Können sie nicht anders?

von André Freud:

Der Leser erinnert sich: Gestern wurde berichtet, daß die SPD plötzlich ihre Meinung zur U-Bahn nach Eibach änderte. Ohne erkennbare Überlegung („Denkpause“), sondern einfach mal eben so. Den Eibachern blieb die Spucke weg: hatten doch die Verkehrsplaner festgestellt, daß dieser neue Ast der Nürnberger U-Bahn mit 18.000 Kunden täglich höchst erfolgreich sein wird. Aber Christian Vogel verkündete, daß in den nächsten 50 Jahren keine U-Bahn nach Eibach gebaut werden wird.

Das ist schon beeindruckend. Der Verfasser dieser Zeilen hat in den bisher 198 Beiträgen zu diesem Blog keinen Hehl daraus gemacht, daß Christian Vogel als starker Mann der Nürnberger SPD ein politisch durchaus ernstzunehmender Counterpart der CSU ist. Selbstbewußt und durchsetzungsfähig, ist er ein homo politicus im besten Sinne. Oft freilich ohne die richtigen Inhalte, aber wenigstens scheint er kein sturer Apparatschik zu sein; Vogel erlaubt sich auch mal eine eigene Meinung. Beim Thema U-Bahn nach Eibach allerdings hat Vogel sich mehrfach verlaufen:

  1. Vogel irrt sich inhaltlich. Die U-Bahn nach Eibach wird zu einer deutlichen Entlastung des vom Durchgangsverkehr schwer belasteten Stadtteils sorgen.
  2. Die vorgetragenen Einwände stimmen nur zum kleinen Teil – vor allem aber stimmen sie nur, wenn man die U-Bahn nicht weiter baut – etwa bis nach Reichelsdorf. Und seit Urschlechters Zeiten wissen wir, daß man auch bei der U-Bahn den großen Wurf wagen muß, und nicht nur spießbürgerliches Klein-Klein.
  3. Vogel scheint sich als Prophet zu sehen. In bemerkenswerter Hellsichtigkeit weiß er zu verkünden: Auch in 50 Jahren wird keine U-Bahn nach Eibach fahren! Respekt, Herr Vogel – derlei kann nicht jeder. Sie gehen also davon aus, daß die verdruckste Verkehrspolitik à la SPD noch so lange fortgeführt werden wird? Sie gehen vor allem davon aus, daß Nürnberg noch in 50 Jahren maßgeblich von der SPD (mit-) regiert wird? Da sei der Wähler vor! Vor allem aber, lieber Herr Vogel: Hochmut kommt vor dem Fall. Das werden Sie auch noch lernen.

Und die NN? Die hat mich mal wieder gefoppt. Da lese ich doch heute auf S. 10 eine Kommentarüberschrift „Schlechter Stil“, und den Untertitel „SPD überrascht Bürger und Partner bei U-Bahn“. Hallo, dachte ich bei mir, diese Ausgabe der NN gilt es, gut zu verwahren – als Beleg dafür, daß diese Zeitung doch sehr wohl ab und zu die SPD kritisiert. Wer hätte das gedacht? Ich legte die Zeitung parat, holte mir eine frische Tasse Tee und machte mich an die Lektüre des Artikels. Aber nach wenigen Worten war die Hoffnung, daß in den NN Überparteilichkeit plötzlich wieder angesagt sein könnte, verstoben. Der Artikel beginnt nämlich damit, der CSU Vorwürfe zu machen. Keine aktuellen, sondern welche, die sich auf CSU-Vorschläge von vor acht Jahren beziehen. So weit also mußte der wackere Kommentator zurückgehen, um eine aus seiner Sicht angreifbare CSU-Verkehrspolitik aufzuspüren. Was hat das mit dem Unsinn der SPD in Sachen Eibacher U-Bahn zu tun? Nichts, gar nichts. Aber in den NN darf wohl die SPD nach wie vor nicht kritisiert werden – und wenn, dann nur unter der Maßgabe, daß die CSU ebenso sehr kritisiert wird, wofür auch immer. Der Irrwitz ist: die SPD macht offensichtlichen Murks, aber die NN kritisiert die CSU. Und so ergibt es sich, daß in dem Kommentar 110 Worte lang Kritik an der CSU geübt wird, 75 Worte werden an Kritik der SPD aufgewandt. Die Journalisten der NN sind schon lustig. Wollen oder können sie nicht anders?

Freilich liegt es nahe, dahinter etwas ganz anderes zu vermuten. Die NN nämlich steht nicht nur stramm an der Seite der SPD – sie scheint sich vor allem als Erfüllungsgehilfe des Herrn Oberbürgermeisters Maly, Uli, Haltenzugnaden, zu verstehen. Und dem wird der Christian Vogel allmählich ein wenig zu aufmüpfig. So ist also der heutige Kommentar der NN, der dem Titel nach die SPD meint, im Text vor allem aber auf die CSU eindrischt, aber bei den paar SPD-kritischen Worten vor allem den Christian Vogel attackiert, nicht jedoch den OB, so zu lesen, daß hier der Fraktionsvorsitzende gerüffelt wird, der OB aber von der Kritik ausgenommen werden soll. Ja, so geht das eben, wenn eine Zeitung eben nicht so sehr über Lokalpolitik berichtet, sondern selbst Lokalpolitik betreibt. Daß sie dazu keine demokratische Legitimation hat, ficht den Herausgeber Bruno Schnell, der sich selbst gerne „Papa Marx“ nennen läßt, seit Jahrzehnten nicht an.

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