Am Rande bemerkt

von André Freud:

Im Zuge der Euro-Krise, Finanzkrise oder wie immer man das nennen möchte, bleibt manches im hysterischen Geblöke all derer, die mit immer schauerlicheren Märchen einfach ihre Gaudi haben zu wollen scheinen, auf der Strecke. Vor allem dies: sachliche Information. Sehr viele Menschen wissen nicht, wovon sie reden, aber je weniger sie wissen, desto lauter meinen sie ihre „Meinung“ in die Welt hinausposaunen zu müssen. Das ist dann zwar nicht so sehr eine beachtenswerte Meinung, die auf Wissen basiert, sondern eher eine Art emotionaler Rülpser, der aus Nichtwissen, Vorurteilen und indifferenten Ängsten besteht – aber das kümmert den Rülpserer nicht, und leider findet der auch in der Politik immer wieder dankbare Abnehmer des Abgesonderten. So kochen etwa FW-Chef (und Entdecker der abdrehenden Gabi Pauli) und SPD-Chef und Mutterurlauber Sigmar Gabriel ihr populistisches Süppchen aus der Angst der Menschen. Angst haben sie nicht aber nicht etwa deswegen, weil es sachlich Grund zur Angst gäbe – Angst haben sie, weil sie die Dinge oft nicht verstehen. Und was wir nicht verstehen, das macht uns Angst, und was uns Angst macht, das lehnen wir ab.

So gehört zu den Zombies der Vorurteile, die einfach nicht totzukriegen sind, daß der Euro ein Teuro sei. Hier mischt sich alles mögliche zu einem Konglomerat von Unwahrheiten zusammen, die so stark geglaubt werden, daß jeder es zu wissen meint. Untilgbar die urban legend, daß man ein Lokal kenne, bei dem die Beträge in der Karte in € nach der Währungsumstellung exakt die gleichen wie zuvor in DM gewesen wäre – also ein Quasiverdopplung vollzogen worden wäre. Keiner wundert sich darüber, daß trotz dieser angeblichen Preisexplosion die Menschen weiterhin in dieses Lokal gegangen sein sollen. Keiner wundert sich über gar nichts, aber im Glauben, da sind sie stark. Viele Menschen glauben nach wie vor, daß die DM furchtbar stark gewesen sei. Das stimmt zwar zum Teil, aber es stimmt nur zu dem Teil, den die meisten Menschen aufgrund der Komplexität wirtschaftlicher Zusammenhänge sowieso nicht kapieren (wollen): die DM war in den ersten 30 Jahren ihres Bestehens weltwirtschaftlich eine solide Ankerwährung. Das lag daran, daß nach Einführung der DM 1948 und Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 unser Staat dem Abkommen von Bretton Woods beitrat. In diesem Abkommen, aus dem übrigens Weltbank und IWF hervorgingen, war erstens der damals Gold-gedeckte Dollar die Leitwährung und zweitens die anderen Währungen waren zueinander und zum US-Dollar in einem System mit Wechselkursbandbreiten aneinander gekoppelt. Wenn jetzt z.B. die italienische Lira ihren Wechselkursrahmen nach oben oder unten (real: nach unten) zu durchbrechen drohte, dann hatte Italien zwei Möglichkeiten. Entweder nichts zu tun, dann wäre Italien aus Bretton Woods rausgeflogen und hätte das durchgemacht, was Griechenland heute droht. Oder aber die eigene Währung abzuwerten, also den Kurs durch politische Schritte zu verändern. Dann wäre ein neuer Rahmen für die Lira vereinbart worden, Italien hätte eine finanzielle Abwertung in einem Schritt durchgemacht, und es wäre weitergegangen. In dieser Hinsicht war die DM stabil, äußerst stabil – aber das ist relativ zu sehen: die DM war eben stabiler als die Lira oder der Franc. Auch eine Leistung, ganz gewiß; aber eben nicht das, was heutige sachlich ahnungslose Vergangenheitsverklärer die Leute glauben machen wollen, obwohl es partout nicht stimmt.

