So nicht, Genossen

von André Freud:

Ja, ja, das Sommerloch. Es ist nicht nur die Zeit, in der Meldungen, die ansonsten nicht einmal für eine lässige Unterhaltung auf dem Rathausflur taugen, ernsthaft diskutiert werden – es ist auch die Zeit, in der so mancher Politiker, der während der Saison im zweiten, dritten oder vierten Glied verharren muß, wo er vielleicht auch hingehört, auf einmal fröhlich nach vorne tanzt, weil ihn keiner daran hindert. Die Hackordnung innerhalb der SPD-Stadtratsfraktion ist mir gerüchteweise bekannt, also nicht bekannt, und deswegen entrate ich der Versuchung, Mutmaßungen über die Position des SPD-Stadtrats und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Lorenz Gradl anzustellen. Aber um ein paar Bemerkungen kommen wir wohl kaum herum.

Zunächst empfehle ich Herrn Gradl die Anschaffung einer Textverarbeitung, die Grammatikfehler erkennt. „Die Verwaltung prüft ob Baumpflanzung im südlichen (Königstor zum Ludwigstor) und im östlichen Teil (Königstor bis Rathenauplatz) des Stadtgraben möglich sind“. Was Herr Gradl vermutlich schreiben wollte, lautet in richtigem Deutsch: „Die Verwaltung prüft, ob Baumpflanzungen im südlichen (vom Königstor bis zum Ludwigstor) und im östlichen Teil (vom Königstor bis zum Rathenauplatz) des Stadtgrabens möglich sind“. Die Hälfte der Satzzeichen fehlen, man rutscht vom Singular in den Plural, kennt kein Genitiv-S und hat’s auch nicht so sehr mit einer geschlossenen Formulierung – aber was soll’s, dafür ist ja der politische Mitbewerber da.

Genau so, wie dieser Antrag in seiner schriftlichen Ausformulierung hingeschludert wurde, so ist er auch „durchdacht“: im Zweifel gar nicht. Da geben wir – zurecht – Millionen über Millionen aus, um diese weltweit einzigartige Stadtmauer zu erhalten beziehungsweise von den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs zu befreien, und dann kommen die Sozis daher und wollen dieses mit Mühe und viel Geld sichtbar gemachte, staunenswerte Werk der Jahrhunderte mit ein paar Bäumen optisch versiegeln und baulich, wie zu erwarten steht, sprengen – denn Bäume haben Wurzeln, und die sind im Allgemeinen respektlos. Das ist alles um so absurder, als der Stadtgraben weitgehend begrünt ist – mit Gras, Büschen und Bäumen.

Wie man diesem Bild entnehmen kann, ist es gerade nicht die Stadtmauer bzw. ihr Vorfeld, das da dringend der Begrünung harrte:

Wo Grün fehlt, erkennt man hier leicht. Leider ist auf diesem etwas älteren Bild von GoogleEarth noch der Zustand Nürnbergs während der Fußball-WM zu sehen, samt (grünem) Spielfeld auf dem Hauptmarkt. Der Verfasser dieser Zeilen ist, wie sich vielleicht noch der eine oder andere erinnert, für die Rückverlegung des Neptun-Brunnens auf den Hauptmarkt – und kein Freund der Idee der Begrünung des Hauptmarkts. Aber, auch wenn ich diese Idee nicht befürworte, so anerkenne ich, daß es eine ist, über die man diskutieren kann, bevor man sie ablehnt. Aber die Idee, den ohnehin bereits grünen Bereich vor der Stadtmauer mit Bäumen zu bepflanzen, ist ein Schildbürgerstreich, über den nicht zu diskutieren ist; der ist abzulehnen, und damit soll es sich haben.

Es gibt eine Notwendigkeit für mehr Grün in unserer Stadt – unbestritten. Und grundsätzlich ist ja nichts gegen unkonventionelle Ideen zu sagen. Die sollen dann aber bittschön nicht hundertmal mehr zerstören, als sie hervorbringen. Die sollen nicht am falschen Ort sein – denn wir brauchen mehr Grün in der Altstadt, nicht draußen vor der Mauer.

Also bitte, werter Herr Gradl: Nehmen’S Ihren Antrag und überantworten Sie ihn der städtischen Einrichtung, die dafür zuständig ist: nicht etwa SÖR, sondern dem fraktionseigenen Reißwolf. Wenn’S das machen, dann verspreche ich, auf diesen Vorschlag aus der Rumpelkammer nicht mehr einzugehen. De hoc satis, oder wie der Franke sagt: Genug davon!

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