Ahnende und Ahnungslose – und die NN als Erfüllungsgehilfe

von André Freud:

Dienstag, Fabersaal im Bildungszentrum: Diskussion über die Wiederherstellung der Dürerschen Ausmalung im Rathaussaal. Heute berichten NN und NZ. Es haben aber offensichtlich zwei Veranstaltungen stattgefunden, denn die Berichte sind so unterschiedlich – das kann gar nicht die gleiche Veranstaltung gewesen sein.

Die NN zeigt sich einmal mehr als offiziöses Verlautbarungsorgan der SPD. Das ist Kampfpresse, und das hat mit Journalismus so viel zu tun wie Käsekuchen. Findet sich da ein Wort über den peinlichen Auftritt der Frau Prölß-Kammerer? Nein, denn in den NN darf jemand mit dem Nachnamen Prölß nicht kritisiert werden, sonst kommt der Herausgeber her und macht klar, wo der Hammer hängt. Zur Erinnerung: Prölß-Kammerer behauptete, die SPD-Fraktion sei gegen die Wiederherstellung der Dürer-Ausmalung. Der Vorsitzende aber der SPD-Fraktion, Christian Vogel, ist, Machbarkeitsstudie vorausgesetzt, dafür. Ja, wie denn nun? Wer spricht hier für die SPD-Fraktion – der Vorsitzende oder die Stellvertreterin? Die Wahrheit dürfte sein: keiner. Jeder spricht für sich. Es handelt sich nämlich bei diesem Thema um eines, das nicht so ohne weiteres nach Parteizugehörigkeit behandelt werden kann.

In den NN wird auch nicht berichtet, daß Prölß-Kammerer Schwierigkeiten damit hat, daß zur Wiederherstellung Photos verwendet werden sollen, die 1943 angefertigt wurde. O sancta simplicitas! Es handelt sich hierbei doch nicht um NS-Propaganda; die Bilder sind keine Nazi-Bilder. Es sind dokumentarische Aufnahmen, es sind rein sachliche Bilder, ohne jede politische Implikation. Ein Photo, das ein Renaissance-Kunstwerk zeigt, ist wertneutral. Gerade mir, das nehme ich mir dann doch heraus, muß gewiß niemand solche Vorträge halten, wie Prölß-Kammerer dies tat. Übrigens, und nur nebenbei bemerkt, hat sich die gleiche Frau Prölß-Kammerer nicht zu Wort gemeldet, als die von Streicher veranlaßte und von Hitler verfügte Wegverlegung des Neptun-Brunnens vom Hauptmarkt korrigiert werden sollte – da war von ihr nichts dergleichen zu hören. Heuchelei ist das, widerlich anmutende Heuchelei.

So sind sie halt: sie prüfen nicht den Sachverhalt, um zu einem Ergebnis zu kommen – nein, sie kennen ihr Ergebnis und bauen sich den Sachverhalt solange zurecht, bis er zum Ergebnis paßt. Und die NN leisten dazu natürlich Schützenhilfe. Das ist für eine Zeitung eine Bankrotterklärung.

Ein Bonmot am Rande: Prölß-Kammerer schlug vor, daß man den Saal lassen solle, wie er sei, weil man doch die einstige Pracht „erahnen“ können. Hat P-K mit der gleichen Gescheitheit den Wiederaufbau der Kaiserburg, der Frauenkirche, der Lorenzkirche, der Sebalduskirche kritisiert? Man kann doch die einstige Pracht „erahnen“… Und so jemand nennt sich Kunsthistorikerin? Oha!

Die NN berichten nicht, sie manipulieren. Nichts wird berichtet von den unterschiedlichen Meinungen innerhalb der SPD – obwohl den NN das Interview mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Vogel bekannt ist, in dem er sich positiv für die Dürer-Ausmalung ausgesprochen hat. Daß die Grünen die Rekonstruktion ablehnen, ist ebenfalls so nicht wahr. Elke Leo war in ihrer Schlußstellungnahme weitaus nachdenklicher als vor der Diskussion, und sie sagte zu, die Sache innerhalb der Grünen-Fraktion weiterhin zu diskutieren. Es ist vieles, was in dem NN-Artikel steht, nicht wahr.

Somit erweisen sich die NN wieder einmal als Erfüllungsgehilfen einer Politik, bei der man nur einen dicken Hals bekommen kann.

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