Heuchler. Bigotte Heuchler.

von André Freud:

Cato der Ältere war als harter Hund bekannt und wurde zum Inbegriff eines römischen Konservativen. Bis heute bekannt ist der Satz, den er am Ende einer jeden Rede – ganz gleich, um welches Thema es ging – im römischen Senat zu sagen pflegte: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – Im Übrigen bin ich der Ansicht, daß Karthago zerstört werden muß. Diesen Satz kennt nicht nur jeder Lateinschüler, weil an ihm die Grammatik des Akkusativs mit Infinitiv samt Gerundivkonstruktion gelernt wird, sondern auch viele, die nie Latein hatten, unter dem Titel „ceterum censeo“ als das Bekenntnis einer Grundüberzeugung in einer politischen Frage. Der Verfasser dieser Zeilen entwickelt eine Tendenz, im Überwinden einer gewissen „Partei“ eine wichtige Frage des politischen Geschehens zu sehen.

Mancher mag es kaum noch hören, das Thema Piraten-„Partei“. Das ist einerseits verständlich. Warum soll einer solchen Pappnasentruppe überhaupt mehr Aufmerksamkeit zuteil werden als der Kinderkrabbelgruppe bei IKEA – obwohl dort im Zweifel sogar mehr sinnvolle Sätze fallen?

Der Grund ist zweifacher Natur. Zum einen muß man wissen, daß das Gedächtnis der Menschen zuweilen kurz zu sein pflegt. In einem Jahr sind Wahlen. Es steht zu befürchten, daß bis dahin einige Zeitgenossen sich der Propaganda der Piraten-„Partei“ ergeben haben. Dem ist vorzubeugen. Diese Vorbeugung ist das beste Mittel dagegen, die eigene Wählerstimme an die Partei des Infantilismus zu verschwenden. Die Piraten-„Partei“ ist mit das Lächerlichste, was jemals auf einem Wahlzettel stand. Sie predigen Jugend und Jugendlichkeit, entblöden sich aber nicht, einen 74jährigen, der aus der SEDPDSLinksparteifraktion rausgeschmissen wurde, als Vorkämpfer der Jugend bei sich aufzunehmen – und der hofft auch noch darauf, nächstes Jahr als dann 75jähriger wieder auf dem Wahlzettel zu stehen. Sie tun so, als würden sie gegen die GEMA-Gebührenerhöhung sein, aber in Wahrheit sind sie dagegen, daß man nicht alles als Raubkopie kostenlos im Internet bekommen darf.

Und dann kommt diese Zeitgenossin auf dem obigen Bild daher. Ihr Name tut nichts zur Sache, der ist morgen eh wieder vergessen. Sie schreibt ein Buch – während gewisse Noch-Gattinnen gewesener Bundespräsidenten sich so weit herablassen zu verkünden, daß man beim Sex in der Dienstvilla besser leise ist, ist die hier abgebildete, niveauverlassene Quasselstrippe da etwas deutlicher. Es gehört wohl zum Merkmal dieser Zeit, daß man beinahe unausweichlich mit den mehr oder weniger unappetitlichen Details des Brunft- und Koitusverhaltens von Zeitgenossen konfrontiert wird, die nichts mehr für sich behalten können. So durchdrungen sind sie von der lächerlichen Einbildung, daß ihr Gestöhne für irgendeinen Menschen erhellend sei, daß sie es möglichst auffällig unter möglichst viele Menschen bringen zu müssen meinen. Es fällt in der Tat schwer, in Bezug auf den abgebildeten Menschen nicht das eine oder andere billige Scherzchen zu machen, aber dieser Verlockung ist zu widerstehen. Auch dann, wenn es richtig schwer fällt.

Was also ist aber daran neu? Warum die Aufregung? Hatten wir nicht neulich erst die NRW-Landtagsabgeordnete der Piraten-„Partei“, die eine überwiegend angewiderte Öffentlichkeit über die Details eines geplatzten Kondoms informierte? Ja, das kennen wir alles schon. Aber das, was diese Person hier machte, ist noch mal eine ganze Stufe anwidernder.

Diese Armseligkeit von Möchtegern-Politikerin wetterte stets heftigst gegen das Urheberrecht. Sie bezeichnete, so wird berichtet, die Idee vom geistigen Eigentum als „ekelhaft“. Aber das galt natürlich nur, bis dieses geistige und politische Schwergewicht selbst ein Büchlein schrieb! Jetzt hat sie selbst eine Möglichkeit, das Buch kostenlos im Internet herunterzuladen, schließen lassen. Auf einmal ist wohl geistiges Eigentum nicht mehr „ekelhaft“, wie es scheint. Eine traurige Bestätigung der Richtigkeit der Erkenntnis von Karl Marx: „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“.

So sind sie, diese Pappnasen von der traurigen Gestalt. Sie haben kein Konzept, sie sind nur gierig und geizig. Aber wehe, irgendwo sind dreieurofuffzig für sie selbst drin – dann werden aber die ach so ernstgemeinten „politischen“ Überzeugungen schneller über Bord geworfen, als man „Fremdschämen“ buchstabieren kann. Und diese „Politikerin“ hockt da und grinst. Wer so etwas wählt, wählt einen aufgeblasenen Popanz von Politikimitation. Letztlich dürfte es sich bei dieser „Partei“ um ein Konglomerat der Zukurzgekommenen handeln. So etwas wählt man nicht: nicht als Schwarzer, nicht als Roter, Gelber, Grüner. So etwas sollte nach Hause gehen und sich schämen.

 

Bild: Bastian Haas, Lizenz CC2.0, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Julia_Schramm.jpg

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