Libertas Bavariae & stockkonservativ?

von André Freud:

Heute ist der Nürnberger Christopher Street Day. Nach einer gewaltsamen Aktion der New Yorker Polizei gegen Homosexuelle in der Christopher Street in Manhattan benannt, finden diese Feste mittlerweile so ziemlich überall statt. Anlaß genug für ein paar grundsätzliche Gedanken.

Libertas Bavariae

Der Begriff „Libertas Bavariae“, die Freiheit der Bavaria, läßt sich vielleicht flapsig, aber doch recht zutreffend definieren als „Leben und leben lassen“. Dazu gehört, daß es zunächst einmal den Staat nichts angeht, wer mit wem was macht, solange beide alt genug sind, Strafgesetze nicht verletzt werden und beide einverstanden sind. Wohlgemerkt: den Staat geht es nichts an. Deswegen hat der Staat auch niemanden zu benachteiligen, nur weil der anders lebt als es die Mehrheit tut. Das ist Privatsache – leben und leben lassen.

Wenn es den Staat nichts angeht, geht es denn dann die Gesellschaft etwas an? Das läßt sich so leicht nicht beantworten. Zum einen kann man der Gesellschaft nichts diktieren. Wenn Eltern erleben, daß ihr Kind homosexuell ist, dann wird in den meisten Fällen sich keine Begeisterung breit machen. Sind diese Eltern deswegen schlechte Menschen? Ich denke: nein. Natürlich sollten diese Eltern sich bemühen, damit vernünftig umzugehen, aber daß sie das als gute Nachricht aufnehmen, kann man von ihnen nicht verlangen.

Genau deswegen gibt es die Libertas Bavariae. Die braucht man nicht, wenn sowieso alle glücklich sind – die braucht man dann und nur dann, wenn die Freiheit eines Menschen bedrängt ist, in Gefahr ist – dann muß man an sie erinnern. Deswegen ist es richtig, daß es keinen § 175 StGB mehr gibt, deswegen ist es richtig, daß die Homosexuellen-Szene aus der anrüchigen Ecke heraus ist.

Homosexuelle sind eine Minderheit, der staatlicher Schutz gebührt. Sie sind nicht zu diskriminieren. Punktum.

Stockkonservativ

Minderheiten sind keine Mehrheiten. In einer Gesellschaft ist es das Recht der Mehrheit, den Ton anzugeben, und die Pflicht der Mehrheit, die Minderheiten nicht repressiv zu behandeln. Recht der Minderheit ist es, im Rahmen der allgemeinen Handlungsfreiheit das eigene Leben so zu gestalten, wie sie es für sich wünscht; es ist kein Recht der Minderheit, der Mehrheit ihre Lebensweise zu oktroyieren oder aber als durch und durch gleich im Sinne von gesellschaftlich prägend, oder, ich wage das große Wort, als Leitkultur durchzusetzen.

Man kann dies an Themen wie dem Adoptionsrecht oder dem Eherecht festmachen. Homosexuelle sind insofern gleichberechtigt, als sie eine auf unbegrenzte Zeit (Grüß Gott, Frau Pauli) angelegte Partnerschaft juristisch beurkunden können. Oft wird vergessen, daß auch die Ehe juristisch nichts anderes als ein Vertrag ist. Damit sind Homosexuelle gleichberechtigt. Das Recht kennt nämlich nicht nur die Diskriminierung, sondern auch die Privilegierung. Der Gesetzgeber, der Staat darf bestimmte Gruppen bevorzugen. Das darf er dann, wenn es dafür Gründe gibt, die nicht willkürlich sind. Eine solche Bevorzugung läßt der Staat der Ehe angedeihen. Die Ehe, als Partnerschaft zwischen Mann und Frau, die grundsätzlich auch dem Entstehen einer Familie, also der Nachkommenschaft, dient, ist die Grundlage des Staatswesens. Ganz simpel: der Staat hat einen Vorteil, wenn Ehen geschlossen werden. Von anderen Partnerschaften hat er einen geringeren oder keinen Vorteil. Deswegen darf der Staat Ehen im Vergleich zu anderen Partnerschaften bevorzugen, also privilegieren.

