Die Sommerlochpampelmuse: in Bronze, Silber, Gold!

von André Freud:

Im Sommer ist die nachrichtenarme Zeit. Politiker sind in Urlaub, Parlamente und Stadträte tagen viele Wochen lang nicht. Da denkt sich so mancher Politiker, der sonst womöglich zurecht in der zweiten Reihe steht, daß er nun mal die Öffentlichkeit auf sich lenken kann, um sie mit einer famosen Idee zu bespaßen. Oder ein Journalist greift mangels echter Nachrichten zu irgendeinem Unfug, den er in normalen Zeit kaum beachtete. Oder aus einer riesig angekündigten Geschichte wird am Ende nur ein muffig riechender Hauch heißer Luft.

So bietet es sich also an, für die unsinnigste, lächerlichste, entlarvendste „Meldung“ des Sommers 2012 einen Schmähpreis zu vergeben: Die Sommerlochpampelmuse! So ein Preis ist ja an sich immer etwas Feines. Auch dann, wenn er negativ konnotiert ist – denn ein wenig Selbstironie sollte auch der Durchschnittslokalpolitiker aufbringen. Man wird sehen, wie weit die Kraft zur Selbstironie reicht.

Mitten in den tiefsten Tiefen des Sommerloch kommt der Tomatenfreund Lorenz Gradl von der SPD daher. Seines Zeichens Ratsherr und Anhänger des Paradeisers, wie die Tomate in Österreich auch genannt wird, und überhaupt ein Freund von allem Grünroten, schlägt er, der zuweilen den Spitznamen „el pomodoro“ trägt, allen Ernstes und ohne jeden Bezug zum 1. April vor, wir Nürnberger mögen doch vor unsere Stadtmauer Bäume pflanzen. Gradl sieht das allen ernstes als Maßnahme gegen das Grünanlagendefizit in der Altstadt an. Nun wäre es doch etwas, nun ja, sagen wir höflich: undurchdacht, wenn wir eine der größten und besterhaltensten mittelalterlichen Stadtmauern hinter einer Art Bahnhofswald verschwinden lassen würden. Ich meine, der Tourist würde lachen und der Einheimische sich schämen, wenn man aus dem Bahnhof tritt und anstatt der Stadtmauer einen Steckerlaswald – vielleicht garniert mit Tomatensträuchern? – sähe. Aber vor allem hat der liebe Gradl, Lorenz, eines nicht bedacht: die Grünanlagensituation in der Altstadt wird damit um genau Null verbessert, denn vor der Stadtmauer ist eben außerhalb der Altstadt. Mit dieser prima Lachnummer kam der Genosse Gradl an sich genau zur rechten Zeit und war klarer Anwärter auf die Sommerlochpampelmuse. Aber, soviel sei verraten, es gab ein spannendes Finish! Gradl wurde noch eingeholt. Für ihn gibt es daher nur noch die Sommerlochpampelmuse in Bronze.

Als die Sommerpause sich dem Ende neigte und die erste Sitzung des Rates anberaumt wurde, verschickte der Rat fleißig Papier an seine Räte. Dabei ging es auch ums Thema Jamnitzer Park. Dort war nicht nur nachzulesen, daß SÖR 126mal jährlich Mülleimer ausleert, Grünanlagen reinigt usw. – alles 126mal, wohlgemerkt – sondern es wurde von SÖR auch verlautbart, daß der Zustand des Jamnitzer Parks „durchschnittlich“ sei. Es ist also durchschnittlich, wenn eine Journalistin bedroht wird, weil sie es wagt, Photos vom „durchschnittlichen“ Jamnitzer Park zu machen. Es ist also durchschnittlich, wenn eine offene Drogen(dealer)szene sich etabliert. Es ist also durchschnittlich, wenn Lokalpolitiker bei einer Ortsbegehung beschimpft werden (nein, sie wurden nicht erkannt, also auch nicht ihrer CSU-Zugehörigkeit wegen beschimpft, sondern aus der Situation heraus deswegen beschimpft (und bedroht), weil sie sich den Park ansahen). Dies alles „durchschnittlich“ zu nennen, ist eine ganz besondere Leistung. Hierfür hat SÖR sich redlich die Sommerlochpampelmuse in Silber verdient.

And the winner is: Der sich selbst so bezeichnende „Vorstandsvorsitzende“ der Piraten-„Partei“ im Bezirk Mittelfranken, Patrick Linnert (ich habe den Namen nachgeschlagen), der – Achtung, Tusch! – Direktkandidat zum Bundestag der Piraten-„Partei“, Emmanuel Kotzian und der Nürnberger Montagsdemonstrant, Altlinke und aus der SEDPDSLinkspartei-Fraktion rausgeworfene Stadtrat, Hans-Joachim Patzelt, haben den Bock des Jahres geschossen. In einer vor banaler, wichtigtuerischer und selten peinlicher Angeberei nur so strotzender „Pressekonferenz“ von 55 Minuten Dauer, die man ins Internet zu stellen sich nicht entblödete, verkündeten die drei Herren den sensationellen Eintritt des 74jährigen Stadtrats Patzelt in die Piraten-„Partei“. Kotzian, der „Vorstandsvorsitzende“ und Patzelt malten sich bereits in den buntesten Farben aus, wie sie viele dolle Anträge einzureichen gedächten, wie die „Piraten“ durch Patzelt lernen könnten, wie Politik geht, wie man – eigene Aussage! – lernen könne, mit dem vielen Papier umzugehen, aber ach, dann kam das Miststück Realität daher, und aus war’s mit den Blütenträumen. Patzelt trat nach noch nicht mal einen Monat nach dieser aufgeblasenen Nullnummer von „Pressekonferenz“ wieder aus. So also kam es, daß Patzelt zwar irgendwie der erste Piraten-„Partei“-Stadtrat war – aber daß in dieser Zeit gar keine Stadtratssitzung stattfand. Die Piraten hatten also nun einen Stadtrat, der aber nie an einer Stadtratssitzung teilnahm. Das paßt. Erst Pirat, dann privat. Das Gesprächsklima sei katastrophal gewesen. Ach ne… Und die ganze Aufgeblasenheit des Vorkämpfers für die Legalisierung gewisser Drogen und gelegentlich Hitler-Vergleiche anstellenden Kotzian sowie des „Vorstandsvorsitzenden“, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe – aber was sind schon Namen angesichts solcher Titel! – ging zusammen mit der Geschwätzigkeit des Herrn Patzelt unter. Nun stehen sie alle da, wie in des Kaisers neuen Kleidern: nackt, entlarvt, bloßgestellt. Sogar die NN, sonst einer jeden linken Spinnerei doch tendenziell eher zugetan, stellen fest: Glaubwürdigkeit verspielt. Sag‘ ich doch. Und dafür erhalten Kotzian, der „Vorstandsvorsitzende“ und Patzelt das, was sie sich rundum verdient haben: Die Sommerlochpampelmuse in Gold!

 

Bild: Bernhard Voß at German Wikipedia, Public Domain, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hirado_3.jpg

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