Wie man Entscheidungen trifft

von André Freud:

Es gibt stets zwei grundsätzlich voneinander verschiedene Methoden, um eine Entscheidung herbeizuführen. Für simple Fragen ohne besondere, weitere Auswirkungen – Entscheidungen, die wir alle an jedem Tag zigmal treffen – genügt eine simple Vorgehensweise:

 

Man bewegt sich in einer schmalen Straße. Die Möglichkeiten sind begrenzt. Ein Beispiel: Man sitzt morgens in einem Café und will zum Milchcafé etwas essen. In diesem Café gibt es nur ein Angebot: Bamberger Hörnchen. Dann ist die Entscheidung schnell getroffen: Habe ich Lust auf ein Bamberger? Wenn die Antwort „Ja“ oder „Nein“ lautet, bin ich schon am Ziel und habe meine Entscheidung getroffen.

Denkt man aber einmal richtig und gründlich nach, dann stellt man schnell fest: solche Entscheidungen stehen sogar bei einer so lapidaren Frage auf wackligen Füßen. Richtig überlegend, müssen folgende Fragen berücksichtigt werden:

  1. Habe ich wirklich Appetit? (Das Wort „Hunger“ nehme ich hier lieber nicht in den Mund, denn Hunger dürften die meisten von uns gar nicht wirklich kennen)
  2. Ist ein Bamberger Hörnchen das, was ich will oder neige ich nur dazu, weil nichts anderes angeboten wird?
  3. Ist ein Bamberger Hörnchen aus ernährungsphysiologischen Gründen ein gutes oder vielleicht ein nicht so gutes Lebensmittel?
  4. Bin ich in absehbarer Zeit vielleicht zu einer Besprechung verabredet, bei der gewiß wieder etwas Eßbares gereicht wird?
  5. Entspricht ein Bamberger Hörnchen wirklich meinem Diätplan?

Das ließe sich noch einigermaßen lange fortsetzen. Man sieht, daß selbst Entscheidungen, die auf den ersten Blick völlig banal zu sein scheinen, durchaus eine gewisse Komplexität zu erlangen geeignet sind, wenn man sie nur gründlich genug abwägt. Nun muß man nicht wirklich jede Kleinigkeit einem entsprechend komplizierten Prozeß unterwerfen. Das könnte übrigens zur Folge haben, daß dann, wenn man endlich eine rundum abgewogene Entscheidung getroffen hat, die Bamberger ausverkauft sind und man sich mit ungestilltem Appetit seines Weges trollt.

Erkennbar aber ist: Der oben symbolisierte, simple Entscheidungsprozeß taugt eben wirklich nur für ganz simple Entscheidungen, die ohne weitere Auswirkungen sind. Auch und vor allem aber sind solcherweise getroffene Entscheidungen oft schlechte Entscheidungen, weil zu wenig berücksichtigt wird.

Will man eine solide Entscheidung treffen, die man im Nachhinein vermutlich nicht zu bereuen haben wird, ist eine ganz andere Herangehensweise erforderlich:

 

Zunächst einmal ist die Fragestellung möglichst exakt zu definieren. Sodann sind alle davon berührten Aspekte zu ermitteln. Im Falle des Bambergers sind dies also u.a. die Aspekte:

  1. Bedürfnis vorhanden?
  2. Freiwillige Entscheidung oder tendenziell unfreiwillig aufgrund eng vorgegebener Wahlmöglichkeiten?
  3. Grundsätzliche Einordnung der zu lösenden Aufgabenstellung anhand von übergeordneten Werten:
    • Allgemeine Lebensziele
    • Abwägung gut – schlecht / richtig – falsch
    • Auswirkungen dieser einen Entscheidung auf konkrete und abstrakte Grundpositionen

Das mag nun alles sehr abstrakt klingen, aber dieser Eindruck täuscht. Wenn der Entscheidende nämlich beispielsweise gerade versucht, sein Gewicht zu reduzieren, dann würde das in der simplen Prozeßvariante entweder die einzige Prämisse der Entscheidung sein – oder gar nicht berücksichtigt werden. Nun kann aber ein Bamberger auch ein bei einer Diät vertretbares Lebensmittel sein, wenn man im Gegenzug das Mittagessen ausfallen läßt. Hier sind Aspekte wie „allgemeine Richtlinien des eigenen Handelns“ zu berücksichtigen; auch geht es um die Grundsatzentscheidung, ob man in einer konkreten Frage das Es oder das Über-Ich entscheiden lassen will, also den triebhaften Impuls oder die moralische Instanz. Durch den Rückgriff auf die psychoanalytischen Termini „Über-Ich“ und „Es“ ist wohl bereits angedeutet, welcher Art gute Entscheidungen zumeist sind: sie sind vom „Ich“ gesteuert.

