Etikettenschwindel

von André Freud:

Man stelle sich vor, es würde in Deutschland eine Partei gegründet werden. Die schreibt in ihr Grundsatzprogramm einige gute Dinge hinein – etwa Regeln des Zusammenlebens, die sie für richtig erachtet, und allgemeine Ziele in Bezug auf soziale Gerechtigkeit. Diese Partei fordert dazu auf, gesetzeskonform zu leben. Viele gute Dinge also.

Zugleich aber schreibt diese Partei auch einige andere Dinge in ihr Grundsatzprogramm. Etwa den Aufruf, alle Menschen zu bekämpfen, die diese Partei nicht zu der ihren machen wollen. Oder den Aufruf, Menschen zu töten, die einer anderen Partei anhängen. Diese Partei erhebt ferner die Forderung, daß die eine Hälfte der Menschheit mit anderen, geringeren Regeln ausgestattet wird als die andere Hälfte. Und dergleichen mehr.

Was würde mit einer solchen Partei geschehen? Richtig: sie würde schneller verboten werden, als man schauen kann. Und zurecht.

Es gibt diese Partei, und sie ist nicht verboten. Warum? Weil sie nicht das Etikett „Partei“ trägt, sondern das Etikett „Religion“.

Freilich: der weit, weit überwiegende Teil dieser Religion hat sich von diesen schlechten Forderungen des „Programms“ längst verabschiedet. Es gibt auch in Christen- und Judentum in den alten Quellen so manchen Satz, der in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat, mehr haben darf, und die weitaus allermeisten Christen und Juden haben das seit langem nicht nur akzeptiert, sondern sich auch theologisch davon freigemacht. Im Islam ist das insofern ähnlich, als die weitaus meisten Moslems gewisse Inhalte des Korans, der Haditen und so weiter nicht mehr als Richtschnur akzeptieren. Es gibt aber auch eben die anderen – und die werden, wie in einer von allen großen Medien letzte Woche besprochenen Umfrage deutlich wurde, nicht weniger, sondern mehr.

Diese Radikalen betreiben Etikettenschwindel. Sie haben ein knallhartes politisches Programm, für das sie unter dem grundgesetzlichen Schutz der Religionsfreiheit agitieren. Es ist nicht nur die Aufgabe der deutschen Gesellschaft, sondern insbesondere die Aufgabe der normalen Moslems, gegen solche Bestrebungen Front zu machen.

Davon hört man leider wenig, zu wenig. Es ist an der Zeit, daß hier mehr geschieht. Das wäre ein elementarer, das ist ein unverzichtbarer Prozeß, wenn man Integration redlich meint.

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