Die NN bietet Stamokap-Kämpfern eine Bühne

von André Freud:

Stamokap – da war doch etwas? Ein marxistischer Kampfbegriff, der vor allem in den 1970er Jahren umhergeisterte. In diesem Kürzel „Stamokap“ (für „staatsmonopolistischer Kapitalismus“) steckt die Wahnidee, der „imperialistische Staat“ – also wir bösen Kerle – würde mit der zunehmend monopolistisch werdenden Wirtschaft verschmelzen zu einem einzigen Konglomerat der selbstsüchtigen, andere unterdrückenden und vernichtenden Herrschaftsausübung.

Jemand, der solche Thesen vertrat und bis heute vertritt, ist Christoph Butterwegge. Der Politikwissenschaftler, der sich gerne als „Armutsforscher“ bezeichnet, war zweimal Mitglied der SPD. 1975 wurde er wegen marxistischer Artikel aus der SPD ausgeschlossen („parteischädigendes Verhalten“) und engagierte sich anschließend für die DKP. Diese Partei, die junge Menschen kaum noch kennen dürften, hieß ausgeschrieben „Deutsche Kommunistische Partei“ und wurde von Moskau und Ost-Berlin finanziert und unterstützt, also von Erich Honecker und Leonid Breschnew. Butterwegge war also ganz links außen angekommen – dort, wo „links sein“ und der Wille zur menschenverachtenden Diktatur ein gemeinsames, schreckliches Bündnis eingehen. Mit Beginn der Kanzlerschaft Helmut Kohls am 01.10.1982 versuchte Butterwegge, der darin so eine Art Untergang des Sozialstaats sah, wieder in die SPD einzutreten. 1987 wurde er dann nach Fürsprache durch den späteren Bundeskanzler Gerhard Schröder wieder aufgenommen. Am Tage der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags der großen Koalition (2005 bis 2009) trat Butterwegge wieder aus der SPD aus und verkündete, daß von nun an die Hoffnung der Sozialdemokraten bei der SEDPDSLinkspartei läge. Butterwegges Ehefrau Carolin saß von 2010 bis 2012 für die SEDPDSLinkspartei im nordrheinwestfälischen Landtag.

Die NN von heute bieten Butterwegge eine Bühne für seine kruden Theorien. Auf Seite 4, mit Bild, etwa eine drittel Seite. Der naive Leser, der da denkte, die NN würde ihm vielleicht einen Hinweis geben, um wen es sich bei Butterwegge handelt, sieht sich getäuscht. Der ein- und ausführende Kurztext enthält keine – in Worten : keine – der hier in diesem kurzen Beitrag zusammengestellten Informationen.

Armin Jelenik, der für dieses Interview mit dem Alt-Marxisten Butterwegge verantwortlich zeichnet, sollte sich Fragen gefallen lassen. Wie kann es beispielsweise sein, einem Alt-Marxisten eine Bühne zu geben, ohne mit auch nur einem einzigen Wort darauf hinzuweisen, wer das ist, der sich da äußert? Ferner: die NN nutzt gerne einmal solche Interviews, um in einem nebenstehenden Kommentar die Äußerungen des Interviewpartners anzugreifen. Bei Butterwegge aber – da schweigt des Redakteurs mahnende Stimme. Da wird nur geworben: wann und wo Butterwegge einen Vortrag hält, wie sein neuestes Buch heißt und wo es erschienen ist. Vom politischen Irrlauf Butterwegges erfahren wir genau gar nichts.

Natürlich: der aufgeklärte Leser merkt es auch so. Aber es gibt eben auch Leser, die erst beginnen, sich mit Politik zu befassen, die mit anderen Politikfeldern besser vertraut sind, usw. Es gehört sich einfach, den Leser wissen zu lassen, wer da seinen Weisheiten raushaut.

Ein Gutes aber hat’s: Butterwegge kritisiert aus seiner radikallinken Sicht, daß die SPD Peer Steinbrück zum Kanzlerkandidaten machte. Steinbrück sei, so Butterwegge, „kein Hoffnungsträger im Hinblick auf soziale Verteilungsgerechtigkeit“. Will sagen: die linken Radikalinskis, Marxisten, Leninisten, Stalinisten, Kommunisten, Bolschewiki, Menschewiki, Trotzkisten und wie diese Totalversager alle heißen, werden Steinbrück nicht wählen. Insofern können wir Schwarzen dankbar sein, daß die alte Tante SPD sich für einen Kandidaten entschied, der weder Wähler rechts von der SPD einfangen wird noch die linken SPDler und die links davon zur Wahlurne zu gehen motivieren wird. Peer wird’s nicht werden, und die NN bleibt eine Zeitung unter Niveau. Alles wie gehabt.

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