2021: Das Große Dürer-Jahr

von André Freud:

Gestern wurde der 100.000ste Besucher der gegenwärtigen Dürer-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum begrüßt – ein Schüler war’s. Der Name Albrecht Dürers, eines der größten Söhne der Stadt, ist in der ganzen Welt bekannt.

Nürnberg hat eine bewegte Geschichte. Die Bürgerschaft hat sich nach dem Wiederaufbau (und einer Phase, die ich mit gutem Willen mal als „Schockstarre“ bezeichnen will) weitaus mehr als andere deutsche Städte um die Bewältigung der nationalsozialistischen Jahre bemüht, wozu auch leider reichlich Anlaß gegeben war. Mit dem leidlichen Erhalt der monumentalen Profanbauten am Reichsparteitagsgelände, mit der Schaffung des Dokumentationszentrums, mit dem Memorial rund um den Sitzungssaal 600, in dem die Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesse stattfanden und anderem mehr ist Nürnberg in dieser Hinsicht seiner Verantwortung gerecht geworden. Den Vorwurf, diese schlimmste Phase deutscher und Nürnberger Geschichte ausblenden zu wollen, kann jeder Nürnberger mit Fug zurückweisen.

Nur der geht mit seiner Geschichte redlich um, wer sowohl ihrer dunkelsten Stunden als auch ihrer Sternstunden sich bewußt ist. In den letzten Jahrzehnten ist (aus gutem Grunde, wie festgestellt) die Beschäftigung mit den dunklen Stunden vorrangig gewesen. Es ist daher an der Zeit, die anderen Phasen Nürnberger Geschichte ebenfalls ins Bewußtsein aller – der Bürger wie der Gäste der Stadt – zu rufen. Nicht, um von der nationalsozialistischen Geschichte abzulenken, sondern um ein vollständiges Bild zu zeichnen.

Wir haben in Nürnberg – leider – einige der übelsten Gestalten gehabt, die Deutschland je hervorbrachte. Wir hatten aber auch einige Bürger, die Nürnberg bis heute zur Zier und zur Ehre gereichten. Einer der ganz großen Namen lautet Albrecht Dürer.

Das zumindest flächenmäßig größte Kunstwerk, daß das Ansehen dieses Mannes die Jahrhunderte schadlos bewahrte, ist die Ausmalung des großen Rathaussaales gewesen. „Ist gewesen“, muß es leider heißen, denn in den Abendstunden eines für den Winter gar nicht so kalten Dienstags im Januar 1945 wurde dieses Kunstwerk zerstört. In den Nachkriegsjahren hatte man Dringenderes zu tun, als Deckengemälde wiederherzustellen. Als der Saal wieder errichtet wurde, ließ man die Decke weiß. Sieht ja auch ganz ordentlich aus, mochte man damals sagen. Heute allerdings fällt vor allem eines auf: die Leere. Da fehlt etwas.

Als der Luftkrieg 1940/41 ins Land seines Ausgangs zurückkehrte, wurden von luftkriegsgefährdeten Objekten, so sie denn nicht geschützt werden konnten, hochwertige Dias angefertigt. Es gab nach dem Krieg verschiedene Pläne, wie das blanke Weiß des Rathaussaales überwunden werden kann, aber keiner vermochte zu überzeugen. Die Dias, die den Nürnberger Rathaussaal in der Dürer’schen Ausmalung zeigen, wurden erst 1986 wiederentdeckt. Sie sind da, sie zeigen fast die gesamt Decke.

Welch eine Pracht wäre es, diese größte Kunstwerk Dürers wiederherzustellen! Wäre es eine Replik? Ja. Wäre es eine Art Disney-Land? Nein. Denn: es wird das, was einst war, so wiederhergestellt, wie es war. Angesichts von 500 Jahren Dürer sind die 67 Jahre, in denen das Kunstwerk nicht existierte, kein allzu großer Zeitraum, um nicht überwunden werden zu können.

Vielfach halten sich Gerüchte, daß die Kunsthistoriker heute der Meinung seien, man betreibe (aus welchen Gründen auch immer) keine Wiederherstellungen untergegangener Werke. Das ist natürlich grundfalsch. Es gibt drei große Linien: eine ist gegen die Wiederherstellung, eine tritt für möglichst originalgetreue Wiederherstellung ein, und eine dritte will Wiederherstellung, diese aber auch deutlich als solche kennzeichnen. Aber haben wir Nürnberger uns nicht schon längst entschieden, und haben wir uns nicht richtig entschieden?

Wie man auf diesem Bild unschwer erkennen kann: quasi kein Gebäude, das in der Altstadt steht, ist „original“. Nahezu jedes, bis hin zur Kaiserburg, ist wieder aufgebaut worden. Viele aus denselben Steinen, aus denen es Jahrhunderte zuvor erstmals errichtet worden war. So, wie auf unserem Bild Kaiser Wilhelm I. von seinem Reiterstandbild auf Nürnberg sieht, wird er voll Wut und Trauer über das gewesen sein, was eine verbrecherische Ideologie an Unglück über die Welt und schließlich auch über Deutschland brachte. Aber mit den Jahrzehnten wird er sich gefreut haben, der alte Hohenzollern, über das, was die Nürnberger wieder aus ihrer Stadt machten – bis zur würdigen Wiederherstellung des Pellerhauses in seinem Rücken.

Der Rathaussaal mit dem größten Dürer-Kunstwerk – er wäre ein Prunkstück unserer Stadt. Kein Reiseführer, der Nürnberg erwähnt, würde dieses fulminante Werk ignorieren – alle würden sie es herausstellen. Und statt der an eine Studentenbude erinnernde weißen Verputzung der Decke würde endlich wieder ein Kunstwerk erstrahlen, das zu einem der Höhepünkte der Geschichte der Noris geschaffen wurde und das alleine durch seine bloße Existenz jedem Besucher mehr von der Geschichte der Stadt zu berichten verstünde, als sich in Worten sagen läßt. Zigtausende von Besuchern bestaunen jedes Jahr die Repliken der Reichskleinodien im Rathaus. Wenn erst einmal der Rathaussaal in alter, würdiger Pracht erstrahlt, dann wird eine wichtige, eine schmerzliche Lücke der Stadtgeschichte geschlossen werden – und ein neuer, in seiner Anziehungskraft gar nicht zu überschätzender, weiterer „Leuchtturm“ entstehen, der sich mit der Kaiserburg, der Frauenkirche und dem Schönen Brunnen einen freundlich-gemächlichen Wettbewerb um die meiste Gunst wird leisten können.

Es ist ein großartiges Unterfangen, das hier von den Altstadtfreunden begonnen wurde, und es ist sicherlich deren größtes Vorhaben. Nun laßt uns alle gemeinsam, über Parteigrenzen hinweg, diese Chance ergreifen. Hinweg mit kleinlicher Bedenkenträgerei, hinfort mit einem spießbürgerlichen Begehr nach blanken, weißen Decken – laßt uns alle, wenigstens dieses eine Mal, eine Gelegenheit wahrnehmen, zum Wohl der Stadt ein großartiges Kunstwerk, an dem sich Bürger wie Touristen über Jahrzehnte, über Jahrhunderte hinweg erfreuen werden!

Bilder: Zentralinstitut für Kunstgeschichte München (Detail der Ausmalung des Nürnberger Rathaussaales von Albrecht Dürer), Wikimedia Commons (Nürnberg 1945)

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentare sind geschlossen.