Kritik an Entwicklungen

Wohl jeder Mensch gehört in Bezug auf irgend etwas einer Minderheit an. Linkshändigkeit, Glatze, einen Migrationshintergrund offenbarenden Familienname, ostpreußischer Zungenschlag, Vegetarismus, Buddhismus, Langschläfertum – all das und noch viel mehr können menschliche Eigenschaften und Attribute sein. Manches davon hat man selbst so entschieden, anderes bekam man durchs Erbgut oder durch die Erziehung mit. Es geht nicht um die Frage, ob man an solchen Eigenschaften etwas ändern kann, denn es wäre kein guter Staat, der von seinen Bürgern fordert, daß an solchen Eigenschaften etwas geändert werden muß. Gleichzeitig aber müssen wir alle anerkennen, daß Minderheiten im allgemeinen keinen Anspruch darauf haben, daß die Mehrheit sich nach ihnen richtet. Niemand kann fordern, daß beispielsweise die VAG-Automaten auch links einen Geldeinwurf haben, damit er für Linkshänder zu bedienen ist, ohne das Display zu verdecken. Oder daß man seinen Namen ändern darf, nur damit ein Migrationshintergrund kaschiert wird, oder daß die Durchsagen am Nürnberger Hauptbahnhof in ostpreußischem Dialekt zu erfolgen haben, damit sich gefälligst alle an diesen Klang gewöhnen, oder daß Werner Behringer im Bratwursthäusle nur noch Tofu-Bratlinge serviert, damit die Vegetarier happy sind, oder keine Termine vormittags vereinbart werden dürfen, um die Langschläfer nicht zu „diskriminieren“.

Genau an dieser Stelle allerdings verlassen einige Interessenvertreter von Minderheiten den Weg, der als der richtige Weg bezeichnet werden kann. Es ist nicht richtig, jede mögliche Form von Lebenspartnerschaft gleich zu handhaben. Es ist nicht richtig, wenn irgend jemand fordert, daß keine tierischen Produkte gegessen werden dürfen, oder daß sich jeder eine Glatze rasieren muß, nur weil manche mit Glatze unter ihrer Haarlosigkeit leiden, sich also vielleicht „diskriminiert“ fühlen.

Die Freiheit des einzelnen endet immer an der Freiheit des anderen. Nicht alles, was es gibt, ist gleich. Deswegen sind Menschen, die öfter an Freiheitsgrenzen stoßen als andere, nicht schlechter als diese anderen – aber man muß eben für sich selbst auch akzeptieren, daß man als Angehöriger einer Minderheit gesellschaftlich und zuweilen gesetzlich zwar Minderheitenrechte hat, aber eben auch nur die Minderheitenrechte, und daß man nicht für sich in Anspruch nehmen kann, der Mehrheit den eigenen Willen aufzuzwingen.

Wenn ich erleben sollte, daß jemand einen Homosexuellen attackiert, weil er homosexuell ist, dann wird dieser Jemand mich kennenlernen, und zwar nicht von der freundlichen Seite. Und wenn ich erlebe, daß der Homosexuelle fordert, die Gesellschaft oder der Staat sollen gleichgeschlechtliche Beziehungen, aus denen naturaliter kein Nachwuchs hervorgehen kann, mit der Ehe gleichstellen, dann werde ich ihm entgegentreten und seine Forderung zurückweisen.

Was bin ich nun? Liberal? Stockkonservativ?

Bild: GoogleEarth

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Ein Kommentar

  1. zat sagt:

    Wenn ich erleben sollte, daß jemand einen Linkshänder attackiert, weil er seine Münze in den Geldeinwurf des VAG-Automaten wirft, dann wird dieser Jemand mich kennenlernen, und zwar nicht von der freundlichen Seite.
    Und wenn ich erlebe, daß der Linkshänder fordert, den Münzeinwurf des VAG-Automaten gleichberechtigt mitbenutzen zu können, dann werde ich ihm entgegentreten und seine Forderung zurückweisen.
    Was bin ich nun? Liberal? Stockkonservativ?

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