Von Teamplayern und Quertreibern

von André Freud:

Es ist in der Politik zuweilen so, daß Entscheidungen auch in der eigenen Gruppe umstritten sind. Etwa dann, wenn es um ein Thema geht, bei dem nur wenige sich fachlich auskennen und der Rest der Gruppe sich halt auf die mit dem Sachverstand verlassen muß.

Das ist an sich nicht problematisch, sondern in allen Parlamenten völlig normal und unkompliziert. Blöd aber wird’s dann, wenn einer von denen, denen man diesen Sachverstand zuspricht, den nicht gebraucht, um die Köpfe zu erhellen, sondern zu vernebeln.

Wenn dann der ach so kompetente Kopf sagt: „Das Vorhaben X geht nicht, weil…“, dann hören sich viele die Begründung schon gar nicht mehr an; es genügt ihnen, wenn der Vordenker „Nein“ sagt. Darin liegt sehr viel Vertrauen. Leider, leider aber ist die Politik kein Mädchenpensionat, in dem man solches Vertrauen gegenüber dem eigenen Teamplayer immer haben sollte; zuweilen wird man enttäuscht werden, und der vermeintliche Teamplayer entpuppt sich als Quertreiber.

Manchmal nämlich argumentiert der, der eigentlich das Fachwissen liefern soll, nicht neutral und nüchtern, sondern einseitig. Er argumentiert zuweilen nicht, um seinen Kollegen im Parlament eine möglichst gute Entscheidung zu ermöglichen, sondern um sie zu einer bestimmten Entscheidung zu bringen.

Da werden Argumente überhöht, Nichtigkeiten aufgeblasen. So etwa, wenn der Oberbürgermeister bezüglich der Dürer-Ausmalung im Rathaussaal streuen läßt, daß die Photo-Dokumentation von 1944 schlampig gemacht worden sei. Das ist schlichtweg nicht wahr. Die Bild-Trupps, die seinerzeit vom Propaganda-Ministerium entsandt wurden, um luftkriegsgefährdete Gegenstände abzulichten, damit sie wieder rekonstruiert werden können, waren seinerzeit bestens ausgestattet, hatten das kaum noch produzierte Filmmaterial, hatten gute Kameras – und die Leute, die das machten, hatten einen sicheren Arbeitsplatz. „Sicher“ aber nicht im heute gebrauchten Sinne, sondern dahingehend, daß sie gute Überlebenschancen hatten – also in dem Sinne, daß sie von der Front noch recht weit entfernt waren. Vielleicht sollte man diese Photographien einmal aufbereiten und sie einem sachverständigen Publikum und natürlich der Öffentlichkeit zeigen, um solchen unzutreffenden Gerüchten Einhalt zu gebieten.

Dann werden aus Kleinigkeiten große Sachen gemacht. Daß die Stadt es sich nicht leisten könne, während der Dauer der Rekonstruktion auf die Mieteinnahmen zu verzichten. Man muß dazu wissen, daß die Stadt Nürnberg den Saal gegen Geld vermietet. So etwa, wenn ihr eigener Ehrenbürger (!) Dr. Oscar Schneider einen Empfang zu seinem 85. Geburtstag erhält. Es mag ja sein, daß das dann für ein paar Monate wegfällt. Aber daß man den Rathaussaal nach der Rekonstruktion viel öfter und gegen noch höhere Mieten vermieten kann – das muß man dann schon auch dazu sagen, und natürlich wird die Stadt Nürnberg von der Rekonstruktion in jeder Hinsicht profitieren. Es ist ferner so, daß dieser Rathaussaal mit der Dürerschen Ausmalung ein Touristenanziehungspunkt sein wird. Er war es früher, er stand früher in jedem Reiseführer. Er wird es natürlich auch künftig sein. Es ist kaum klug, den touristischen Wert Nürnbergs nicht steigen zu wollen. Die Stadt erhält durch den Tourismus gute Einkünfte, die Menschen gute Arbeitsplätze. Dieses Feld muß man beackern, nicht brach liegen lassen mit einer weißen Wand, die sich nun gewiß nicht mal ein Fürther anschauen will.

