Gestern bei Anne Will

von André Freud:

Thema: Integration, Islam, Islamismus. Die Deutsch-Türkin Betül Durmaz sagte:

Wenn man aus bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen ist und nicht partizipieren kann, was bleibt einem dann? Religion und Tradition.

Das scheint auf den ersten Blick richtig zu sein. Aber ach, es scheint nur so. Sieht man genau hin, dann erkennt man den grundsätzlichen, den schwersten, den letztlich alle Probleme begründenden Denkfehler. Allein in diesem kurzen Zitat.

Durmaz sagt, Immigranten / Türken / Moslems seien aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, sie können nicht partizipieren, also teilhaben, teilnehmen. Das ist falsch. Das ist so falsch wie etwas nur falsch sein kann. Bei uns ist niemand ausgeschlossen. Bei uns kann jeder teilnehmen.

Es ist hingegen eine Tatsache, daß viele nicht teilnehmen wollen. Sie wollen nicht in Vereinen mitmachen, sei es der Sportverein, ein politischer Verein (also eine Partei), der sich nicht ausschließlich um die Belange der eigenen Gruppe kümmert, die freiwillige Feuerwehr, das Rote Kreuz, ein Chor – was weiß ich. Man sieht viel zu wenige, die im Café oder in der U-Bahn eine Nürnberger Zeitung lesen, meinetwegen sogar die NN – viel zu viele lesen Hürriyet (Redaktionssitz: Istanbul). Wenn jemand von ihnen geboren wird, heiratet oder stirbt, lesen wir keine Anzeigen in NN oder NZ (es sei denn, vom deutschen Arbeitgeber). Bei den Führungen der Altstadtfreunde sieht man sie beinahe nie. Im Verkehrsmuseum in Nürnberg sieht man Nürnberger und Touristen aus aller Welt – aber so gut wie nie Immigranten. Interessieren sich deren Kinder denn nicht für Dampfloks?

Unsere Gesellschaft hält für Immigranten alle Möglichkeiten bereit. Die werden aber viel zu wenig genutzt. Man mag halt nicht – in viel zu großem Ausmaß. Für viel zu viele ist es viel bequemer, im gewohnten Stiefel weiterzumachen.

In den beiden Worten „ausgeschlossen“ und „kann“ steckt die gesamte Problematik. Immigration erfordert Anstrengungen der Immigranten. Da darf man auch durchaus mal das Wort „gefälligst“ gebrauchen.

 

Bild: Michael von Aichberger, Lizenz CC3.0, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:081110_Anne_Will.jpg

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5 Kommentare

  1. Bekannt sagt:

    Verehrter Parteikollege Freud,

    auch ich habe mir die genannte Sendung angeschaut ( für die interessierten unter uns auch ein youtube-link zur Sendung: http://youtu.be/lctoNGId9hg ).

    Mit Pauschalurteilen über ganze Gruppen bzw. unüberlegte Stigmatisierung kommen wir doch kein bisschen weiter.

    Es gibt für mich keine „Türken“ oder „Immigranten“ genauso wie es für mich auch die „Deutschen“ nicht gibt. Solche Begriffe sind doch oft hochgradig ideologisiert.

    Wir sollten versuchen mehr und mehr miteinander zu sprechen und weniger übereinander. Das führt dann auch sicher zur Konsens, wenn man es ernst meint. Dadurch hat man immer Menschen vor sich und kann auf diese Menschen eingehen und mit ihnen über ihre Probleme, Sorgen und Gedanken sprechen. Dadurch trennt sich dann auch immer Spreu vom Weizen. Und am Ende kristallisieren sich sicher Lösungen – auch wenn klein – heraus, die uns vielleicht ein kleines Stück voranbringen.

