Die Pillepalle-Partei drischt leerere Phrasen als alle anderen

von André Freud:

Anders wollen sie sein, sagen sie. Und sie glauben, daß ihr Anderssein bessere Ergebnisse bringt. Andere Ergebnisse? Ja, das bestimmt. Aber bessere? Ganz sicher nicht. Nun sind sie in der Krise, die „Piraten“. Nach dem ersten Schwung erleben sie, daß es zur Politik eben mehr Wissen und Denken braucht als so dämliche Sätzchen wie „Ich heiße Julia und lebe im Internet“. Das ist so erbärmlich und zeigt zugleich manchen Grund dafür auf, warum diese „Partei“ die Partei der Ahnungslosen, der Wichtigtuer, der Dummschwätzer ist.

Jeder halbwegs erzogene Mensch weiß, daß man Sätze – geschriebene, insbesondere – nicht mit „ich“ beginnen sollte. Das wissen solche Julias wie Julia Schramm, das frisch zurückgetretene Vorstandsmitglied der „Piraten“, natürlich nicht. Aber damit offenbaren sie natürlich auch das Zentrum ihres „Denkens“, das freilich vielmehr das Zentrum ihres Fühlens ist: „ich, ich ich!“. Und somit ist klar: es handelt sich um den „Partei“ gewordenen Egoismus. Denken wird durch Fühlen ersetzt. Willkommen in der Steinzeit! Wissen wird durch Ahnungslosigkeit ersetzt. Guter Wille soll die Qualität der Arbeit ersetzen.

Und die Werte? Da pfeifen sie drauf, die „Piraten“! Die genannte Julia hat etwas gegen geistiges Eigentum. Schon das Wort „geistiges Eigentum“ sei „ekelhaft“, hat die Julia, das liebe Ding, verkündet. Nein – nicht „hat verkündet“, muß es heißen, sondern „hatte verkündet“. Denn kaum hat sie ein „Buch“ geschrieben („Ich heiße Julia und lebe im Internet…“), da stellten andere den Text ins Internet, zum kostenlosen Herunterladen. Da aber hätte man die liebe Julia mal sehen sollen, wie sie mit den Mitteln, die der Rechtsstaat zum Schutze des ekelhaften geistigen Eigentums gegen dieses kostenlose Herunterladen vorging. Das Sein bestimmt das Bewußtsein, wußte Marx – und Recht hat er. Jedoch stellt dieser Satz von Marx Anforderungen, die von Julia nicht erfüllt werden. Es steht doch wohl eher zu vermuten, daß dieses politische Schwergewicht nicht für fünf Pfennig nachgedacht hat, wie sich die unersättliche Gier, mit der Raubkopierer unterwegs sind und sich auch noch anmaßen, die Guten zu sein, auf die Einkommenssituation derer auswirkt, die von geistiger Arbeit ihr Leben bestreiten. Als es aber nun auf einmal um ihr eigenes Geld ging, das durch Raubkopien bedroht war, da war auf einmal alles ganz anders. So sind die, die Heuchler, die Bigotten, die Selbstgerechten! Es widert einen an.

Und nun kommt der Schlömer daher, Bernd mit Vornamen, Bundesvorsitzender der „Piraten“, und als Beamter im Bundesverteidigungsministerium relativ sicher gestellt. In der Krise greift er zum Wort und gibt ein Interview. Damit es auch alle mitbekommen, gibt er es der BILD AM SONNTAG. Und was weiß er zu sagen?

Auf die Frage nach seiner persönlichen Verantwortung für das aktuelle Débâcle seiner „Partei“: „Es geht nicht um persönliche Schuld und Verantwortung“ – Ach, herzallerliebst. Das Rausgerede eines Hilflosen. Alle anderen sind schuld, Ponader, Schramm (die liebe Julia), aber er – er doch nicht!

Auf die Frage nach den Aussichten dieser „Partei“, die in den Umfragen von 13 auf 4 % abstürzte, wagt dieser Realitätsverweigerer doch tatsächlich die Antwort: „Zurzeit sind wie die einzige ernstzunehmende politische Kraft in diesem Land, von der ein echter politischer Wandel ausgehen kann.“ Ja, ist der Mann denn betrunken? Seine „Partei“ als „ernstzunehmend“ zu bezeichnen, ist nicht nur Wunschdenken – das ist absolute Realitätsverweigerung. Niemand nimmt diese „Partei“ ernst. Dagegen ist ja sogar der intellektuelle Anspruch der MLPD als hoch zu bezeichnen. Oder das Niveau der Teletubbies. Schlömer radikalisiert diesen Unsinn durch Hinzufügung des Wortes „einzige“. Nicht nur ernstzunehmend seien sie, lügt er sich die Realität zurecht, sondern die einzig ernstzunehmenden! Prima. Daß, nur am Rande und nebenbei bemerkt, eigentlich niemand weiß, sie selbst am allerwenigsten, wie dieser politische „Wandel“ aussehen soll, und warum wir überhaupt einen brauchen, versteht sich am Rande. Außer einer Sache, die wissen wir schon: Geistiges Eigentum ist ekelhaft, es sei denn, ein „Pirat“ ist der Eigentümer.

Zu Vorletzt behauptet Schlömer, das Land sehne sich nach ihnen. Herrje, der weiß weder, was Sehnsucht ist, noch hat er eine Ahnung von der Realität. Wenn 4 % diese „Partei“ wählen wollen, dann ist es nicht nur lächerlich und aberwitzig, davon zu salbadern, daß dieses Land sich nach ihnen „sehne“. Es ist derartig lächerlich, daß einem der letzte Rest an gutem Willen verloren geht. Wenn die Partei der bibeltreuen Christen so etwas verlautbarte – wie wäre die öffentliche Reaktion? Das kann sich jeder ausmalen. Und bei den „Piraten“ soll man stillhalten? Hanebüchen!

Zu guter – oder richtiger: schlimmer – Letzt verkündet Schlämer, seine „Partei“ sei bereit für einen „Neustart“. Man muß genau lesen, um sich über zweierlei wirklich klar zu werden: Er spricht keineswegs von der Notwendigkeit eines „Neustarts“ für diese Pillepalle-„Partei“ – dieser zum Fremdschämen aufrufende Kaffeepausenpolitiker hat in der Tat die Chuzpe, von einem „Neustart“ für die Bundesrepublik Deutschland zu sprechen. Der hat’s gut, der ist doof, möchte man ihm hinterherrufen, während er sich mit seiner absurden Kindergartenspielgruppe in der Rumpelkammer der ach so wichtigen Parteineugründungen verzieht. Adieu, Pappnasen!

Das Interview mit BILD AM SONNTAG finden Sie hier.

Bild: Tobias M. Eckrich, Lizenz CC3.0, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bernd_Schl%C3%B6mer_2011.jpg

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Ein Kommentar

  1. monologe sagt:

    Wie das aber aussieht, wenn so eine „Partei“ tatsächlich dazu kommt, Politik zu machen, das zeigt die FDP.

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