Nach der Aufgabe der Golddeckung des US-Dollars und der Loslösung des $-Kurses von Goldkurs durch Präsident Nixon im Jahr 1971, nach der Freigabe des $-Wechselkurses 1973 war das genannte System von Bretton Woods die (einzige) weltweit das Funktionieren von Währungen sicherstellende, infrastrukturelle Ordnung. Innerhalb Europas wurde, nachdem die EU-Staaten nicht mehr so gerne von Bretton Woods und damit vom $ abhängig waren, 1979 der ECU eingeführt. Er war eine Art Bretton Woods en miniature: die einzelnen Währungen der damals neun (!) EWG-Staaten wurde zueinander in ein Verhältnis gesetzt, und wenn auf den Devisenmärkten eine den festgesetzten Rahmen durchbrechende Kursentwicklung einer dieser neun Währungen stattfand, mußte durch Aufwertungen gehandelt werden. Aus dem ECU wurde übrigens, eins zu eins umgetauscht, der Euro. Schon Ende der 1970er Jahre konnten Konten in ECU geführt werden. Es gab Reisechecks in ECU, man konnte EuroSchecks in ECU ausstellen – das taten zwar nur wenig, aber es zeigte: der € fiel 1999/2002 nicht vom Himmel. In diesem ganzen Bandbreiten- und Wechselkurssystem war die DM zwar stark, aber sie verlor mit der Zeit durchaus an Gewicht. War sie 1979 noch mit 32,98 % am Außenkurs des ECU beteiligt, so waren es Ende 1998, als der € den ECU zunächst als Buchwährung ablöste, noch 31,955 %. Aber trotz des leicht sinkenden Anteils an der ECU-Kursbildung war die DM in dieser Hinsicht gewiß eine starke Währung. Sie war hart – im Verhältnis zu anderen europäischen Währungen, und phasenweise (aber keineswegs immer!) auch zum Dollar.

Ganz anders jedoch war die DM keine besonders stabile Währung, was die Inflation betraf. Man hat wohl seitens derjenigen Menschen, die die Vergangenheit aufzuhübschen suchen, die aber die Zukunft am liebsten als Schreckensbild malen, diese ziemliche Schwäche der Mark komplett aus der Erinnerung gelöscht. Die DM hatte durchschnittlich über 3 % Inflation, in den 1970er Jahren, als im öffentlichen Dienst unter Kanzler Willy Brandt zweistellige (!) Lohnerhöhungen abgeschlossen wurden, stieg sie bis auf 7 %. Das hatte zur Folge, daß von der Kaufkraft einer 1-DM-Münze von 1949 fünfzig Jahre später nur noch ungefähr 20 Pfennige übrigblieben – oder 10 Cent. Und jetzt sind wir auch ganz schnell zwei Legenden auf der Spur, um sie als Legenden zu entlarven. Der Euro hat durchgängig eine deutliche niedrigere Inflation – ist also weitaus stabiler als die DM. Und: viele der als Beleg für die angebliche Schwäche des € angegebenen Beispiele stimmen nicht nur nicht – sie sind sogar, wenn man denn nur endlich die Tatsachen zur Kenntnis nehmen möchte, sogar Belege für das Gegenteil dessen, was sie beweisen sollen. Ein sehr beliebtes Beispiel ist der Benzinpreis. Alle denken, daß Benzin so furchtbar teuer geworden sei. Aber dadurch, daß das alle sagen, wird es auch nicht wahr. Hier die inflationsbereinigte Entwicklung der Kraftstoffpreise:

Zu beachten ist: diese Grafik zeigt die Basis von 2005. Seither ist er in der Tat gestiegen. Aber natürlich legt diese Grafik bloß, daß Benzin heute in etwa so viel kostet wie im Jahr 1950. Wer hätte das gedacht?

Jeder, der erkennt, daß er das nicht wußte, sollte in sich gehen und sich klarmachen: wenn man nicht einmal das wußte, dann sollte man womöglich seine ganzen bisherigen Aussagen zu diesem Thema überprüfen. Man sollte sich schlau machen, man sollte sich einlesen, um zu kapieren, wovon man eigentlich redet. Und dann möge man den Mund wieder öffnen. Oder aber man erkennt, daß einem dieses Thema nicht liegt. Dann braucht man sich nicht einzulesen, aber dann möge man auch bitte das Herumschwadronieren einstellen. Und man möge, auch wenn Bashen heute so wunderbar in Mode ist, erkennen, daß unsere Politik, im Bund von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble und in Bayern von Horst Seehofer und Markus Söder, eine gute Politik ist, die unser aller Vertrauen verdient.

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