    Ich selbst als Migrant bekenne mich sehr wohl zu diesem Land und kann mich in Ihren Beschreibungen nicht wiederfinden. 🙂

    Grüße

  2. Lieber Parteifreund,
    danke für den Kommentar. Es schadet gar nichts, wenn man unterschiedliche Herangehensweisen hat. So gibt es für mich beispielsweise sehr wohl die Deutschen. Und die Türken, Amerikaner, Russen, Italiener, Australier, Österreicher… Zunächst ist das einmal eine Sache des Passes. Es ist nämlich sehr wohl ein rechtlicher Status. Den sollte man mE nicht ganz vergessen – er ist bedeutsam. Zum zweiten ist es etwas kulturelles. Ohne jetzt von der Leitkultur zu reden – ein Begriff, den ich sehr wohl positiv konnotiere -, so ist doch beispielsweise eine typische Eigenschaft eines Deutschen, daß er deutsch spricht. Seine Herkunft hingegen ist, spätestens ab der zweiten Generation, übrigens derart häufig außerhalb der (heutigen) Grenzen Deutschlands, daß man das keineswegs als eine Kernmerkmal der Deutschen heranziehen sollte.
    Es ist in Ordnung, diese Begriffe als „ideologisiert“ zu bezeichnen, auch wenn ich dieses Wort nicht wählen würde. Nur: was ist denn schlecht daran? Was ist schlecht an einer Ideologie? Jede Partei (beinahe jede…) vertritt eine Ideologie, also eine Weltanschauung. Ideologie ist geradezu die Grundvoraussetzung jeder Politik: aus Werten ergibt sich eine Weltanschauung.
    Ohne eine solche Weltanschauung wäre man in einem Status des „anything goes“, orientierungslos, ziellos, wertelos. Und es ist eben, wie jede Statistik über beinahe jeden relevanten Aspekt zeigt, eben für die Gesellschaft keineswegs irrelevant, welche Gruppe der Gesellschaft was an Vorteilen, was an Problemen bringt. Das läßt sich nach Gruppen feststellen: Manche Gruppen bringen der deutschen Gesellschaft wenige, andere Gruppen bringen mehr Probleme. Das ist zunächst einmal nur eine Tatsachenfeststellung. Und dann muß man überlegen, wie diese Probleme gut gelöst werden können – hier fängt das Politische an.
    Und hier kommt der Satz ins Spiel, mit dem als Zitat dieser Blogbeitrag beginnt. Diesen Satz finde ich so falsch, wie etwas nur falsch sein kann. Ich habe auch noch keinen Ami, Vietnamesen, Russen getroffen, der diesem Satz zustimmen würde. Es ist aber genau dieser Satz, der auf ein, wenn nicht sogar das Grundproblem der Integration in unserer Gesellschaft hinweist. Ich plädiere stets dafür, die Dinge beim Namen zu nennen.
    Verallgemeinerungen liegen mir fern. Es ist zweifelsohne richtig, daß es zahlreiche Beispiele für gelungene Integration gibt. Aber wenn man über Verkehrssicherheit diskutiert, dann freut man sich auch nicht über die Autos, die eine Kreuzung unfallfrei passieren – man spricht über jene, die nicht unfallfrei durchkommen. Und entsprechend gilt es beim Thema Integration, unter Anerkennung der Tatsache der vielen gelungenen Beispiele, über die nicht gelungenen Fälle zu sprechen. Damit es in Zukunft besser wird.

  3. Bekannt sagt:

    lieber Freund,

    ich sehe dass die Welt globaler geworden ist. Ich beobachte meine Umgebung, meine Bekannte und Freunde, Arbeit und Familie.

    Die deutsche Gesellschaft – und ich denke das trifft auf die industrialisierte Welt insgesamt zu – ist aufgrund der Einwanderungswelle nach dem zweiten Weltkrieg sehr komplex geworden. Nationen, wie sie vor dem zweiten Weltkrieg und kurze Zeit danach vielleicht Gültigkeit hatten, haben ihren Ursprünglichen Substanz und Bedeutung verloren.

    Das ist auch kein ausschließlich deutsches Phänomen. Das ist eine völlig normale Entwicklung, wenn Wohlstand und Rechtsicherheit in einer Gesellschaft die Einwanderungswelle nach sich zieht. Man muss ja auch sich darüber freuen, dass es die anderen sind, die zu uns wollen und nicht umgekehrt und es möge doch bitte schön auch immer so bleiben und dass man hoffentlich nie sein eigenes Land aus Not verlassen muss.

