Der analoge Oberbürgermeister

von André Freud:

Ich persönlich bin nicht in Facebook, ich twittere nicht, ich bin ein analoger Oberbürgermeister

Dieses schöne Zitat unseres Oberbürgermeisters kann der geneigte Leser heute morgen in der Abendzeitung lesen. Bevor er aber allzu erstaunt ist, der geneigte Leser, kommt noch das Kuschligkeit vermittelnde Sahnehäubchen obendrauf: Er suche selbst den Kontakt mit den Bürgern auf Fahrradtouren und nicht im Internet.

Nun ist mir leider nicht bekannt, ob OB Maly den zweiten Satz tatsächlich so gesagt hat; er ist in der AZ in indirekter Rede wiedergegeben und vielleicht eine recht verkürzende Zusammenfassung. Sollte er es aber so gesagt haben, dann müßten wir eigentlich täglich eine Radwanderung mit dem OB haben. Oder, sagen wir, zweimal wöchentlich. Wenigstens zweimal in der Woche Kontakt zum gemeinen Bürger zu haben, soll schon für einen Oberbürgermeister der Kaiserzeit zum Standardprogramm gehört haben. Tatsächlich aber finden die Radtouren mit dem OB natürlich nur in der besseren Jahreszeit und auch dann nur in wochen-, ja monatelangen Abständen statt. An Radwanderungen nimmt wer teil? Richtig: Bürger, die ein Fahrrad haben, die gesundheitlich dazu in der Lage sind, und die schließlich und nicht zuletzt auch mitbekommen, daß eine solche Radwanderung überhaupt stattfindet. Es ist ja nicht so, daß das unmittelbar mitgeteilt wird. Man sieht also: viele Bürger bleiben da außen vor.

Es ist aber auch die Frage, was eine solche Radwanderung bringt. Und zwar ist zu unterscheiden: Was bringt sie dem OB, was bringt sie dem Bürger? Dem Bürger nämlich meistens nicht so viel. Zum einen radelt man im Konvoi durch die Stadt, versammelt sich dann zu vielleicht 150 mitsamt der Räder an einem Zielort um den OB und – lauscht. Denn mitzureden hat der gemeine Bürger bei diesen Veranstaltungen nicht allzu viel. Zum einen liegt es nicht jedem, vor einer großen Menschenmenge zu sprechen (der Verfasser dieser Zeilen ist zur großen Freude mancher Politiker von solcher Scheu nicht betroffen). Zum anderen eignet sich auch nicht jedes Anliegen dafür, in aller Öffentlichkeit ausgebreitet zu werden. Wer leitet schon gerne eine Frage öffentlich (!) ein mit den Worten „Als Hartz-IV-Empfänger wüßte ich gerne…“?  Aber es sind ja solche Diskussionen mit dem OB eh nicht wirklich erwünscht. Üblicherweise wird an den Zielpunkten solcher Radtouren das, was man besucht (ein Schulgebäude, eine Moschee, ein Platz…) von denen, die dafür verantwortlich sind, präsentiert. Ausführlich präsentiert. Der OB sagt ein paar salbungsvolle Worte, dann geht’s weiter. Bürgerkontakt? Naja.

Das sind Wohlfühlveranstaltungen. Auf hohem organisatorischen Niveau – zur Sicherheit der Teilnehmer sperrt beispielsweise die Polizei die Straßen ab, die von den Teilnehmern überquert werden (was nicht nur die Sicherheit erhöht, sondern auch ein Gefühl vermittelt à la „Hier kommt der Ober“). Und wenn ihm die Fragen zu unbotmäßig werden, dann kann der Herr Maly, haltenzugnaden, schon auch mal recht ungemütlich werden.

Was ich gerne zugestehe, ist, daß diejenigen, die an den Zielorten der Radtour etwas vorstellen, meist sehr gut vorbereitet sind und deswegen ein ganz ordentlicher Informationsfluß stattfindet. Wenn aber der gemeine Bürger als solcher sich einbildet, er könne hier durch Fragen oder Kritik noch einen Beitrag in Entscheidungen leisten – Fehlanzeige. Genau das findet nicht statt. Die Ziele dieser Touren sind in aller Regel solche, bei denen entweder schon alles entschieden ist oder sogar schon vollzogen wurde – oder aber solche, bei denen die Stadt gar nichts wirklich entscheiden kann. Bürgerbeteiligung sieht anders aus.

