Dürer zurück ins Rathaus!

von André Freud:

Es ist für Nürnbergs Bürger nicht immer leicht, bei der Befassung mit der Geschichte unserer Stadt das rechte Maß zu finden. Weltweit wird der Name Nürnbergs mit der Zeit des Nationalsozialismus in Verbindung gebracht – bis heute ist das Wort, das zusammen mit „Nürnberg“ in Internet-Suchmaschinen am häufigsten eingegeben wird, das Wort „Nationalsozialismus“; die Suche bringt 773.000 Treffer.

Waren es auch nur zwölf Jahre, so wiegen sie doch schwer. Man tat deswegen nach dem Kriege recht daran, vor allem jene Zeit in das Bewußtsein der Öffentlichkeit zu rücken, dem Verdrängen zu widerstehen und sich nicht selbstgerecht vor diesem Thema zu drücken, sondern um der Gerechtigkeit willen redlich darzustellen, was war – von den jährlichen Selbstinszenierungen jener Partei bis hin zu den schändlichen Gesetzen, die auf immer mit dem Namen Nürnberger Gesetze verbunden sein werden, von antisemitischen Haßorgien bis hin zum ersten, großen Versuch, der Barbarei durch das Recht Herr zu werden, den Nürnberger Prozessen.

Es war richtig, diese nunmehr als historisch einzuordnenden Geschehnisse in den Mittelpunkt auch der städtischen Politik zu rücken. Das hatte unvermeidlich zur Folge, daß andere Epochen in den letzten gut sechs Jahrzehnten nachrangig behandelt worden sind. Das ist nicht zu kritisieren; man konnte das eine nicht tun, ohne das andere zu lassen, und man hat es insgesamt richtig getan.

Gleichwohl ist festzustellen, daß außerhalb der Kreise von Stand und Bildung das Wissen um die Geschichte der Noris unerfreulich gering ist. Vieles gäbe es zu wissen; wenig wird gewußt. Das ist freilich auch ein Effekt unserer Zeit, und den umzukehren wird der Lokalpolitik nicht möglich sein. Es gibt aber auch andere Ursachen für manche Geschichtsvergessenheit. Eine dieser Ursachen ist, daß es für eine Stadt wie Nürnberg erstaunlich wenige Räume und Orte gibt, an denen Geschichte jenseits der braunen Jahre erlebt, ersehen, erfahren werden kann – für Gäste wie für Bürger der Stadt.

Ein solcher Ort ist das Nürnberger Rathaus. An sich ein Ort, der eine großartige Gelegenheit bietet – aber ach, sie wird vertan. Nichts gegen die Lochgefängnisse, aber sie haben als Zielort für Touristen vor allem einen schaurigen Effekt, sie sind eine kleine Zeitreise, sie machen gruseln – vor allem aber sind sie relativ austauschbar. Derlei bedrückende Orte dessen, was wir heute so leichtfertig Unrecht nennen, gibt es vielerorts. Mit ihnen erschreckt man Kinder und graut sich selbst ein wenig, aber ob die nun in Nürnberg sind oder in Fürth, tut nicht wirklich viel zur Sache. Da wäre dann noch die Burg zu nennen, von deren Freiung wohl die meisten Bürger wie Besucher den großartigen Blick auf des Reiches Schatzkästlein warfen.

Die Burg, zu unterscheiden vor allem in Kaiserburg und Burggrafenburg, ist ein großartiger Ort der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Gleichwohl ist sie nur bedingt ein zentraler Ort der Geschichte der Stadt Nürnberg. Gewiß, die salischen und stauffischen Könige und Kaiser waren oft in der Noris gewesen, aber die Kaiserburg war eben ihre Kaiserburg, und die stolze und freie Reichsstadt hatte dort wenig zu vermelden und sich deswegen dort auch nur wenig in die Geschichte eingegraben.

Nürnberg verstand sich selbst als eine bürgerliche, patrizische Stadt. Über lange Zeit die reichste Stadt nördlich der Alpen, war man bestrebt, dem gesunden Selbstbewußtsein auch durch die Erschaffung großartiger Bauten Ausdruck zu verleihen. So entstanden eben nicht nur die uns heute schön anmutenden kleinen Häuser mit Fachwerk und Erkern, sondern eben auch die großartigen, das Gesicht der Stadt prägenden Monumente (spät-) mittelalterlicher Pracht, die von Befähigungen kunden, die Zeugnis ablegen vom Können und Wollen ihrer Bürger.

Glanzpunkt, Höhepunkt – und wohl auch in gewisser Weise Endpunkt dieser Entwicklung kulminierten in einem der größten Söhne unserer Stadt, verkörperten sich in der Person des Albrecht Dürer. Als ein hervorragendes, frühes Beispiel von gelungener Integration war der Sohn eines aus dem Ungarischen zugezogenen Goldschmieds einer der begabtesten, begnadetsten, auch erfolgreichsten Künstler der Renaissance. Der Rang, den südlich der Alpen Leonardo da Vinci einnimmt, behauptet nördlich der Alpen unser Dürer. Weltweit gehören sein Werk, sein Schaffen, sein Œuvre zum Lehrstoff von Kunstakademien und kunsthistorischen Fakultäten.