    Doch bin ich selbstverständlich bei Ihnen und denke, dass große Herausforderungen auf uns zukommen, die klug zu bewältigen sind, um den Substanz und Wertigkeit dieser Gesellschaftsordnung, die wir wohl alle schätzen und mögen, nicht zu gefährden.

    Oft ist es so, dass radikale Minderheiten ihre Kräfte und Ressourcen so stark und konzentriert für die Umsetzung ihrer Ziele einsetzen, dass am Ende eine ganze Gesellschaft davon gelähmt nichts anderes machen kann als zuzuschauen. Das trifft auf Islamisten für mich genauso zu, wie Nazis.

    Integration und die Problemlösungen in dieser Richtung bringen eine große Verantwortung mit sich und müssen an dieser Stelle zwar basierend auf einen gemeinsamen Grundkodex (Grundgesetz?) aber dennoch möglichst frei von Ideologie geführt werden. Das bedeutet für mich nicht, dass es schlecht ist eine Ideologie zu haben, doch bei einem solchen Thema, wo es darum geht einen gesamtgesellschaftlichen Konsens zu finden, muss die Ideologie fern bleiben und das geht nur mit offener Dialog.

    Genauso wie sich die deutschen Migranten in dieser multikulturellen Gesellschaft aktiv einbringen und integrieren müssen, müssen sich auch die deutschen Nicht-Migranten in dieser multikulturellen Gesellschaft hinein finden und integrieren. Das was uns verbindet, ist die unumgänglich gemeinsame Zukunft in diesem Land und das muss als Grund reichen und diese Zukunft muss eine schöne sein.

