20 Millionen: futsch

von André Freud:

In den Zeitungen von heute (BILD, AZ, NN, NZ) ist die „Kostenexplosion am Bau“ zentrales lokalpolitisches Thema. 20 Millionen betrugen die unerwarteten Mehrkosten bei den Großprojekten Schauspielhaus, Lagune, Stadtbibliothek. Die Berichterstattung zerfällt in zwei Teile.

Teil 1: Berechtigte Kritik I

Wenn Kämmerer Hans Riedel (SPD) und Baureferent Baumann (parteilos, oft der SPD zugerechnet) sich vom OB öffentlich rasieren lassen dürfen und geloben, künftig als Bauherren auf den eigenen Baustellen auch gelegentlich mal Anwesenheit zeigen wollen, dann hat das schon Charme.

Wenn ferner gelobt wird, künftig die Ausführenden etwaig in Regreß nehmen zu wollen, wenn diese selbst höhere Kosten verursachen, dann ist das auch nichts anderes als die feierliche Verkündung, in Zukunft die eigene Arbeit ordentlich erledigen zu wollen. Pardauz.

Der Franke als solcher dürfte diese Aktion als einen ordentlichen Anschiß bezeichnen. Daß da auch Personalreferent Köhler (CSU) mit dabei sitzen muß, bei diesem Autodafé light anno 2012, mag der Tatsache geschuldet sein, daß der Ober nicht nur die eigenen Leute anpflaumen will, auch wenn Köhler selbst nicht wirklich Verantwortung für das Desaster trägt.

Es gibt berechtigte Kritik an dieen Kostensteigerungen. Aber staunenswert finde ich, wie es unser aller Oberbürgermeister mit dieser famosen Inszenierung zuwege bringt, sich selbst als natürlich nicht verantwortlich darzustellen, sondern gleichsam als Hercules im Augiasstall, der endlich für Ordnung sorgt. Clever, lieber Uli Maly! Damit erübrigen sich ja offensichtlich alle Fragen nach der persönlichen Verantwortung. Wie er’s nur wieder macht…

Teil 2: Berechtigte Kritik II

Die Berichterstattung in manchen der genannten Zeitungen suggeriert etwas, was es nicht gibt (je größer die Buchstaben der Zeitungen, desto stärker diese Suggestion): Daß Bauvorhaben am Ende das kosten, was die Planung vorhersagte.

Derlei gibt es im wirklichen Leben nicht. Es ergeben sich während des Baus immer unerwartete, auch unerwartbare Änderungen. Jeder, der schon einmal gebaut hat, weiß das. Ein Boden ist nicht so wie erwartet, Fundamente müssen vergrößert werden. Ein Lieferant hat zwischen Angebotseinholung und Liefertermin Insolvenz gemacht und man muß eeinen anderen Lieferanten finden. Einen enormen Einfluß auf die Kosten können Witterungsunbilden darstellen. Wenn die Gruben für die Fundamente schon ausgehoben sind, dann aber plötzlich Frost kommt, kann eben erst im Frühjahr die Arbeit an den Fundamenten beginnen – die dann aber viel größer sein müssen, weil der Winter die Gruben veränderte, und so weiter.  Das alles geht enorm ins Geld – und kann nicht geplant werden.

Deswegen sind alle Artikel, die so tun, als ob es überhaupt eine Möglichkeit gäbe, bei den Baukosten eine Punktlandung nach Plan zu machen, nichts als Folklore. So etwas gibt es schlichtweg nicht, und die Zeitungen, die diesen Eindruck erwecken, sollten das mal tunlichst richtigstellen.

Ferner sind die eigenen Vergaberichtlinien teilweise Schuld an der Kostensteigerung. Wer immer nur beim billigsten Anbieter kauft, der zwingt die Anbieter dazu, ihr Angebot für den bestmöglichen Fall zu erstellen. Wäre ein Anbieter so ehrlich, beispielsweise einen Puffer für Unerwartetes in sein Angebot aufzunehmen, dann wäre er nicht mehr der billigste – und damit raus. Ich will nicht schlankerhand behaupten, daß ein anderes Bieterverfahren besser wäre – aber man muß diesen Aspekt der Realität schon zur Kenntnis nehmen, bevor man urteilt.

