Für dumm verkauft

von André Freud:

Es  war einmal… Der weise und kluge Rat der Stadt Nürnberg beschließt, daß der Mensch an und für sich und insbesondere der, der in Nürnberg wohnt oder sich dort, beispielsweise als Tourist, aufhält, gefälligst mehr und öfter mit dem Rad fahren möge. Zu diesem Behufe, so der Rat, frommte es der Stadt, wenn es Fahrräder gäbe, die jeder sich einfach nehmen könnte, an ganz vielen Stellen in der Stadt, und sie ebenso einfach auch wieder los würde.

Wir leben in einer sozialen Marktwirtschaft. Das heißt, recht verkürzt: wir haben die Tatsache anerkannt, daß im Allgemeinen der Markt, also das Spiel zwischen Angebot und Nachfrage, die meisten Probleme besser richtet als jede andere Form der Steuerung. Dort, wo der Markt Ungerechtigkeiten hervorbringt oder zu viele Menschen links liegen läßt, greifen ordnungspolitische Maßnahmen, um dem Markt auf die Sprünge zu helfen, und deswegen eben ist es eine soziale Marktwirtschaft.

In einer Marktwirtschaft wird es dann einen Fahrradverleih geben, wenn er sich rechnet, wenn er ein wirtschaftliches Erfolgsmodell ist. Sollte ein solcher Fahrradverleih politisch gewollt sein, aber sich nicht ohne weiteres rechnen können, dann kann über politische Maßnahmen nachgedacht werden, die dem Vorschlag zum Erfolg verhelfen – beispielsweise Fahrrad-Depots auf öffentlichem Grund, Wartung der Räder durch die städtische NOA und anderes mehr. Wenn es sich dann rechnet, ist es gut. Zu diesem „sich rechnen“ mag man durchaus auch Vorteile hinzu addieren, die sich schlecht in € ausdrücken lassen, wie beispielsweise eine bessere touristische Erschließung des einen oder anderen für Touristen interessanten Zieles oder eine Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs.

So oder so aber muß am Ende eine positive Bilanz möglich sein, ansonsten das Projekt als gescheitert anzusehen und zu beenden ist.

Soweit die Theorie.

Wie aber sieht die Praxis aus? Da wird gesschätzt, wie viele Menschen wie oft ein Rad mieten werden. Nun ist es so, daß das niemand wissen oder zuverlässig schätzen kann. Es gibt keine Erfahrungswerte. Was andere Städte an Erfahrungen gemacht haben, läßt sich nicht übertragen. Auch spielen sogenannte weiche Faktoren eine große Rolle: Wie leicht ist das System verständlich für Leute, die so etwas noch nie machten? Gibt es Hemmschwellen oder muß man ein Computer-Held sein, um sich zurechtzufinden? Was kostet es? Sind die Stationen an den richtigen Stellen? Wird an jedem Stand gleich viel ausgeliehen wie zurückgegeben? Werden die Fahrräder als solches von den potentiellen Kunden akzeptiert? Man sieht also: viele Fragestellungen, auf die es keine soliden Antworten geben kann, solange man nur Zahlen hat, die man sich aus den Fingern gesogen hat.

Nun kann es nicht überraschen, daß man in der Planung mit recht optimistischen Zahlen gearbeitet hat, schließlich war das Projekt von der zahlenmäßig größten Stadtratsfraktion, der SPD, gewollt. Weil aber zu befürchten war, daß bei diesen Planzahlen der Wunsch der Vater des Gedankens war, vereinbarte man: das Vorhaben dürfe nicht zum dauerhaften Zuschußbetrieb werden. Gesagt, getan: NorisBike, wie es auf Fränkisch-Englisch getauft wurde, erblickte das Licht der Realität.

Und dann kam sie, diese fiese Realität, und schlug zu. Geplant waren 21.000 Kunden im Jahr – es sind aber nur 8.000 Kunden. Geplant waren 142.000 Leih-Vorgänge, es wurden aber nur 45.000.

Die erste Erkenntnis lautet, daß bei den Planungen gepfuscht wurde, oder wenigstens Traumvisionen als Grundlage dienten. Wenn nur 38 % der erwarteten Kunden kommen, dann bedeutet das, daß 62 % – knapp zwei Drittel! – der erhofften Kunden ausbleiben. Bei den Verleih-Vorgängen ist die Fehlschätzung noch schlimmer: nur 32 % der geplanten Vorgänge fanden statt – also war nicht nur die Zahl der Kunden viel zu hoch geschätzt, sondern auch die Anzahl der Verleihvorgänge pro Kunde. So sieht’s aus, wenn die SPD mit Wirtschaft zu tun hat: am Menschen vorbei geplant, die Realität als Störfaktor bei den Überlegungen ausgeblendet – da wird der Wahnsinn zur Methode.Und wie reagiert nun der Sozialdemokrat als solcher? Gibt er zu, daß man absurd zu hoch geschätzt hat und aus der sich nun zeigenden Wirklichkeit den Schluß ziehen muß, das ganze Projekt neu zu überdenken? Nein, das tut er nicht. Wozu schließlich ist man Sozialdemokrat? Von der Richtigkeit und Wichtigkeit des Projekts überzeugt, hält man am Plan fest, komme, was da wolle. Das wäre doch gelacht!

Selbstkritik? Hinterfragen, ob die Idee wirklich so knorke ist? Fehlanzeige! Auch, als sich herausstellt, daß es nur in minimalem Umfange gelang, Autofahrer zum Umsteigen zu bewegen, sondern daß man vor allem Nutzer von Bussen und Bahnen aufs Rad locken konnte, die ganze Idee also Schiffbruch erlitt, sieht man bei der SPD keinen Grund, Fragen zu stellen. Stattdessen wird gemosert: die Anlaufphase sei zu kurz geplant, der Bund habe zu wenig Zuschüsse zugesagt und für eine zu kurze Dauer und was man derlei an tumben Ausreden mehr sich ausdenken kann. Denn für viele gilt: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs‘ noch Esel auf…

Und der Bürger? Der wird für dumm verkauft.

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