    Und jetzt bin ich müde und gehe schlafen. 🙂

  4. Im Versuch, es kurz zu machen: Ja, die Welt ist bunter geworden. Menschen sind mobiler denn je. Um so wichtiger aber ist doch zugleich der Erhalt von Kultur. Auf Kultur basiert alles: zivile Gesetze, Traditionen, Architektur, Strafgesetze, Sportarten, Küche, Mode, Denkschulen. Manches davon kann man austauschen, anderes nicht. Bei der Küche beispielsweise kann man manches tauschen. Bei den Strafgesetzen kann man gar nichts tauschen. Manches ist in dem Sinne beliebig, daß man es dem Geschmack des einzelnen überlassen kann (sogar: muß), wie er es hält: mit dem Essen, mit der bevorzugten Sportart. Bei anderen Themen darf man das mE nicht einmal erwägen: bei den Zivil- und Strafgesetzen, denn die müssen für alle gleich gelten. Deswegen ist nicht nur für uns die Scharia absolut inakzeptabel (nicht nur einzelne Aspekte von ihr, sondern die Scharia insgesamt) – deswegen ist es eine schwere und hoch gefährliche Bedrohung für unsere Gesellschaft, wenn Menschen, die in Deutschland leben, bei rechtlichen Problemen nicht mehr zur deutschen Justiz, sondern in ein Hinterzimmer zum Scharia-Richter gehen.
    Über die Verwendung des Begriffs „Multikulti“ bin ich erstaunt. Es behauptet eigentlich auch auf Seiten der linken Parteien eigentlich niemand ernstzunehmendes mehr, daß Multikulti ein Erfolgsmodell sei. Multikulti ist gescheitert, denn es zersplittert die Gesellschaft in Parallelgesellschaften. Wenn nicht unerhebliche Anteile von Immigrantengruppen vom deutschen Staat und der deutschen Kultur nichts anderes anzunehmen gedenken als die soziale Absicherung, dann ist etwas gehörig schiefgegangen – und das muß korrigiert werden. Daß wir dieses Problem auch bei Deutschen ohne Migrationshintergrund haben, ist zwar richtig – kann aber natürlich nicht bedeuten, daß wir das dann achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Es kann nur bedeuten, daß wir uns dieses Problems um so dringender annehmen müssen.
    In einem weiteren Punkt vertrete ich offensichtlich eine ganz andere Sichtweise. Für mich ist Integration etwas, was die Immigranten erbringen müssen. Die Forderung an die – um bei uns im Lande zu bleiben – Deutschen muß lauten, den Immigranten dafür gute Möglichkeiten zu geben. Man befördert die Immigration nicht, indem – um bei einer der größten Einwanderergruppe zu bleiben – Deutsche Türkisch lernen, sondern nur dadurch, daß Türken Deutsch lernen. Die Aufgabe für die deutsche Gesellschaft lautet, den noch nicht Deutsch sprechenden Türken gute Gelegenheiten anzubieten, die Sprache zu erlernen. Und so setzt sich das in vielen Bereichen fort. Die Kritik an einigen Einwanderergruppen lautet, daß sie das nicht in ausreichendem Maße tun. Mir ist auch klar, daß ein älterer Mensch nicht mehr leicht eine vollständig neue Sprache erlernen kann, besonders, wenn er altersbedingt nicht mehr im Erwerbsleben steht. Mir ist aber ganz und gar nicht klar, wieso es nicht nur in Einzelfällen bei uns Menschen gibt, die in der zweiten oder sogar dritten Generation Menschen gibt, die immer noch nicht in ausreichendem Maß deutsch sprechen, lesen und schreiben können. Ich halte das für absolut inakzeptabel. Deswegen finde ich beispielsweise Einrichtungen gut, in denen Kinder mit Migrationshintergrund nachmittags zusammen die Hausaufgaben machen, und die erste Hausregel lautet, daß ausschließlich deutsch miteinander gesprochen wird.
    Wer in dieses Land kommt und es dabei nur auf die besseren Möglichkeiten der eigenen Existenz abgesehen hat – ich meine nicht nur Hartz IV, sondern auch die ausgebildeten, erfolgreichen Immigranten -, der ist zu kurz gesprungen. Wer nach Deutschland kommt, um Deutscher zu werden, der sollte den Wertekanon dieses Landes, wie er sich im Grundgesetz manifestiert, für sich annehmen. Ein Staat ist mehr als nur eine Art wirtschaftlicher Genossenschaft mit angeschlossener Verwaltungsdienstleistungsstelle.
    Für mich stellt sich meine Alltagsbeobachtung so dar, daß es mehr innerliche Zustimmung zu diesem Staat, seinen Werten, seiner Kultur bräuchte. Womöglich nicht nur bei den Einwanderern, womöglich nicht bei allen Einwanderern, aber dieses Defizit ist bei Einwanderern größer als bei „Bio-Deutschen“, und es ist bei manchen Einwanderergruppen größer als bei anderen. Das ist der Punkt, an dem gerade diese Einwanderergruppen selbst gefordert sind. Viele machen eine gute Arbeit – wie der gestrige Besuch des MdB Michael Frieser bei Özer Tea-Kwon-Do zeigte, aber es liegt eben auch noch vieles im Argen.
    Wir haben hier offensichtlich verschiedene Sichtweisen. Das tut nicht weh; es gehört dazu, daß man sich immer wieder austauscht, die eigene Position überprüft, und mit Argumenten versucht, die Schwächen in der anderen Position aufzuzeigen.

  5. Bekannt sagt:

    So fern sind wir voneinander nicht, wenn es darum geht Probleme aufzuzeigen.

    Dennoch: Kultur ist nichts statisches. und das war sie in der Menschheitsgeschichte auch nie!

    Und zudem finde ich, dass die Sprache hier an dieser Stelle viel zu stark überbewertet wird, da die hier geborenen bzw. aufgewachsenen Einwanderer-Kinder sowieso schon deutsch können. Ich glaube also nicht, dass die fehlenden Sprachkenntnisse bei einigen Leuten, der Grund für die vorhandenen Probleme sind.

    Und nur weil das angesprochen wurde: Ich glaube auch nicht dass ein sog. Sharia-Gesetz jemals hier eine bereite Zustimmung zwischen den Muslimen finden würde. An den Stellen, wo es solche idiotischen Ansätze gibt, muss das Gesetz hart durchgreifen, damit auch jeder weiß, was hier gilt und was nicht.

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