Vom Markenkern und von der Angst vor der eigenen Identität

von André Freud:

Wer nach Paris fährt, besichtigt den Eiffelturm. In New York bestaunt man das Empire State Building, in Moskau den Roten Platz, in Rom das Kolosseum, in London den Tower mit seiner Brücke. Kein für Tourismus Verantwortlicher in diesen Städten wäre dämlich genug, auf diese weltweit bekannten Symbole in seiner Werbung zu verzichten. Warum sollte er auch?

Dabei ist der Genuß für den den Touristen, der diese Stätten besucht, durchaus nicht immer so groß. Das ESB ist fast immer recht voll und die Aufzugfahrt teuer, der Rote Platz eine Art gefühltes Autobahnkreuz, das Kolosseum überfüllter als am Tag seiner Eröffnung vor 1932 Jahren, der Tower auf Bildern besser zu erleben als im Gedränge vor Ort. Jeder, der die genannten Städte kennt, wüßte zahlreiche Plätze zu benennen, die er für eine Besichtigung eher empfehlen würde als diese Ikonen des Tourismus. Aber diese anderen Plätze kommen immer erst nach den Diven an die Reihe. Ein New Yorker, der einen Besucher das erste Mal in seiner Stadt begrüßt, wird ihm erst die weltberühmten Wahrzeichen zeigen, bevor er ihm die nicht ganz so weltberühmten Besonderheiten zeigt, die ihm selbst vielleicht wichtiger sind. Und so dürfte es auch bei den meisten Nürnbergern sein.

Wenn der stolze Bürger der Noris einen Gast begrüßt, der das erste Mal hierher reist, dann sieht ein typischer erster Stadtrundgang doch wohl so aus: beginnend am mittäglichen Männleinlaufen an der Frauenkirche und dem Schönen Brunnen, die beinahe echten Reichskleinodien im Rathaus beschauend, nimmt man den Anstieg zur Kaiserburg, genießt auf der Burgfreiung den Blick über die Stadt, genießt beim Behringer die ersten Nürnberger Bratwürste, macht einen Gang über St. Sebald und den Weinmarkt durch die Weißgerbergasse, geht über den Kettensteg in die Lorenzer Altstadt, quert den Unschlittplatz, die Obere Wörthstraße, spaziert zum Germanischen Nationalmuseum und beschließt den Rundgang über Nassauer Haus, St. Lorenz, die Museumsbrücke, das Heilig-Geist-Spital und landet wieder am Hauptmarkt. So oder so ähnlich dürften schon zigtausende von Besuchern ihre Nürnberg-Premiere erlebt haben. Zur Adventszeit nehmen in dieser Liste natürlich der Christkindlesmarkt und Lebkuchen eine zusätzliche, prominente Stellung ein.

Nun wenden manche ein, daß Nürnberg doch viel mehr zu bieten hätte als Mittelaltercharme, Butzenscheibenromantik und Bratwürste. Sie versuchen, andere Aspekte unserer Stadt ins Zentrum der Wahrnehmung zu rücken. Hierzu ist eine klare Ansage zu machen: das ist nicht richtig, das ist nicht klug, das ist grundverkehrt.

Der Fehler liegt nicht darin, auf anderes hinzuweisen – denn Nürnberg hat in der Tat mehr zu bieten als die bekannten Klischees, auch wenn sie noch so sehenswert sind. Der Fehler liegt in der falschen Betonung. Nur dann, wenn die großen Topoi hinreichend dargestellt werden, ist Raum für die anderen Aspekte. Die Gewichtung muß stimmen.

Vor einiger Zeit fand ein mehrtägiger Kongreß in Nürnberg statt, bei dem höhere Beamte aus ganz Deutschland zusammenkamen. Im letzten Moment, quasi zu Beginn der Veranstaltung, fiel jemandem auf, daß man im Rahmenprogramm schlichtweg vergessen hatte, den Besuchern eine Führung durch die Altstadt anzubieten. Kurzentschhlossen erklärten sich die Altstadtfreunde bereit, etwas zu improvisieren. Ins längst gedruckte Programmhefft konnte das natürlich nicht mehr aufgenommen werden; das Angebot wurde lediglich durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekanntgegeben. Um so größer war das Erstaunen, daß sichα so viele zu diesen Führungen einfanden, daß man mit Gruppen von achtzig Menschen los zog, an mehreren Tagen, und des Ansturms kaum gerecht werden konnte. Am letzten Tag dieser Konferenz war, im Programm hervorgehoben und beworben, eine Führung durch die Straße der Menschenrechte vorgesehen. Zu dieser Führung fanden sich genau wieviele Besucher ein? Richtig: null. Kein einziger.

