Doofdorfer Nachrichten

von André Freud:

Die Herrschaften von der NN müssen die Nürnberger für doof halten.  Gestern fand im Rathaus die Eröffnung von „Dürers Triumphzug – eine multimediale Zeitreise“ statt.  Die Abendzeitung berichtet ordentlich und ausführlich, die NZ sogar mit erfreulicher Opulenz auf der erster Seite oben und im Lokalteil beinahe ganzseitig. Es wird geschildert, welche Bedeutung Dürers Ausmalung des großen Rathaussaales hatte, daß in der Stadt fleißig diskutiert wird, ob das Wandgemälde wiederhergestellt werden soll. Vieles spricht dafür, und auf die vorgebrachten Contra-Argumente hat Karl Heinz Enderle, der Chef der Altstadtfreunde, stichhaltige Antworten parat. Man sollte also meinen, daß auch die NN als auflagenstärkstes Nürnberger Blatt über diese Veranstaltung, auf der das gesamte nichturlaubende Who is Who der Stadt anwesend war, angemessen berichtet.

Seite 1 der NN? Nichts. Im Lokalteil? Nichts. Nur ein Bericht über eine Nürnbergerin, die ihre Wohnung zu einer Art Privat-Dürer-Museum ausgestaltet hat. Nett – aber was ist mit dem Höhepunkt der Dürer-Tage? Man macht sich auf die Suche – und wird im Kulturteil fündig. Da kommt ja nun garantiert kein Leser vorbei, der nicht ohnehin schon informiert wäre. Und dort steht dann ein Artikel, besser gesagt; ein „Artikel“, ein sogenannter Artikel. Einseitig bis zum Exzeß, radikal im Unterdrücken einer anderen Meinung als sie jemand hat, den der Leser wohl schon erahnt: Unser Herr Oberbürgermeister Maly, haltenzugnaden. Der nämlich hält von jeder Form von Kunst, die älter ist als er, offenkundig wenig bis gar nichts. „Weg mit dem alten Ramsch“, scheint seine Devise – nur unwillentlich und mit sichtlichem Mißvergnügen kümmert sich der OB um die kulturreiche Vergangenheit der Stadt. Also sprach Maly zur Eröffnung, und fast seine gesamt Rede benutzte er, um in vielen Variationen „Nein“ zu sagen zur Wiederherstellung des größten und eines der großartigsten Werke, das Albrecht Dürer schuf.

Was also schreibt die NN? Einen rhetorisch mäßigen Abklatsch der Maly-Rede. Um ja keinen Platz für Informationen zu vergeuden, wird der ganze „Artikel“ dazu benutzt, „Nein“ zu sagen. Gründe werden nicht benannt – ebensowenig wie in der Maly-Rede. Man verschanzt sich hinter Pseudoargumenten wie dem, daß in einer Bilder-Serie, der von 1943, angeblich nur 70 % des Gemäldes festgehalten wurden. Daß das kein Argument ist, weiß Enderle: lediglich banale Verzierungen wurden nicht photographiert. Außerdem gibt es zahlreiche Photos anderer Photographen, die auch diese Teile zeigen. Es wäre also kein Problem, das Gemälde insgesamt in dem Zustand wiederherzustellen, den es bis zu jenem schaurigen Abend des 2. Januer 1945 hatte.

Was die NN als Artikel tarnt, ist in Wahrheit ein Kommentar. Freilich darf jede Zeitung einen Kommentar bringen, freilich darf sie eine Meinung haben und die auch äußern. Und natürlich ist die NN dagegen, denn schließlich gilt es in den Redaktionsstuben dieses Blattes offensichtlich als schlimmes Vergehen, nicht die Meinung zu vertreten, die der OB vorgibt. Schlimm und bedauerlich ist, daß in diesem Blatt – und wahrlich nicht zum ersten Male! – das, was man mit Hanns Joachim Friedrich guten Journalismus nennen kann, nicht stattfindet: „Ein Journalist darf sich nicht gemein machen. Auch nicht mit etwas Gutem“. Aber derlei hat man in der NN noch nicht vernommen. Pech nur für die, die sich da anmaßen, den Menschen eine Meinung als Meldung zu verkaufen, daß immer mehr Menschen sich nicht nur aus der NN, sondern auch aus anderen Medien, aus dem Internet informieren. Deswegen wird der Versuch, in Nürnberg nur eine Meinung zuzulassen, nicht funktionieren. Um so peinlicher ist es, was die NN treibt. Wirklich schlimm aber ist, daß man offensichtlich den Leser für doof hält. Eine solche, meinungsbevormundende und meldungssunterdrückende Manipulation der öffentlichen Meinung mag man in Doofdorf probieren. Aber bitte nicht bei uns.

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