Wahn und Wirklichkeit

von André Freud:

Derzeit plagt mich eine Vorstellung. Eine Vorstellung dergestalt, daß wir in Nürnberg eine Zeitung hätten, bei der auf jeden Beitrag folgende Maßgaben zuträfen:

  1. Meldung und Meinung sind strikt voneinander getrennt. Sie kommen niemals innerhalb eines Beitrags gemeinsam vor. Ein Beitrag ist entweder Meldung oder Meinung. Ein Meinungsbeitrag wird in einer anderen Schrift gedruckt als Meldungen.
  2. Bei der Auswahl der Themen, über die berichtet wird, wird größtmögliche Objektivität geübt.
  3. Die Zeitung kann, darf und soll sogar eine politische Meinung vertreten. Die allgemeine Linie dieser Meinung bewegt sich zweifelsfrei innerhalb des Rahmens des Grundgesetzes und der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Der guten Ordnung halber wird an geeigneter Stelle auf diese allgemeine Linie offen hingewiesen, etwa: „Die Redaktion dieser Zeitung fühlt sich den Werten der Sozialdemokratie verpflichtet“ oder „Die Redaktion dieser Zeitung vertritt im Allgemeinen bürgerliche Werte“.
  4. Gerade wenn die Zeitung eine allgemeine ideologische Ausrichtung hat, ist grundsätzlich und bei jedem Beitrag – ob Meinung oder Meldung – der Grundsatz „audiatur et altera pars“ zu beachten: Auch die andere Seite möge gehört werden.
  5. Die Zeitung berichtet über Politik. Sie betreibt nicht selbst Politik. Ihre Journalisten machen sich, nach Hanns-Joachim Friedrich, mit keiner Sache gemein – auch nicht mit einer guten.
  6. Alle Mitarbeiter sind gehalten, zu den politischen und anderen Entscheidungsträgern der Stadt Distanz zu halten und für sie weder gewünschte Tendenzen zu verbreiten noch Handlangerdienste zur Beeinflussung der Bevölkerung zu unternehmen noch unerwünschte Tendenzen zu unterdrücken noch sich einladen und begünstigen zu lassen.
  7. Der Verleger hat den Redakteuren gefälligst keine inhaltlichen Vorgaben zu machen.
  8. In der Zeitung selbst wird redlicher Journalismus geübt. Fehler werden eingestanden, für Selbstkritik ist Raum.

Aber eine solche Vorstellung ist nur ein Wahn. Ein Wahn nämlich ist eine inhaltliche Denkstörung. Es ist nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen, daß ich noch erlebe, daß bei den Nürnberger Nachrichten von „Papa Marx“ (Bruno Schnell) auch nur annähernd solche Grundsätze der Redlichkeit Geltung erlangen.

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