Die Kritik an den Mehrkosten ist auch insofern unberechtigt, als man seitens der Stadt auf einer aberwitzigen Grundlage rechnet. Man nimmt die Planung als Grundlage – und ignoriert, daß in der Baugenehmigung ganz andere und neue Positionen stehen können. Obwohl man also ein reellere Grundlage hat, rechnet man mit einer älteren, vageren, ungefähreren. Warum? Das wäre so, wie wenn ein Paar essen geht. Vorher plant man, sechs Bratwürste zu essen. Vor Ort stellt man fest: Bratwürste sind aus, und man ißt stattdessen ein Schäuferla und einen Kalbsbraten. Ganz  schon blöd, wenn man dann nur zwanzig Euro dabei hat und dem erstaunten Wirt erklärt, daß man ja eigentlich  nur 6 mit Kraut wollte. So aber verhält sich bisher die Stadt. Darum aufgemerkt: Dort, wo man Kontakt zur Realität halten kann, möge man es auch tun.

Und da sage noch einer, Lokalpolitik wäre langweilig!

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2 Kommentare

  1. Oftmals resultieren ‚unvorhersehbare‘ Kostensteigerungen auf das sträfliche Unterlassen einer ausreichenden technsichen Grundlagenerhebung.

    Hier darf nicht gespart werden, wenn man eine aussagefähige und gesicherte Entscheidungsgrundlage erzielen und spätere Kosenexplosionen vermeiden will.

    Bedauerlicherweise kann nicht ausgeschlossen werden, dass Kostenbenennungen in gewisser Weise auch politischen Motivationen unterliegen können.

    Am Beispiel Nürnberger Volksbad scheint es weder eine statische Befundung, noch eine bauteilmäßige Massen- und Kostenberechnung oder wenigstens eine ordnungsgemäße DIN-gerechte Nutzflächenberechnung zu geben, ohne welche eine genaue Kostenermittlung nicht möglich ist. Ein Aufmaß des Bestandes ist scheinbar nur fragmentär vorhanden.

    Dieser Sachverhalt ist in Anbetracht des wählerstimmenfördernden Wiedereröffnungswillens unserer Stadtpolitiker seit der Schließung des Volksbades aus technischer – aber auch politischer Sicht – äußerst kritisch zu sehen und genau zu hinterfragen.

    Wie sollte man über etwas entscheiden können, wo wichtige Entscheidungsgrundlagen fehlen?

    Ein Unterlassen der Fertigung oder Förderung genauer technischer Grundlagen kann auch als Fehlen politschen Willens gewertet werden.

    Nach meiner persönlichen Ansicht sollten zuallererst die notwendigen technischen Grundlagen zur Ermittlung der Kosten – und damit der gesicherten Entscheidungsgrundlagen – erstellt und gefördert werden, bevor man entsprechende Entscheidungen oder politisch motivierte Zusagen trifft.

    Die Verwendung von Steuergeldern für eine Förderung von Studien des Vereins „Arabisches Museum“ zur Positionierung eines Museums im Nürnberger Volksbad durch die Stadt Nürnberg erachte ich persönlich in Anbetracht fehlender technischer Grundlagen schlichtweg als Steuerverschwendung.

    Die Verwendung dieser „Förder“-Gelder für eine ordnungsgemäße technische Grundlagenerhebung und der sich hieraus resultierenden Kostensicherheit wären als deutlich sinnvoller zu bezeichnen. Dann würden auch öffentlich getätigte Aussagen Nürnberger Stadtpolitiker bezüglich des Wunsches nach Wiedereröffnung des Nürnberger Volksbades – mit Schwimmmöglichkeit – ihren faden Beigeschmack eines wählerstimmenfördernden Lippenbekenntnisses verlieren.

    .. und wir könnten von Kostensicherheit spechen 🙂

  2. Ach, glauben Sie etwa auch nicht, daß das arabische „Museum“ bereits Spendenzusagen in Höhe von 10 Millionen hat und am Ende die Stadt bezahlen lassen will? Vielleicht würde damit fensterlosen Frauenbaden möglich werden… Nein, das mit dem Vorhaben des „arabischen Museums“ ist ein absolut undurchsichtiger Plan ohne jeden Rückhalt in der Bevölkerung, basierend auf falschen Aussagen („Badekultur ist arabisch“ – stimmt einfach nicht, was jeder leicht nachlesen kann – aber auf diesem Niveau wird „argumentiert“, also: agitiert). Und es halten sich hartnäckig Gerüchte, daß der eigentliche Zweck dieses Vorhabens eine Art Moschee mit angeschlossenem Bad sein soll. Kann ich nicht beurteilen, aber als Fama ist das derzeit oft zu hören. Wie dem auch sei, eines stimmt sicher: Ohne wirklich beastbare Informationen kann man weder Entscheidungen treffen, die über den Tag hinaus anhalten, noch Kostenplanungen vornehmen, die mehr wert sind als bloße Wunschvorstellungen. Ob nun beim Volksbad oder bei der Stadtbibliothek.

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