Die Tüte

von André Freud:

Heute nennt man so etwas Megaphon, es ist oft mit Mikrophon und Verstärker ausgestattet und bei Saturn für 20 € zu haben. Früher hieß so etwas „Sprechtüte“ oder eben schlicht „Tüte“. Das ist ein sehr schönes Wort der deutschen Sprache, dessen Herkunft laut etymologischem Duden letztlich im Dunkeln liegt.

Wer die NN liest, wird, so die These, immer wieder indoktriniert und auf den Kurs der SPD gebracht. Oder auf den Kurs des Herausgebers Bruno Schnell, der sich selbst gerne „Papa Marx“ nennen läßt, wie er selbst der Süddeutschen Zeitung erzählt hat. Was meistens das gleiche ist.

Jüngstes Beispiel: die NN von heute. Auf Seite 10 findet sich die gelegentliche Rubrik „Zur Person“. Da stehen zwei kurze Beiträge. Einer berichtet über die Verleihung des bayerischen Verdienstordens an Prof. Dieter Raithel. Der zweite „berichtet“ über eine politische Äußerung des SPD-Fraktionsvorsitzenden Christian Vogel. Warum? Was hat das mit „Zur Person“ zu tun? Hier geht’s ja nicht darum, daß Vogel Geburtstag hatte – der ist am 22.11.1969 – auf den Tag genau sechs Jahre nach dem Tod JFKs in Dallas, 109 Jahre nach der Wahl Abraham Lincolns zum Präsidenten der USA, neun Jahre vor der ersten Wahl von Franz-Josef Strauß zum bayerischen Ministerpräsidenten, fünfzehn Jahre vor dem überwältigenden zweiten Wahlsieg des US-Präsidenten Ronald Reagan. Vogel teilt sich seinen Geburtstag mit der römischen Kaiserin Julia Aggripina (15 n.Chr.), mit Friedrich I. von Württemberg (1754), mit Robert Musil (1880), mit Erik Ode (1910), Julius Hackethal (1921). Das wären beispielsweise Meldungen für die Rubrik „Zur Person“. Oder Vogels Begeisterung für das Amt des Fußballschiedsrichters. Oder ob er am Veggie-Thursday nicht doch lieber auch in städtischen Kantinen Fleisch essen möchte. Da wäre so vieles an Themen möglich! Die Rubrik „Zur Person“ ist einerseits sehr breit, erlaubt sehr viele Themen – aber doch eben nur „Persönliches“.

Was kümmert das die NN? Wenn es gilt, eine Verlautbarung des Genossen Herrn Vogel der Öffentlichkeit bekanntzumachen, dann ist den NN doch die Rubrik egal, in der das steht! Man entblödet sich heute nicht, in der Rubrik „Zur Person“ die politische Ansicht des Christian Vogel zum kommunalen Ordnungsdienst wiederzugeben. Man unterzieht sich nicht einmal der Mühe, wenigstens ein halbwegs schlüssiges Alibi für die enorme Ausdehnung des Themenfelds „Zur Person“ zu finden. Ich plädiere dafür, daß die NN künftig eine Rubrik einführt „Herausgeber und Redaktion der NN wünschen ihren Lesern folgendes zur Kenntnis und gefälligen Beachtung zu bringen: Die Nürnberger SPD erklärt, daß…“ – das wäre ja wenigstens in sich schlüssig. Aber obendrüber „Zur Person“ zu schreiben und dann einfach eine Verlautbarung Vogels abzudrucken, ist dann doch etwas dreist. Da macht eben die NN wieder mal die Tüte für die SPD.

Übrigens, Ihr NN-Redakteure, hier ein Tip zur endgültigen Persiflierung Eures Produkts zum SPD-Agitprop-Blättchen: Christian Vogel war sehr gerne Fußball-Schiedsrichter. Das öffnet doch Tür und Tor, um seine politischen Verlautbarungen auch im Sportteil zu veröffentlichen. Das habt Ihr wohl noch nicht bedacht…

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