Von der Erotik der Politik

von André Freud:

OB Uli Maly tat uns gestern in der Abendzeitung den Gefallen, in Bezug auf die Kinderhorte von mangelnder „Erotik“ zu sprechen. Ein schönes Sprachbild. Es zielte darauf ab, daß der OB zwar nicht wirklich mosern kann, was die Unterstützung der Bundesregierung wie auch der bayerischen Staatsregierung betrifft. Die zugesagten Gelder werden in vollem Umfang zur Verfügung gestellt, aber in Nürnberg stockt der Aufbau. Zum einen, weil nicht ohne weiteres ausgebildete Erzieher zu bekommen sind. Maly beklagt, man hätte vor fünf Jahren mit deren Ausbildung beginnen müssen. Das ist so derartig entlarvend, daß es ein wenig erläutert werden muß.

Wie hätte denn der OB es lieber gehabt? Man stelle sich vor, die Bundesregierung hätte beschlossen, daß der Ausbau der Kindertagesstätten erst 2016 auf volle Touren kommt, weil man bis dahin lediglich die Ausbildung von Erizehern betreiben würde. Was hätte Uli Maly dazu – vermutlich – gesagt? Man braucht nicht allzu viel Phantasie, um sich das auszumalen. Da wäre von Verzögerung und Verschleppung die Rede gewesen. Es fällt mir nicht schwer, vor meinem inneren Auge Demonstrationen entsetzter Kampfmütter zu sehen, die ihre ahnungs- und willenlosen Kleinkinder voller Betroffenheit in jede sich ihnen darbietende Kamera halten und ihre Verzweiflung darüber ausdrücken, sich selbst um den Nachwuchs kümmern zu müssen. Und was würde ein SPD-OB dazu wohl sagen? Er würde aufs Heftigste kritisieren, daß die Bundes- und die Staatsregierung unentschlossen handeln, daß sie zu langsam handeln… Bigotterie? Ein Schelm, wer solches denkt!

Malys Kritik ist noch an anderer Stelle substanzlos und zeugt von einem tiefen Unverständnis der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Wir haben keine staatliche Steuerung der Ausbildungen. Die gab es in der DDR, aber nicht in der Bundesrepublik Deutschland. In der DDR wurde nach Plan ausgebildet. Brauchte man Schweinemäster oder Ingenieure, dann wurden eben entsprechende Lehrstellen oder Studienplätze angeboten. Bei uns erlernen die Menschen die Berufe, die sie erlernen wollen, oder studieren an denjenigen Fakultäten, an denen sie eben studieren wollen. Die Ankündigung, daß in fünf Jahren zahlreiche Kindertagesstätten, Horte und so weiter eingerichtet werden sollen, wird sicherlich keinen Ansturm auf die entsprechenden Ausbildungen auslösen – ganz abgesehen davon, daß deswegen noch lange keine Ausbildungsplätze zur Verfügung stehen.

Es ist also nicht nur so, daß der erste Teil von Malys Kritik völlig fehl geht und der zweite Teil von völlig irrigen Annahmen darüber ausgeht, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Es ist vor allem so, daß der OB von selbstgemachten Problemen ablenken will. Im gleichen Artikel berichtet die AZ, daß Maly darüber klagt, daß es schwer sei, geeignete Räumlichkeiten zu finden. In der Altstadt, so der OB, sei es schwierig, Räume zu finden, die im Erdgeschoß liegen, einen Garten haben und so weiter. Ja, verflixt! Und da soll jetzt wohl die Bundeskanzlerin oder die bayerische Sozialministerin gefälligst nach Nürnberg kommen und die Altstadt umbauen? Ist es nicht vielmehr so, daß man jetzt – also: reichlich spät – sich in Nürnberg an die Arbeit gemacht hat, um sodann festzustellen, daß die Realität gelegentlich ein paar zu bewältigende Aufgaben bereit hält?

Es soll nicht gesagt werden, daß die Aufgabe eine leichte sei und daß sie auf dem behäbigen Verwaltungswege gelöst werden könne. Aber was bitte kann ein Oberbürgermeister erwarten? Er bekommt die gesetzliche Grundlage, und er bekommt das Geld. Was will er denn noch? Ein klein wenig gestaltende Arbeit darf man ihm doch wohl noch zumuten. Daß der OB das „unerotisch“ findet, ist sein gutes Recht. Es spricht aber nicht gerade dafür, daß er der Notwendigkeit, gestaltend zu wirken, irgend etwas abgewinnen kann. Dabei sollte das eigentlich das „Erotische“ an der Tätigkeit eines Oberbürgermeisters sein. Dem scheint der Verwalter Maly aber nichts abgewinnen zu können, nichts abgewinnen zu wollen.

Ein ähnlich ungewöhnliches Verhältnis zur Realität scheint der für den Sport zuständige Bürgermeister Förther zu haben. Wie man heute in den Nürnberger Nachrichten lesen kann, brachte der Herr Förther folgenden Satz zustande:: „….Mittlerweile muß ich schauen, daß ich 40.000 € herbekomme – und da muß ich selbst anrufen.“

Ja, da legst dich nieder! Der Herr Sportbürgermeister beklagt, daß er für eine Spende von 40.000 € selbst zum Telefon greifen muß. Das, lieber Herr Förther, ist genau der Grund, warum Sie zu wenige Sponsoren haben. Denn wenn einer dafür, daß er Ihnen Geld überläßt, sich auch noch öffentlich so abmeiern lassen darf, daß er Ihnen kaum einen Telefonanruf wert ist, dann brauchen Sie sich wahrlich nicht darüber zu wundern, daß die Sponsoren bei Ihnen nicht Schlange stehen! Wenn es Ihnen zuviel abverlangt ist, daß Sie die, die Ihnen Geld zur Verfügung stellen, sogar schon bei einem Betrag von 40.000 € selbst anrufen sollen – dann, Herr Förther, läuft da etwas grundsätzlich schief. Wäre ich ein Sponsor, würde mir diese Aussage von Ihnen Grund genug sein zu sagen: Wenn der Förther sich bei 40.000 € pro Anruf für unterbezahlt hält, ist der gute Mann für mich eine Nummer zu groß, zu edel, zu hoch über mir stehend. Ich suche mir jemanden, den ich sponsoren kann und will, und der sich nicht zu fein ist, für meine Unterstützung ein klein wenig höflich zu sein.

Der Oberbürgermeister vermißt die Erotik seiner Arbeit, und der Bürgermeister fühlt sich nicht angesprochen, wenn er für 40.000 € telefonieren muß. Irgend etwas läuft im Nürnberger Rathaus gewaltig schief. Hybris, meine Herren, kommt vor dem Fall. Und vor der Wahl.

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Ein Kommentar

  1. Andre, das war jetzt nicht fair von dir. Du schreibst von Erotik der Politik und dann kommt als erstes das Bild von Maly. Willst du, dass deine Leser Herzinfarkt bekommen?
    Sonst, sehr gut geschrieben.

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