Vom Mittel und vom Zweck – oder: Wider die Volksspeisung

von André Freud:

Vielen Menschen ist der Unterschied zwischen Mittel und Zweck nicht recht klar. Einige dieser Menschen streben nach politischer Verantwortung, obwohl die klare Unterscheidung zwischen Mittel und Zweck zum Handwerkszeug eines Demokraten gehören muß. Ein Zweck mag gut sein – wenn das Mittel ein schlechtes ist, dann ist es abzulehnen. Dann kommt es auch nicht mehr darauf an, ob der Zweck gut ist oder nicht, sondern alleine auf das Mittel.

Jeder wird gewiß zustimmen, daß es ein guter Zweck ist, die alkoholbedingten Ausfallerscheinungen, die wir alle gelegentlich in der Stadt beobachten, abzustellen. Zugleich wird aber (hoffentlich) jeder zustimmen, daß beispielsweise die Prohibition, also das grundsätzliche Verbot von Alkohol ein schlechtes Mittel ist, um diesen guten Zweck zu erreichen, und daß es deswegen abzulehnen ist. Die Lösung dieses Problems kann nicht im Verbot von Alkohol bestehen. Auch wird ein jeder zustimmen, daß Sport etwas Gutes ist. In seiner Art von Alter und Gesundheitszustand abhängig, tut es jedem Menschen gut, im Rahmen seiner Möglichkeiten ein gewisses Maß an Sport zu treiben. Gleichwohl wird (hoffentlich) jeder zustimmen, daß es ein schlechtes Mittel wäre, wenn wir eine Sportpolizei hätten, die jeden Menschen morgens aus dem Bett holt, um ihn zu seinen Pflichtübungen zu zwingen. In George Orwells „1984“ ist etwas so gelagertes beschrieben.

Aber da kommen sie bei allen möglichen Gelegenheiten aus der Deckung, die Pappenheimer der frommen Denkungsart. Um zu verheimlichen, daß sie ein diktatorisches Mittel einsetzen wollen – Zwang -, reden sie nur von den Vorteilen des Zwecks. Das nennt man eine Nebelkerze: Um vom Fehler A abzulenken, redet man nur vom (angeblichen) Vorteil B. Und je mehr man redet, desto weniger sollen, so die unanständige Hoffnung, die Menschen im Nebel der Worte noch erkennen, daß es überhaupt einen grundsätzlichen Fehler gibt.

Nun ist der Vegetarismus höchst umstritten. Da werden immer irgendwelche Schreckensbilder gemalt – wie etwa die Landwirtschaft weltweit aussähe, wenn alle Menschen soviel Fleisch äßen wie wir. Daß das ein absurdes Bild ist, das mit der Realität nichts zu tun hat, weil wir nämlich niemanden irgendwo in der Welt zu Fleischkonsum anregen wollen, stört die Verkünder einer vermeintlichen Heilslehre nicht im geringsten. Daß Ernährungsphysiologen mal die fleischliche Kost ablehnen und mal empfehlen, je nach Denkungsart, stört die Heilsbringer auch nicht. Sie ignorieren die Tatsachen, vereinfachen einen komplexen Sachverhalt, bis sie sich argumentativ am Ziel wähnen.

Wichtig ist bei solchen Kampagnen auch das Strohmann-Argument. Ein Strohmann-Argument geht so: Der Heilsverkünder behauptet, seine Gegner würden Argument X bringen – obwohl das nicht stimmt. Dann widerlegt er dieses angebliche Argument und steht triumphierend wie ein Gockel auf dem Platz und ist richtig stolz auf seine Leistung. So geht’s natürlich nicht. So behauptet der jüngst in den Ring der Frage des Gemüse-Donnerstags gestiegene Nürnberger Juso-Vorsitzende Ahmed, es ginge nicht um Bevormundung.

Herr Ahemd, es ist vollkommen wurscht, worum es Ihnen angeblich geht. Es kommt alleine darauf an, was Sie machen. Und was Sie machen, ist folgendes: Sie bevormunden. Sie erzählen Kokolores, wenn Sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit davon ablenken wollen, daß Sie eines im Sinn haben: Zwangsbeglückung. Sie wollen die Menschen zwingen, den Gemüse-Donnerstag einzuhalten. Wenn Sie irgendwelche Geschichten erzählen dahingehend, daß es keine Bevormundung sei, den Kantinengästen Fleisch zu verbieten, dann lassen Sie sich bitte gelegentlich mal von Ihrem anmaßenden hohen Roß, auf dem Sie anscheinend aufgrund moralischer Überlegenheit zu sitzen sich wähnen, herab und erklären Sie dem offenkundig von Ihnen für blöd gehaltenen Teil der Bevölkerung, was Sie unter Bevormundung verstehen.

Wenn Sie das nicht als Bevormundung begreifen, dann haben Sie einen merkwürdigen Begriff davon, was Bevormundung ist. Sie stellen sich hin und erklären, kein oder weniger Fleisch zu essen, sei gut. Das mögen Sie so für sich entschieden haben – aber das gibt Ihnen nicht einmal den Hauch eines Rechts, das für andere Menschen mitzuentscheiden. Wenn Sie irgendwo in städtischen Verordnungen, in bayerischen oder deutschen Gesetzen eine Legitimation dafür finden, daß es Aufgabe des Staates ist, daß die Menschen sich gefälligst so zu ernähren haben, wie eine winzige Minderheit es für richtig hält, dann zeigen Sie dies vor. Bis dahin enthalten Sie sich bitte dem Vorschlag solcher Zwangsmaßnahmen.

Die Menschen essen, was sie essen wollen. Und es ist gewiß nicht an Ihnen, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu essen wünschen! Ihre ganze Argumentation baut auf Falschbehauptungen, auf umstrittenen Behauptungen und auf Wunschvorstellungen auf. Sie ist in sich widersinnig. Aber ganz unabhängig davon ist es hanebüchen, wenn Sie sich anmaßen, den Bürgern solche Vorschriften machen zu wollen.

Etwas ganz anderes wäre es, plädierten Sie dafür, zusätzlich zum normalen Angebot, das sehr häufig Fleisch beinhaltet, auch fleischlose Gerichte anzubieten. Aber das geschieht ja schon meistens und an jedem Tag. Und warum werden diese Gerichte selten genommen? Weil die Menschen sich so entscheiden. Haben Sie Respekt vor den Vorlieben der Bürger, machen Sie ihnen gefälligst keine solchen Vorschriften und mischen Sie sich nicht in etwas ein, was ja wohl immer noch die freie Entscheidung eines jeden Bürgers ist: was er zu essen wünscht.

Hinter diesem Vorstoß, so klein und lächerlich er auch sein mag, stecken diese beiden Aussagen:

  1. Ich weiß, was gut für dich ist, aber du bist zu dumm, es zu begreifen
  2. Der Zweck heiligt die Mittel

Beides sind Sätze, die in ihrer Arroganz, in ihrer Überheblichkeit erschreckend sind. Beide Sätze zeigen, daß Sie einmal staatstheoretische Bücher lesen sollten, die sich damit befassen, was in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Sache des Staates ist – und was nicht. Sie scheinen da erheblichen Nachholbedarf zu haben.

Übrigens: ich werde heute etwas fleischloses zu Mittag essen. Es geht nicht ums Fleisch, sondern um Zwang. Das vor allem müssen Sie begreifen. Die Welt muß nicht an Ihren Vorstellungen genesen.

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