Ein grausamer Irrtum

von André Freud:

Es muß schlimm sein für einen Menschen, der aus den edelsten Motiven heraus handelt, der von anständigen Überzeugungen geprägt ist, am Ende seines Lebens feststellen zu müssen, so vollständig gescheitert zu sein, wie ein Mensch nur scheitern kann. Als der oben abgebildete Neville Chamberlain am 9. November 1940 starb, stand das Vereinigte Königreich, dessen Premierminister er noch weniger Monate vorher gewesen war, alleine im Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland auf scheinbar verlorenem Posten.

Neville Chamberlain hatte alles getan, um diesen Krieg zu verhindern. Nicht eine Minute hat er sich über Hitler getäuscht insofern, als er wußte, daß Hitler zum Erreichen seiner Ziele auch einen Krieg anfangen würde. Also sah Chamberlain die beste Möglichkeit, den Krieg zu verhindern, darin, Hitler möglichst viel von dem zu geben, was der sich ohnehin nehmen würde, aber auf dem Verhandlungswege. Langsamer, als Hitler das vielleicht wollte, und ihn somit auch ausbremsend. Welcher Staatsmann würde nicht seine Ziele lieber friedlich erreichen? So dachte Neville Chamberlain über Hitler. Sein Standpunkt 1938 war, daß man sowieso nicht verhindern würde können, daß das nationalsozialistische Deutschland sich der West-Tschechei bemächtigen würde. Also befand Chamberlain es für klüger, dieses Gebiet an Hitler fallen zu lassen, durch Verhandlungen, mit gewissen Auflagen – vollzogen wurde das auf der Münchner Konferenz 1938. Als Neville Chamberlain zurück in London war und ihn die Menschen dort auf dem Flughafen mit dem Gesang „For he is a jolly good fellow!“ begrüßten, da schwenkte er ein Stück Papier (das die Menschen für den Vertragstext hielten, aber das war er nicht, der war im Aktenkoffer) und rief ihnen entgegen: „Peace in our time!“.

Noch nicht einmal ein Jahr später hatte Hitler den furchtbarsten Krieg begonnen, den die Erde jemals sah. Was war passiert? Ein Irrtum.

Der Irrtum bestand darin, daß Chamberlain überzeugt war, daß Hitler am Ende vernünftig handeln würde – „vernünftig“ im Sinne von: zielorientiert, machterhaltend, ökonomisch. Wenn einer 95 % umsonst haben kann, warum sollte er 100 % durch Krieg sich nehmen? Aber wer so denkt, der weiß nicht, mit wem er es zu tun hat. Nach der Münchner Konferenz, die ihm ohne Gegenleistung die West-Tschechei bescherte, war Hitler nicht etwa guter Dinge – er war übelster Laune und tobte, daß man ihm den Krieg genommen habe. Das zeigt, daß an solchen Menschen die Vernunft scheitert. Die an sich richtige, jedenfalls nachvollziehbare Überlegung Chamberlains mit dem Appeasement lautet: „Befriede den anderen, indem du ihm das gibst, was er fordert und was du eh nicht verhindern kannst, aber gib es ihm langsam, unter Auflagen, mühevoll; dann wird er am Ende Ruhe geben“. Das klingt doch vernünftig. Wir alle kennen gewiß Menschen (Kindererziehung!), bei denen die Politik des Appeasement richtig war und gut funktioniert hat.

Das Dumme ist nur: wir kennen auch alle ein Beispiels des Versagens von Appeasement. Dieses Versagen war so dermaßen gründlich, das Resultat war die umfassendste Ansammlung von Schrecken, von Sterben, die es in der Geschichte der Menschheit jemals gab. Deswegen darf man niemals wieder auf diese Taktik des Appeasement setzen, wenn es gilt, einen gefährlichen Weltenbrandstifter zu befrieden.

Von den Menschen, die ihn kannten, wird Chamberlain als ein hochrespektabler Mensch beschrieben, als eine Ansammlung britischer Tugenden – und zwar nicht nur von Freunden; auch politische Gegner versagten diesem Mann nicht ihren Respekt. Und doch war dieser vornehme Herr, der er war, dem furchtbarsten Irrtum erlegen, dem ein Mensch nur unterlegen konnte. Als anderthalb Jahre nach München auch die Ost-Tschechei besetzt worden war, als Polen mit Krieg überzogen und besetzt war, als Norwegen, Dänemark, Belgien, Luxemburg und die Niederlande durch Angriffskrieg unter die nationalsozialistische Gewaltherrschaft gekommen waren, als schließlich Frankreich angegriffen wurde, trat Chamberlain zurück – um Platz zu machen für den Mann, der seit 1933 keinen Zweifel an seiner Meinung gelassen hatte, der immer scharf gegen Appeasement angetreten war und der heute – von seinem eigenen Volk – als der bedeutendste Brite des 20. Jahrhunderts gewertet wird: Winston Churchill.

Als Chamberlain nach seiner Rückkehr 1938 von der Münchner Konferenz im Londoner Unterhaus für den scheinbar geretteten Frieden gefeiert wurde, sprach nur ein Redner dagegen. Er sagte: „Wir haben eine völlige, durch nichts gemilderte Niederlage erlitten“. Dieser Weitblick Churchills, für den ihn das ganze Parlamente niederbuhte, macht seine Größe als Politiker aus. Er war der wichtigste Vertreter derer, die nicht Wunschdenken zur Leitlinie ihrer Politik machten. Und deswegen gibt es heute in Europa Demokratie, Freiheit, Recht.

Und ist die Demokratie bedroht, die Freiheit oder der Rechtsstaat, dann, so hat die Menschheit schmerzlich gelernt, braucht es keinen Chamberlain; dann braucht es einen Churchill.

Bilder:

  • Neville Chamberlain: Public Domain, Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arthur-Neville-Chamberlain.jpg
  • Winston Churchill: Werk der Regierung des Vereinigten Königreichs, Public Domain; Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Churchill_V_sign_HU_55521.jpg

 

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5 Kommentare

  1. Manuela sagt:

    Das ist der mit Abstand nobelste Artikel über Neville Chamberlain, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Vielen Dank dafür, dass Sie einem Mann Gerechtigkeit widerfahren lassen, über den – ganz besonders in Großbritannien – meist mit einer die Grenzen der Beleidigung bei weitem überschreitenden Häme geurteilt wird.
    Dass Chamberlain in den 20er Jahren zahlreiche soziale Reformen verwirklicht hat, ist nahezu vergessen. Alles wird überschattet von seinem Scheitern als Premierminister.
    Der müde, am Boden zerstörte, im letzten Stadium seiner tödlichen Krebserkrankung befindliche, alte Herr, der am 03.09.1939 über den Rundfunk die Kriegserklärung seines Landes verkündete, mag einer der großen gescheiterten, tragischen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts sein, aber dennoch hat er aufgrund seines ehrlichen Bemühens um den Frieden in Europa den honorigen Umgang verdient, den Sie ihm zuteil werden lassen.

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