Setzen, sechs

von André Freud:

Manche verstehen nicht. Manche verstehen nicht, weil sie nicht verstehen wollen – andere, weil sie nicht verstehen können. Für den einzelnen, um den es geht, mag die Unterscheidung wichtig sein. Für die Gesamtheit ist diese Unterscheidung unerheblich.

Was ist passiert? Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich brachte eine Kampagne ins Leben: „Vermißt“. Darin werden die Menschen aufgerufen, hinzusehen, wenn sich ein Moslem zum Islamisten verändert. In vier verschiedenen Plakaten werden zweimal ein junger Mann, zweimal eine junge Frau gezeigt. Drei haben muslimische Vornamen, einer einen deutschen. Unter der Überschrift „Vermißt“ beklagte ein Verwandter oder Freund, daß der abgebildete Mensch durch seine politische Radikalisierung verloren gegangen ist.

Die Aktion ist doch gut. Menschen werden aufgerufen, nicht wegzusehen, wenn einer aus ihrer Nähe zu einem extrem intoleranten, haßerfüllten und gewaltbereiten Verbrecher wird. Es ist in diesem Zusammenhang zunächst völlig egal, ob die dahinter stehende Ideologie linksextrem, rechtsextrem oder islamistisch ist – das alles sind Ausartungen, die in unserer Gesellschaft nicht geduldet werden können.

Eben so, wie besonders linke Gruppen die Aufgabe haben, bei sich selbst darauf zu achten, daß keine linksextremistischen Gewalttätet in ihren Reihen unbehelligten Unterschlupf finden, so solllen auch recht Gruppen darauf achten, in ihren Reihen keine braunen Umtriebe zu dulden. Und die Moslems in Deutschland sind aufgerufen, nicht wegzuschauen, wenn einer von ihnen zum Islamismus hinüberdiffundiert. Eine gute Sache, die Friedrich da initiiert hat – und eine enorm wichtige Sache. Denn es fällt immer wieder auf, daß die islamischen Gruppierungen in Deutschland nur geringe Kräfte entfalten, sich von den Islamisten zu distanzieren. Dabei rede ich gar nicht von solchen Extremisten wie Ayman Mazyek, der in Deutschland die Scharia einführen möchte. Ich rede von den ganz normalen, braven Moslems. Durch ihr Schweigen in Bezug auf die radikalen Islamisten entsteht in der Gesellschaft ein unguter Eindruck. Natürlich kann ein normaler Moslem nichts dafür, wenn sich ein anderer zum Islamisten wandelt. Aber die breite, breite Mehrheit der Deutschen wünscht sich eben einen Akt der Distanzierung. Die normalen Moslems, für die der Islam ihre Religion, aber eben nicht ihre politische Ausrichtung ist, möchten sich bitte gegenüber den Extremisten, die aus ihrer gesellschaftlichen Gruppe entstammen, eben nicht gleichgültig verhalten, sondern distanzierend.

Als Betrachter könnte man sonst aus dem Schweigen der Masse der Muslime den Eindruck gewinnen, daß die Islamisten sich zur Masse wie die Avantgarde verhalten – und nicht wie brandgefährliche Haßverbrecher. Genau diesem Eindruck müssen Muslime in Deutschland entgegenwirken. Wer denn sonst?

Und deswegen sind die Plakate richtig. Obwohl, halt, die Plakate hat Friedrich zurückgezogen. Es gab nämlich Ärger. Der „Sprecher des Koordinationsrats der muslimischen Migrantenverbände“, Ali Kizilkaya, fordert die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten auf, dafür zu sorgen, daß „diese unsägliche Kampagne“ eingestellt wird und fordert ausdrücklich, daß „die Bundeskanzlerin ein Machtwort spricht“ und spricht von einer Vertrauensbeschädigung zwischen Bundesinnenminister und den muslimische Verbänden.

Pardon und mit Verlaub gefragt: Geht’s noch? Sonst noch Beschwerden? Man achte auf Islamisten dort, wo sie entstehen. Auch wenn es nur ein Bruchteil der Moslems ist, die diesen äußerst gesellschaftsschädlichen Weg gehen: er beginnt in der Gruppe der Moslems. Genau so, wie es reichlich unsinnig wäre, in jüdischen Gemeinden nach Nazis zu suchen oder im Verband der Vertriebenen nach Linksterroristen, so ist es unsinnig, nach Islamisten bei den Pfadfindern Ausschau zu halten oder beim Berufsverband der Floristen.

Deswegen wird die Masse der Moslems nicht kriminalisiert. Die Wehleidigkeit, mit der hier manche unterwegs sind, ist nicht nur fehl am Platze – sie ist grundfalsch und zurückzuweisen. Man darf doch erwarten, daß die Moslems selbst das größte Interesse daran haben, der Mehrheitsgesellschaft zu zeigen, daß Islamisten in ihren Reihen keinen Platz haben. Anstatt also bei dieser Aktion mitzumachen und zu demonstrieren, daß Islamisten auch und gerade Feinde der Moslems sind, fordern sie den deutschen Staat auf zu schweigen. Daß dabei ein außenpolitischer Irrläufer wie Ruprecht Polenz sich den Forderungen des Ali Kizilkaya anschließt, zeigt nur, wie falsch das ist.

Die Moslems in Deutschland sind aufgerufen, etwas dagegen zu unternehmen, daß sich Jugendliche zu Islamisten verändern, radikalisieren. Dieser Ruf scheint bisher nicht hinreichend gehört zu werden. Und die Botschaft wird nicht verstanden. Ein Böswilliger könnte den Eindruck gewinnen, daß solche Leute wie Kizilkaya oder Polenz lieber gar nichts gegen Islamisten unternehmen wollen. Da hat jemand versagt. Setzen, sechs.

 

Bild: Bundesministerium des Innern

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