Wanderer zwischen Zeiten und Welten

von André Freud:

Manches, was so geschieht, ist verständlich. Anderes ist rätselhaft – und bleibt auch bei näherer Beschau rätselhaft. So verkündete unser aller oberster Oberbürgermeister Uli Maly, in – natürlich erlaubter – Übernahme eines hier zuvor gebrauchten Ausdrucks, daß er ein „analoger Oberbürgermeister“ sei, was er im Übrigen positiv meint.

Das mit dem „analogen Oberbürgermeister“ soll natürlich, wenn der OB es sagt, ganz charmant klingen, es soll den Eindruck einer geruhsam-gründlichen Arbeitsweise erwecken, soll solide klingen. Aber wer würde noch sein Auto in eine Werkstatt ohne Computer geben? Wer würde zu einem Rechtsanwalt gehen wollen, dessen elektronische Büroausstattung aus einer IBM-Kugelkopfschreibmaschine aus den frühen 1980ern besteht? Die von Maly hier in Szene gesetzte Gemütlichkeit seiner Arbeitsweise kann auch durchaus negativ beurteilt werden. Wer sich den technischen Möglichkeiten auch in der Kommunikation weitgehend verschließt, arbeitet nicht geruhsam, sondern etwas abgehoben. Ein Privatmann darf natürlich sagen, daß ihn all der neumodische Krimskrams nicht interessiert, und so mancher, der den ganzen Tag mit diversen Geräten online ist und sich so zum Knecht der neuen Zeit macht, wird zuweilen mit einer gewissen Begehrlichkeit auf diese Lebensweise schauen, die sich davon völlig frei hält. Der OB allerdings ist kein Privatmann, der sich ohne weiteres der Teilnahme an der Gegenwart verweigern könnte, ohne daß dessen Arbeit darunter litte.

Daher ist es wohl nicht unangebracht, Maly als einen Wanderer zwischen den Zeiten anzusehen. In der Welt von 2012 sind auch für Manager (und was ist ein OB anderes?) die digitalen Kommunikationsformen etwas Unausweichliches, ob er sie nun mag oder nicht. Wähend also draußen das Jahr 2012 stattfindet, praktiziert Maly bei sich 1980. Immerhin hat er die Existenz von Telefonen und Faxgeräten akzeptiert. Ist ja auch schon etwas.

Im „Nürnberg extra“ der NN von heute wird die nächste „mobile Bürgerversammlung“ des OB angekündigt. Das Programm: Treffpunkt am Schönen Brunnen am 31.07.2012 um 1700, dann folgendes Programm:

  • Schillerplatz, „Nordstadtgärten“ (ehem. Tucher-Areal)
  • Betriebsbesichtigung in der Thurn-und-Taxis-Straße (1800)
  • „IQ-Projekt“ in der Leipziger Straße 53 um 1900
  • Jugendkirche Lux (nebenan) um 1930
  • Besuch bei den Kleingärtnern Oedenberger Straße 112 und Kieslingstraße 33

Aha. Jetzt stellen wir uns mal ganz dumm und fragen: Was ist eine Bürgerversammlung? Ein unebefangener Mensch, ein Bürger eines demokratischen Gemeinwesens, würde darunter doch wohl etwas vermuten, was es ihm ermöglicht, in gewisser Weise Einfluß auf politische Prozesse zu nehmen, seiner Stimme wirksames Gehör zu verschaffen. Wer gelesen hat, daß der Ober exakt solche Bürgerversammlungen als einziges nannte, wenn es um Kontakt zum Bürger geht, der wird erst recht denken und erwarten, daß Maly sich bei diesen Gelegenheiten dafür interessiert, was seine Untertanen anzuregen, vorzuschlagen, beizutragen haben. Aber ach! – so naiv soll man nicht sein. Die Liste der Orte, diie da abgeradelt werden soll, zeigt in überwältigender Offenheit, daß der OB erstens an solchem Kleinkram wie Bürgerbeteiligung nicht interessiert ist und sich zweitens aus Hobby oder Neigung auf eine Nebentätigkeit als Reisegruppenleiter vorbereitet. Denn: an keinem dieser Orte ist irgendetwas relevantes zu entscheiden. Hier werden Prrojekte und Orte vorgestellt, an denen nichts mehr zu entscheiden ist. Hier wird lediglich etwas präsentiert. Der OB ooder ein Unternehmssprecher führt etwas vor, der Bürger lauscht beeindruckt, und man radelt weiter. Politische Teilhhabe? Fehlanzeige.

Ganz besonders irritierend ist, wie diese Radtour mit angeschlossener Verkaufsveranstaltung als Kontakt zum Bürger bezeichnet werden kann. Auf abgesperrten Straßen radelt der OB im Konvoi von einer hübschen Präsentation zur anderen; diskutiert wird nicht – schon deswegen, weil es ja nichts zu diskutieren gibt. Und so wandert der OB eben auch zwischen den Welten: derjenigen, die nur zu sein scheint und sich Bürgerversammlung nennt, und derjenigen, die tatsächlich ist: eine banale, niemandem einen Nutzen bringende und demokratische Beteiligung nur vortäuschende Selbstdarstellungstour.

Advertisements