Ziele sind oft „triebhaft“, also emotional begründet. Sie entsprechen einem Impuls: „ich will ein Bamberger“. Sie entstammen dem Es, also der Instanz in uns, die immer nur fordert, immer nur will, immer gierig ist. Unser Über-Ich kommt mit Bedenken: „Du brauchst kein Bamberger. Bist schwer genug. Ernährungsphysiologisch ist es nicht so toll. Laß das Bamberger lieber sein und mach einen halbstündigen, zügigen Spaziergang“. Deswegen ist das Über-Ich oft nicht sehr beliebt, es ist genußfeindlich und altklug, immer nur schrecklich gut und moralinsauer.

Und nun kommt das Ich ins Spiel. Hier erst fängt das Abwägen an. Das Ich ist klug genug, um zu wissen: das Impulshafte, das Triebhafte kann und soll nicht unterdrückt werden. Es weiß auch, daß die Antwort vom Über-Ich meistens die bessere Antwort ist, aber daß dann das Leben nicht mehr sehr schön wäre. Also sucht das Ich nach einem Weg, den Impuls des Es mit den Bedenken des Über-Ich in Einklang zu bringen. Etwa so: „Jetzt wird das Bamberger bestellt, und danach wird der Spaziergang gemacht. Und morgen gibt es kein Bamberger, sondern einen Apfel zum Frühstück.“

Wichtig aber ist, zu erkennen, daß Entscheidungen komplexe Prozesse sind – auch scheinbar simple Entscheidungen – und daß man sie nur dann gut treffen kann, wenn man sowohl den konkreten Impuls als auch allgemeine Erkenntnisse und Werte in den Prozeß mit einfließen läßt. Das ist die erste Voraussetzung. Die zweite ist die, daß man den Prozeß redlich führt. Wenn man versucht, die möglichen negativen Konsequenzen einer Es-Entscheidung zu ignorieren, wird man am Ende des Tages zu keiner guten Entscheidung kommen. Versucht man, nur die absolut vorbildlichste Entscheidung zu treffen, dann verkennt man, daß der Mensch eben nicht immer vorbildlich ist und nicht immer vorbildlich sein kann.

Auch und gerade in der Politik spielt der ewige Kampf zwischen Es und Über-Ich eine ganz enorme Rolle. Die einen wollen immer alles kostenlos haben: geistige Inhalte aus dem Internet, bedingungsloses Grundeinkommen, Rente am liebsten ab 58 und in Höhe des letzten Nettogehalts. Die anderen wollen nur das Moralischste überhaupt zulassen – oder das, was sie für moralisch halten: Vegetarismus für alle, Wanderurlaub statt ach so umweltschädlicher Flugreisen, Benzinpreis > 5 € / ltr., Benachteiligung der begabten und fleißigen Schüler, damit sich die unbegabten und faulen nicht schlecht fühlen müssen, und so weiter. In ihren programmatischen Forderungen argumentieren diese Leute oft nicht redlich, sondern biegen sich alles mögliche so lange zurecht, bis sie ihre Scheinargumente beieinander haben, um endlich zum von vornherein feststehenden Ergebnis zu kommen. Das aber hat mit einer soliden Entscheidung so viel zu tun wie beim Raucher der Griff zur nächsten Zigarette: gar nichts.

Was das alles mit Politik zu tun hat? Enorm viel.

Ich kenne nur eine Partei in Bayern, die im politischen Raum eine signifikant vom Ich gesteuerte Politik betreibt: die CSU. Wir vertreten kein moralinsaure Weltsicht, aber geben auch nicht jedem Impuls der Bequemlichkeit oder des scheinbaren Gutmenschentums nach. Daraus ergibt sich auch der Führungsanspruch, den unsere Partei geltend macht. Und der Erfolg gibt uns Recht.

 

Graphiken: Freud

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