Schaumschläger

von André Freud:

 

 

Was war? Die Sprecherin des seinerzeitigen bayerischen Umweltministers Markus Söder rief im März 2011 beim Bayerischen Rundfunk an, nachdem sie in der Nachrichtensendung „Rundschau“ um 1645 einen Beitrag sah, in dem ein Beitrag über Markus Söder lief, der in Magazin-artiger, reichlich einseitiger Weise gemacht war. In der gleichen Nachrichtensendung zwei Stunden später lief dann ein anderer Beitrag, in dem die Kritik an Markus Söder ebenfalls vorgetragen wurde – diesmal aber nicht durch die Zusammenstellung des Beitrags, durch Kunstgriffe im Schnitt und die Präsentation, sondern durch diejenigen, die dafür vom bayerischen Volk gewählt und bestimmt wurden: die Landtagsabgeordneten der Oppositionsparteien.

Der erste Beitrag war einem seriösen Nachrichtenformat wie der „Rundschau“ nicht angemessen. In einem politischen Magazin hätte er gebracht werden können. Da griff dessen Sprecherin Ulrike Strauß zum Telefon und rief beim BR an – nach der Ausstrahlung des polemischen Beitrags. Dazu hatte sie keinen Auftrag erhalten; wer Markus Söder kennt, weiß, daß er damit lebt, kritisiert zu werden – und daß er eine gerade Linie damit verfolgt: es ist klüger, solche Dinge hinzunehmen, als sich gegen sie zu stemmen.

Der Bayerische Rundfunk jedenfalls fühlte sich durch den Anruf nicht unter Druck gesetzt; lediglich der Angerufene selbst, den die Sprecherin in seiner Freizeit erreichte, machte ihr klar, daß er an seinem freien Tag mit derlei nicht behelligt zu werden wünsche.

Wo ist die Geschichte? Warum bringt sie SZ sie, versehen mit dem reißerischen Label „exklusiv“?

Hinz und Kunz, Krethi und Plethi schreiben Briefe, schreiben Kommentare im Internet, rufen irgendjemanden an, wenn ihnen etwas mißfällt. Ist jemand zum Schweigen verdammt, nur weil er – oder hier: sie – Sprecherin eines Ministers ist? Die Medien haben gefälligst Kritik an ihrer Arbeit auszuhalten! Sie sind nicht politisch-demokratisch legitimiert. Sie machen ihre Arbeit in Eigenverantwortung; beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommen Regelungen unter dem Primat der Ausgewogenheit hinzu. Da kommt es auch mal zu Fehlgriffen; da, wo Menschen arbeiten, bleibt derlei nicht aus. Soll man das nicht mehr kritisieren dürfen? Natürlich darf man! Es war auch keine Einflußnahme der Sprecherin gegeben. Der Bayerische Rundfunk fühlte sich, nach eigener Auskunft, nicht unter Druck gesetzt – er bestreitet dies sogar ausdrücklich.

Was bleibt also? Nichts. Nichts außer der Erkenntnis, daß manche Medien versuchen, selbst Politik zu betreiben – ohne dazu legitimiert zu sein. Warum berichtet die SZ nicht lieber darüber, wie Journalisten in ganz Deutschland von diversen interessierten Kreisen mal hierzu, mal dazu eingeladen werden, Vorzugsbehandlungen genießen und durchaus keineswegs immer in kritischer Distanz zu denen stehen, über die sie dann wohlwollend berichten?

Das, was die SZ hier macht, ist schiere Schaumschlägerei. Hier wird aus einem Nichts eine Scheinmeldung produziert in der Hoffnung, daß sich nach dem (ebenfalls absurden Bohei um den allerdings in der Tat unvernünftigen Anruf des CSU-Sprechers beim ZDF) beim Bürger ein bestimmter Eindruck festsetzt: der, daß die CSU etwas gegen die freie Meinung hat. Viel absurder geht es nicht. Gerade die Meinungsfreiheit ist ein absolutes Kernelement der Werte, die von der CSU verkörpert werden. Daß man sich mal auch als CSUler über die Medien ärgert und sie dies wissen läßt, ist wohl die normalste Sache der Welt. Strauß jedenfalls tat das, was sie wie jeder andere Mensch in Deutschland darf: sie kritisierte etwas. Verlangt die SZ, daß die Medien in Deutschland nicht mehr kritisiert werden dürfen? Oder will sie vielmehr durchsetzen, daß CSUler die Medien nicht mehr kritisieren dürfen?

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