Falsch, ganz falsch wäre es, daraus den Schluß ziehen zu wollen, daß wir die, ich nenne das jetzt mal so, touristischen Nebensächlichkeiten nicht mehr bewerben sollten. Die Straße der Menschenrechte und der zugehörige, alle zwei Jahre vergebene Preis, sind relevant. Sie sind politisch relevant – aber nicht touristisch. Sie bringen Nürnberg immer wieder international in die Presse, aber sie bringen (außer vielleicht zur Preisverleihung) niemanden nach Nürnberg. So gut wie niemand reist nach Nürnberg, um sich die Straße der Menschenrechte anzusehen. Das ist eben so, das ist die Realität, und es ist schon immer Aufgabe der Politik gewesen, sich mit der Realität zu befassen. Irreales hat hier keinen  Platz; Menschen sind so, wie sie sind, und nicht so, wie manche sich wünschen, daß sie gefälligst zu sein hätten. (Das ist auch einer der Gründe, warum der Zwang, in städtischen Kantinen donnerstags nur noch vegan zu essen, so grauenvoll absurd und überheblich und fern der Menschen ist – aber das ist ein anderes Thema).

Zur Albrecht-Dürer-Ausstellung kommen Zigtausende in unsere Stadt. Es wurden wohl schon Millionen Photos von der Kaiserburg gemacht. Das Bestehende ist es, was zählt – das Typische, das Althergebrachte. Der Werner Behringer serviert seinen Gästen auch nicht plötzlich Tofu-Plätzchen, nur um mal etwas Neues zu machen. Die großen Dinge, mit denen Nürnberg weltweit konnotiert wird, sind exakt die Dinge, mit denen wir werben müssen. Mit seinen Pfunden wuchern, nennt man das. Und eben das findet zu wenig statt. München hat eine der weltweit größten, touristischen Attraktionen mit dem Oktoberfest, bei dem nichts anderes als Münchner Bier im Mittelpunkt steht. Das wird beworben, weltweit – ja, inzwischen weltweit kopiert. Und dennoch wird keiner, der nach München reist, den Gedanken haben, daß die bayerische Landeshauptstadt außer Bier nichts zu bieten hätte. Wir verringern die Vielfalt Nürnbergs nicht, wenn wir unsere touristischen Leuchttürme ins Zentrum rücken, denn diese sind ja eben der Markenkern. Nur dann, wenn wegen Burg, Altstadt und Bratwürsten weiterhin viele Touristen nach Nürnberg kommen, werden auch die nicht ganz so weltberühmten Dinge ihre Besucher finden.

Natürlich ist es Aufgabe der Politik, auch in diesem Bereich steuernd einzugreifen. Bis heute ist der im Internet am häufigsten im Zusammenhang mit Nürnberg gesuchte Begriff „Nationalsozialismus“. Wir haben nun einmal in der Stadtgeschichte dieses braune Kapitel, und es ist schlimm genug, daß es mit unserer Stadt so intensiv verbunden ist. Dieser sich daraus ergebenden Verantwortung ist die Politik, wie ich meine, gerade in den letzten Jahrzehnten, gerecht geworden, und damit sind übrigens die Namen konservativer Politiker wie Ludwig Scholz und Oscar Schneider verbunden. Das Dokumentationszentrum Reichsparteitaggelände, das Memorium am Sitzungssaal 600 des Landgerichts, viele Führungen von „Geschichte für alle“ am Parteitagsgelände und manch anderes zeigen deutlich, daß wir uns unserer Vergangenheit stellen und die sich daraus ergebende Verantwortung übernommen haben. Das soll, das muß auch so bleiben. Dem steht jedoch nicht entgegen, auch andere Aspekte der Geschichte unserer Stadt zeitgerecht ins Zentrum der Wahrnehmung sowohl unserer Bürger als auch unserer Besucher zu rücken. Während zu früheren Zeiten (in anderen Städten wohl mehr als in Nürnberg) eine Tendenz vorhanden war, die braune Geschichte zu verstecken, ist diese Gefahr heute überwunden. Jetzt aber besteht, vielleicht überraschend, eine Gefahr, die vielen Jahrhunderte von Geschichte unterrepräsentiert zu sehen. In diesem Zusammenhang ist es ein Glück, daß der bayerische Finanzminister Markus Söder sich federführend für eine Sanierung der Kaiserburg einsetzt. Es ist von gar nicht zu überschätzender Bedeutung, daß die große Dürer-Ausstellung für weltweites Interesse sorgt. Wir sind aufgerufen, unser Erbe zu pflegen. Das ist in den letzten Jahren etwas zu kurz gekommen, und es ist an der Zeit, hier wieder mehr Einsatz zu zeigen. Nur dann, wenn wir unseren Markenkern pflegen und kräftigen, können und werden wir auch für die nicht ganz so zentralen Dinge neue Aufmerksamkeit erzielen können.

Dosis facit venenum, die Dosis macht das Gift – wußte schon Paracelsus, und die alten Griechen hatten mit φάρμακον sogar das gleiche Wort für „Gift“ und „Heilmittel“. Den Markenkern zu schützen, ihn auszubauen und zu kräftigen, ist das richtige Mittel. Wer da aber glaubt, durch Vernachlässigung des Kerns und Betonung eher randständiger, die Masse der Menschen nicht so sehr interessierender Aspekte das Richtige zu tun, unterliegt einem grandiosen Irrtum.

Bild / Plan: Stadt Nürnberg

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