen. Vogel wurde mit den Worten zitiert, daß in den nächsten 50 Jahren keine U-Bahn nach Eibach fahren wird. Und auf einmal war alles ganz anders. Die SPD ist nicht gegen eine U-Bahn nach Eibach, sondern ein bißchen dafür, wenn’s ein anderer bezahlt, und sie freut sich sehr auf die Ergebnisse der Experten. Aha.

Zu gerne hätte ich die Telefonanrufe und eMails der Eibacher Genossen an den Fraktionsvorsitzenden Vogel mitbekommen, als sie von seinem (und nicht nur seinem!) Nein zur Eibacher U-Bahn hörten.

Und wie war das denn mit dem SPD-Stadtrat Fischer? Verkündete der nicht noch in der letzten Woche, daß eine U-Bahn nach Eibach zwar wirtschaftlich sinnvoll sei, aber eben verkehrspolitisch nicht sinnvoll? Ja, aber, Herr Fischer! Sollten Sie davon vielleicht nichts verstehen? Der Leser erinnert sich: Fischer unterstellt Menschen anderer Meinung gerne mal, sie wüßten nicht, wovon sie reden. Und wenn dann die SPD-Fraktion eine vollständige Umkehr vollzieht, dann müßten, dieser Logik folgend, entweder alle anderen ahnungslos sein, oder der Herr Genosse Fischer selbst. Da aber nicht berichtet wird, ob Fischer sich dieser Volldrehung angeschlossen hat, muß man wohl noch etwas warten, bis man über dieses Detail Neues erfährt.

Aber natürlich heißt es hier, mit dem Spott nicht zu übertreiben. Es ist richtig, wenn eine Fraktion erkennt, daß ein Beschluß falsch war, und ihn dann korrigiert. Nichts ist unsinniger, als an einem Vorratsbeschluß festzuhalten, obwohl man längst erkannt hat, wie unsinnig er ist, wie sehr ihn auch und gerade die eigenen Wähler ablehnen, wie sehr er dem Gegner Tür und Tor für politische Angriffe öffnet. Also: Es ist immer lobenswert, wenn eine Partei, eine Fraktion einen Fehler als solchen erkennt und korrigiert.

Leider gilt in der Politik, daß man dann niemals laut sagt, daß man einen Fehler korrigiert. Alle sind bemüht, es so darzustellen, als wären sie schon immer der richtigen Meinung gewesen. Ich halte das für einen Fehler, einen grundsätzlichen, einen Webfehler von Politikern, aber er ist über alle Parteien hinweg üblich und gilt wohl als Ausweis angeblicher Professionalität. Das hat der Christian Vogel nicht erfunden, also braucht man es ihm auch nicht über Gebühr vorzuwerfen. Wie sich aber der Herr Fischer von seinem Satz freimachen möchte, daß die U-Bahn nach Eibach verkehrspolitisch sinnlos sei – das möchte ich dann doch noch gerne erleben…

 

Bild: Freud

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2 Kommentare

  1. halligator sagt:

    Auch wenn es ein bisschen offtopic ist: Das READMORE-Tag für RSS bricht in diesem Blog so früh, dass man mit dem Anreißer oft keine ahnung hat, worüber der artikel handeln könnte. Das ist kontraproduktiv

  2. Kritik akzeptiert. Jedoch: ich kenne kein besseres wordpress-Layout. Vorschläge? Deswegen achte ich (meistens) auch darauf, hilfreiche Tags und Kategorien anzugeben.

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