Sein Name ist auch denen, die sonst am Kunst- und Kulturbetrieb nur am Rande teilnehmen, Begriff und Programm. Das Albrecht-Dürer-Haus am Tiergärtnertor ist nicht nur deswegen ein Anziehungspunkt, weil es ein schönes, altes Fachwerkhaus ist – davon haben wir in Nürnberg mehrere -, sondern eben deswegen, weil es Dürers Haus war. Der enorme Erfolg der aktuellen Ausstellung „Der frühe Dürer“ im Germanischen Nationalmuseum legt Beweis ab für die ungebrochene, ja: steigende Wertschätzung, die Dürer heute erfährt. Seine Werke hängen in den Uffizien in Florenz, im British Museum in London, in der Wiener Albertina und im dortigen kunsthistorischen Museum, im Prado in Madrid, in Prags Nationalgalerie, in Münchens Alter Pinakothek und, natürlich, wenn auch nur zum kleinen Teil, im Germanischen Nationalmuseum.

1521 begann Albrecht Dürer mit der Ausmalung des größten Saales, den es nördlich der Alpen gab. Ein 40 Meter langer Raum, umwölbt von einer Tonne, der vielfach im Zentrum nicht nur der städtischen, sondern auch der Reichsgeschichte stand. Gewiß war einer der Höhepunkte das Friedensmahl nach dem Ende der Jahrhundertkatastrophe des 30jährigen Krieges im Jahr 1649.

Die Nürnberger hielten über Jahrhunderte hinweg an Dürers großem Werk fest. Gewiß war sein Stil aus der Mode gekommen, aber die Qualität dessen, was Dürer geschaffen hatte, überzeugte über die Jahrhunderte hinweg. In der Sixtinischen Kapelle läßt man die Deckenausmalung ja auch nicht übermalen, nur weil der Geschmack sich geändert hat. Freilich, man hat noch ein paar Dinge hinzugefügt, und man hat es immer wieder auf eine Weise renoviert, die einem heute sachverständigen Menschen Schauder über den Rücken jagen – man hat es eben so gut gemacht, wie man es seinerzeit machen konnte. Aber man behielt es bei.

Es geht nicht nur um das Wandgemälde. Albrecht Dürer schuf nicht nur dieses; er war für ein Gesamtkunstwerk verantwortlich, bei dem die Gemälde ein wesentlicher, aber eben nicht der alleinige Aspekt gewesen sind.

Es ist intellektuell kaum nachvollziehbar, warum sich Stimmen zu Wort melden, die die längst überfällige Wiederherstellung von Dürers Ausmalung, die an jenem schaurigen Abend des 2. Januar 1945 ein Raub von Bomben und Flammen wurde, ablehnen. Das Wort von der „Geschichtsklitterung“ ist gefallen – aber es ist falsch. Niemand will so tun, als sei nichts passiert. Aber eben so, wie die Dresdner ihre Frauenkirche und vieles andere wieder aufbauten, so haben auch wir Nürnberger nach 1945 vieles, vieles wieder aufgebaut. Wer gegen den Wiederaufbau alter Substanz redet, der soll dann aber auch bitte so ehrlich sein, und den Wiederaufbau der Kaiserburg kritisieren. Oder der beschädigten Kirchen. Der Bürgerhäuser. Des Peller-Hauses. Und wie sie alle heißen, jene Schätze der Vergangenheit, die wir gottlob und vielen engagierten Menschen zum Dank wiedererhalten haben. Es ist doch ein wenig arg einfach, die bisher bewältigte Wiederherstellung gut zu finden und das, was an bösen Narben noch der Verheilung harrt, als schlecht abzulehnen.

Der neulich Nürnberg besuchende, neue israelische Botschafter war überrascht und ein wenig enttäuscht darüber, daß man so viele historische Bausubstanz eben nicht wiederhergestellt hat, sondern – gerade am Hauptmarkt – mit beliebiger Nachkriegsarchitektur „ersetzte“. Wir Nürnberger müssen uns darüber im Klaren sein, daß es nicht nur mal eine Lust, mal eine Last ist, mit Nürnbergs Geschichte umzugehen, sondern eben auch eine Verpflichtung. Wie so oft, weist auch hier Goethe den Weg: „Was du ererbt von deinen Vätern hast,
erwirb es, um es zu besitzen“. Wir haben die Ruine des Rathaussaales von unseren Vorfahren geerbt – um es zu besitzen, müssen wir es uns erwerben. Dieses „Erwerben“ kann gewiß nicht dadurch erfolgen, daß man einen Eimer weißer Farbe an die Wand klatscht und achselzuckend weiter geht.

Es geht hier auch um das Selbstverständnis unserer Stadt, unserer Bürger und des Stadtrats. Nur der geht mit seiner Geschichte redlich um, der ihre dunklen Seiten ebenso wie ihre hellen Seiten gleichermaßen zur Kenntnis nimmt und nach außen darstellt. Wir wollen keine Beschönigung schlimmer Geschehnisse, und wir wollen kein Ignorieren wertvoller Aspekte.

