„Piraten“: Die Verjüngung schreitet plangemäß voran!

von André Freud:

Gäbe es die Piraten-„Partei“ nicht, dann müßte man sie erfinden – jedenfalls dann, wenn man Politik für ein absurdes Theater hält. Was ist passiert? Wie der geneigte Leser sich erinnern wird, gibt es in Nürnberg den Stadtrat Hans Joachim Patzelt. Der heute 74-jährige wurde über eine offene Liste, die der SEDPDSLinkspartei zuzurechnen ist, in den Stadtrat gewählt. Der Altlinke Patzelt schaffte es, aus der Fraktion zu fliegen. Politisch also in gewisser Weise heimatlos, diente er sich der Piraten-„Partei“ an. Warum? Der Mann weiß kaum, wie ein Computer aussieht. Die Themen der „Piraten“ sind ihm auch ziemlich egal. Aber er will halt nochmals in den Stadtrat gewählt werden: „Patzelt kann sich vorstellen, bei der nächsten Kommunalwahl für die Piraten zu kandidieren“ (NZ vom 28.08.2012). Das wird natürlich nix; die Ober-Piraten Emanuel „Nazi-Vergleiche finde ich toll“ Kotzian und Patrick „Ich bin der Bezirksvorsitzende und wehe, ich werde nicht so angesprochen“ Linnert werden schon Wege finden, Patzelt von der Liste fernzuhalten. Er ist ihnen nützlich, und nach der Wahl brauchen sie ihn nicht mehr; dann wird er abserviert.

So weit, so wenig erfreulich. Aber wer da glaubt, das wäre es schon gewesen – hach, nein, weit gefehlt. Die Brüder können noch mehr!

Nun steht der nächste Jungspund auf der Matte. Hartmut Beck, 72 Jahre alt, emeritierter Professor von der erziehungswissenschaftlichen Fakultät, bisher für die Freien Wähler im Stadtrat. Es heißt, es hätte eine Vereinbarung gegeben: Beck kam auf die Liste der FW und sollte nach der halben Wahlperiode auf sein Mandat verzichten, um dem Nürnberger Vorsitzenden der Freien Wähler, Jürgen Horst Dörfler, Platz zu machen. So sagt der Stadtklatsch. Beck aber will nun seinen Stuhl nicht mehr räumen; er klebt an ihm. Und weil für ihn die Stimmung bei den FW zunehmend ungemütlich wird, liebäugelt er wohl auch mit einem Wechsel zu den „Piraten“. Damit würde das Durchschnittsalter der „Piraten“-Stadträte von 74 auf 73 sinken. Eine solche Verjüngung paßt natürlich zum jugendlichen, computer-affinen Charme der PiPa. Und wieder zeigt sich: diese Partei ist kein Sammelbecken derer, die irgendetwas anders im Sinne von besser machen wollen – es ist die Partei derer, die bei den richtigen Parteien nicht mehr zum Zuge kommen, nicht ernst genommen werden, keine Listenplätze mehr erhalten. Das fängt bei der Ex-Grünen-Vorsitzenden Beer an und geht hinunter bis in die Niederungen der Kommunalebene.

Aber eines muß allen klar sein: diese „Partei“ ist in einer Hinsicht nicht anders, sondern viel schlimmer als die richtigen Parteien, als ihre Anhänger viel mehr, viel stärker nach Posten und Pöstchen streben. Da wollen sogar welche Bundestagsabgeordnete werden, die man nicht mal Stadtratskandidatenanwärtergehilfen lassen werden darf, wie hier zu lesen ist. Zugleich aber machen sie einen auf furchtbar idealistisch. Mit alten Herren, die an ihren Sesseln kleben. Da habe ich schon mal von edlerem Verhalten gehört.

Und irgendwie erinnert mich das Ganze in seiner Kontaktarmut zur Realität an untergegangene Systeme, in denen auch manche meinten, sie könnten sich alles erlauben, das blöde Volk wird’s schon schlucken. Aber Selbstherrlichkeit ist nicht nur eine Todsünde, sie kommt auch vor dem Fall. Und die werden fallen, daß es kracht.

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