Auch werden weitere Bedenken gestreut, um eine Negativhaltung aufzubauen. So soll es angeblich schwierig sein, jemanden zu finden, der die Ausmalung macht. Das ist blanker Unsinn. Hier wird ja kein Künstler benötigt, sondern ein Maler. Mit hohen Qualitäten, gewiß, aber es wird gesucht jemand, der eine Wandausmalung in hoher Qualität von Vorlagen her abmalen kann. Keiner, der sich selbst verwirklichen will, und niemand, der Dürers Pinselstrich imitiert – denn Dürer hat ja selbst nie gemalt im Rathaussaal, er hat den Entwurf geliefert.

Dann geht es weiter, und der OB läßt streuen, daß die Mehrheit der Nürnberger gar nicht den Dürer will, sondern die weiße Wand. Das zu behaupten, ist schon frech. Wie kommt man bloß auf diese irrwitzige Idee? Durch einen Dreisprung: Erst bringt man alle Nase lang den 1980er Entwurf des Künstlers Prechtl ins Spiel. Man verheimlicht aber, daß man diesen Entwurf gar nicht realisieren darf. Gesetzlich, rechtlich. Dieser Entwurf steht nicht zur Verfügung. Es ist eine Scheindebatte. Man stelle sich folgendes vor: Im Restaurant stehen zwei Gerichte auf der Karte, Rouladen und Ente. Der Kellner empfiehlt einem die Ente, mit den wärmste Worten. Bestes Fleisch, herrlich zubereitet, zart, köstliche Sauce. Er macht einem den Mund wässrig. Zugleich macht er die Rouladen schlecht: etwas zäh, spärlich gefüllt, dünne Sauce. Na gut, sagt sich der Gast, dann nehme ich die Ente. Ätsch, sagt der Kellner: Ente ist aus.

Was soll so etwas? Es führt dazu, daß man keine Lust mehr auf die Rouladen hat. Und so wird man halt wieder gehen, frustriert, unzufrieden. Und sich mit dem leeren Magen begnügen. Was aber, wenn man später erfährt: die Rouladen waren sehr gut? Was wird man über den Kellner denken? Eben.

Jeder weiß, daß die Nürnberger die Wiederherstellung mit überwältigender Mehrheit wollen. Eine Umfrage der NZ erbrachte fast drei Viertel Zustimmung! Wer hier argumentiert, daß die Nürnberger die weiße Wand wollen, verhält sich unseriös; das darf man nicht durchgehen lassen.

Also: jeder, der Prechtl als Möglichkeit erwähnt, in den Raum stellt,Diskussionsbeiträge damit aufbläst, zeigt damit eines: er will die Diskussion zerstören. Das paßt ja recht gut zu Malys Aussage, daß er die ganze Diskussion nicht wünscht. Wir aber sind nicht dafür da, das zu diskutieren, was der OB wünscht, und das nicht zu diskutieren, was er nicht wünscht.

Und wenn man sich dann das, was Maly so streuen läßt, bei Lichte besieht, dann stellt man fest: hier wurde mit Zitronen gehandelt. (Ich weiß, ich bin heute sehr metapherreich).

Es ist ja nur gut, daß in der SPD-Fraktion dank der Kehrtwende des Fraktionsvorsitzenden Christian Vogel ein Denkprozeß a) zulässig und ermöglicht wurde, von dem b) auch reger Gebrauch gemacht wird. So steht der SPD-Ober diesmal auch von seiner eigenen Partei unter Druck. Was mir, ich will es nicht verheimlichen, ganz gut gefällt.

Bild: Freud

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Ein Kommentar

  1. nuernbergqueen sagt:

    Reblogged this on Die freie Welt von NürnbergQueen.

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