Deswegen ist eine Debatte entstanden, wie mit dem Rathaussaal verfahren werden soll. Der Oberbürgermeister Maly hat sich mit diffusen Argumenten klar dagegen ausgesprochen. Bayerns Finanzminister Markus Söder, ein bewußter Nürnberger, und Nürnbergs Bundestagsabgeordneter Michael Frieser haben sich deutlich erklärt: sie halten die aktuelle Diskussion für notwendig und wichtig. Dabei geht es nicht um parteipolitische Interessen. Es sind natürlich vor allem die kunsthistorisch gebildeten Bürger, die vehement die Wiederherstellung von Dürers Wandgemälde fordern, und die mögen vielleicht öfter CSU als SPD wählen – weswegen mit dieser Debatte der Bürgersinn gerade der Konservativen gestärkt wird und sich Ausdruck verleiht, und weswegen die weitaus meisten CSU-Mitglieder sich für die Wiederherstellung aussprechen. Aber auch zahlreiche, der SPD nahestehende oder für sie im Stadtrat sitzende Bürger finden an der Diskussion Gefallen und nehmen an ihr teil. Hier nämlich geht es nicht um links oder rechts, hier geht es um das Selbstverständnis einer ganzen Stadt. Niemand kann und niemand wird den Nürnbergern jemals vorwerfen, daß sie einen Teil der Geschichte, nämlich die Zerstörung fast der gesamten Altstadt im letzten Kriege, kaschieren wollen, indem sie den Rathaussaal wieder in seinem früheren Glanz erstrahlen lassen.

So sah Nürnberg einmal aus:

Unsere Väter und Großväter bauten es wieder auf. An vielen Stellen mußte es zeitbedingt mit halben Maßnahmen erst einmal sein Bewenden haben – es mangelte an Geld, es fehlte manches Mal auch der erforderliche Schwung. Aber eben so, wie man auch – bis in die 70er hinein! – die Kaiserburg wieder aufbaute, so baute man auch den Rathaussaal wieder auf. Und dann ließ man ihn – weiß.

Die Augsburger machten es uns vor. Sie stellten ihren Saal wieder her – so, wie er einst war. Er ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Augsburgs, und er ist es zurecht.

Vielleicht gibt manchen in Nürnberg auch der hohe Anspruch zu denken, der mit der Ausmalung verbunden wäre. Im Zentrum der Dürerschen Wandbemalung ist der Wagen des Kaisers  Maximilian I., geführt und begleitet von den Tugenden und Attributen, nach denen (weitestgehend nicht nur zu Dürers Zeiten) sich die Mächtigen orientieren mögen: Iustitia (Gerechtigkeit), Clementia (Sanftmut), Bonitas (Güte), Victoria (Sieg – heute nicht mehr so ganz aktuell), Fortitudo (Stärke), Prudentia (Klugheit), Mansuetudo (Milde), Constantia (Beständigkeit), Securitas (Sicherheit), Fidentia (Zuversicht), Ratio (Vernunft), Gravitas (Erhabenheit), Perseverantia (Beharrlichkeit). Der Wagen rollt auf Rädern, auf denen die Werte Magnificentia (Herrlichkeit), Dignitas (Würde), Gloria (Ruhm) geschrieben stehen, und wird von Nobilitas (hoher Stand) und Potentia (Macht) gezogen. Man wünscht sich, daß die meisten dieser Werte wieder Einzug in den Rathaussaal nehmen. Und mit ihnen das Bekenntnis auch zu den großartigen Epochen der Geschichte der Stadt Nürnberg, die in Albrecht Dürer ihre Verdichtung, ihren Höhepunkt fand.

Dürers Wandbemalung zeigte noch mehr, anderes, ernsteres. Vor allem warnte Dürer vor einem: vor Fehlurteilen. Wahrlich, dieser Dürer war ein großer Geist. In einer Zeit, in der es nicht ohne Risiko war, die Mächtigen daran zu erinnern, daß auch sie einmal irren können, malte er ihnen eine solche Mahnung an die Wand. Mögen sich jene, die heute gegen die Ausmalung oder gar die Diskussion sind, diese Mahnung zu Herzen nehmen.

Oft schon hieß es, daß das eine oder andere Vorhaben erledigt sei, niemals würde realisiert werden. Zuletzt war dies beim Peller-Haus so – heute eines der großartigsten Projekte der Wiederherstellung, das Nürnberg aufzuweisen hat. Und wo sind sie heute, die Zögerer, die Zauderer? Sie schweigen. Sie werden wissen, warum.

Aktuell und noch in der kommenden Woche finden im Rathaussaal Videoprojektionen statt, bei denen man eine Ahnung (aber auch nicht mehr) erhalten kann, wie der Rathaussaal einmal aussah, bevor ihn die Schmach eines Eimers weißer Farbe ereilte. Die Bürger Nürnbergs stimmen mit den Füßen ab: die Veranstaltungen sind außerordentlich gut besucht, und die Äußerungen sind überwältigend in ihrer Einigkeit: Nürnberg will die Dürer-Ausmalung des großen Rathaussaales wiederhergestellt sehen.

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