Daher sind solche Radtouren zwar eine informative Veranstaltung für diejenigen Bürger, die daran aus zeitlichen, gesundheitlichen und einigen weiteren Gründen teilnehmen können. Das ist aber nicht vielen möglich.

Wenn also der Kontakt mit dem Bürger sich für den OB auf seine Radtouren beschränkt, dann wird ziemlich schnell klar, daß dieser OB keinen ausreichenden Kotakt zum Bürger hat. Auch Einladungen zu Veranstaltungen läßt er ja gerne absagen. Auf Kirchweihen (da, wo das Volk ist) sieht man den Ober eher selten; um genau zu sein: so gut wie nie. Auch Stadtteilfeste sind jetzt nicht wirklich als sein wahrer Himmel zu bezeichnen. Zu vielen dieser Veranstaltungen wird OB Maly nicht mehr eingeladen – wissen doch die Organisatoren, daß er eh nicht kommt. Ein bürgernaher OB ist er nicht wirklich. Nun kann man niemandem vorwerfen, kein Kirchweihbursche zu sein. Jeder hat so seine Vorlieben, und auch ein OB soll sich nicht verstellen. Es entscheidet sich die Frage, ob einer ein guter OB ist oder nicht, auch sicher nicht an der Frage, wie viele Fässer er ansticht. Ob aber einer den Bürgern das Gefühl vermittelt, ihre Stadtteilfeste, Kirchweihen, Platzkonzerte, Radrennen etc. seien ihm wichtig oder nicht – das liegt sehr wohl am OB selbst.

Nun leben wir in digitalen Zeiten. Jeder Politiker hat die Möglichkeit, seine Kirchweihaversion durch – beispielsweise – eine offene digitale Kommunikation mit dem Bürger zu kompensieren: „Auf unsre Kirchweih kommt er net, aber wennst nam schreibst, kriechst auch a Antwort“, das wäre eine solche Kompensation.

Ich bitte, nicht falsch verstanden zu werden. Mir ist sehr wohl bewußt, daß digitale Kommunikation oft keine wirkliche Kommunikation ist. Wofür man in Facebook lange braucht, das hat man im persönlichen Gesprächen oft viel besser und oft auch viel schneller besprochen. Und in Facebook & Co. wird ein solcher Haufen Unsinn kommuniziert, den wirklich kein Mensch braucht. Mir sind die Schranken der digitalen Kommunikation sehr wohl bewußt.

Jedoch hat solche Form des Kontakts auch große Vorteile. Gerade dann, wenn man mit jemandem spricht, der vielleicht einen extrem vollen Terminkalender hat. Genau, wie nicht jeder, nur weil’s ihn irgendwo juckt, beim OB zum Dienstzimmer reinspazieren kann, kann auch nicht jeder erwarten, daß der Ober den ganzen Tag vor Facebook sitzt und begierig darauf wartet, eine barsch hingetippte Beschwerde eines Bürgers postwendend mit einer ausführlichen Antwort zu versehen. Das versteht gewiß jeder. Es ist aber in der heutigen Zeit ein absolutes Muß für einen Politiker, auf diese Weise mit seinen Bürgern vernetzt zu sein. Das findet natürlich nicht immer persönlich statt; das sieht sich ein Mitarbeiter an; der sammelt die eingehenden Nachrichten, beantwortet die, die er beantworten kann, und er leitet diejenigen an den OB weiter, die ihm dafür geeignet zu sein scheinen.

Es wird auch nicht jeder Anrufer sofort zum OB durchgestellt. Das Vorzimmer weiß, wann eine Aktennotiz für den OB gemacht werden muß, wann man nur Informationen sammelt, was man dem OB vorträgt und wann man einen Anrufer durchstellt. Unser OB aber leistet sich einen Zustand, der nur auf eine Weise beschrieben werden kann: Kein Anschluß unter dieser Nummer.

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2 Kommentare

  1. Die Wohfühlveranstaltungen werden viel zu oft von Politikern organisiert. Dein Bsp. von OB Maly ist auf viele Politiker übertragbar. Deine Argumentation möchte ich noch wie folgt ergänzen: Uber FB äussern sich die Leute ehrlicher und sprechen/schreiben die Probleme eher an als in direkten Kontakt und in der Masse. So kann ein Politiker fb nützen um zu erfahren (nebst dem ganzen Unsinn), was die Leute wirklich über ihn denken und wo der Schuh druckt. Es ist auch eine Chance. Vorausgesetzt natürlich, ein Politiker interessiert sich für ehrliches Feedback und die Meinung/Probleme seiner Bürger.

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