Grüner Wahn

von André Freud:

Die Grünen wollen den Islam einbürgern – so titelt welt.de, und dieser Titel scheint mir gut gewählt. Der Islam soll mit Christentum und Judentum gleichgestellt werden. Um es mal ganz sanft zu sagen: das ist so falsch, wie etwas nur falsch sein kann.

Bevor die Philippika beginnt, muß folgendes so deutlich gemacht werden, so daß es kein Mißverständnis geben kann. Kritik an einer Religion bedeutet nicht, daß die Menschen, die dieser Religion angehören, kritisiert werden. Das weiß auch jeder. Es ist gang und gäbe, daß hierzulande beispielsweise der Papst und die katholische Kirche auf heftige Art und Weise kritisiert werden – daraus würde niemand den Schluß ziehen, daß damit automatisch auch die Katholiken als Menschen kritisiert werden würden. Es ist im Gegenteil sogar wichtig, diese Trennung erstens vorzunehmen und zweitens auf sie ausdrücklich hinzuweisen, was hiermit geschehen ist.

Was in den Köpfen der grünen Politiker Renate Künast und Volker Beck vor sich geht, ist so etwas von kulturvergessen, gutmenschelnd und an jeder Wirklichkeit vorbei gedacht, daß es einem schier die Sprache verschlagen könnte. Diesen Gefallen will ich aber Freund und Feind nicht erweisen.

Der Islam gehört nicht zu unserem kulturellen Fundament. Er ist die Religion von etwa 5 % der in Deutschland lebenden Menschen, und damit die Religion einer Minderheit. Darüber hinaus, und das ist keineswegs unwesentlich, ist der Islam erst seit einigen wenigen Jahrzehnten bei uns in nennenswerter Stärke präsent. Als Religion einer Minderheit genießt der Islam den Schutz des Grundgesetzes, was gut und richtig ist. Aber Minderheiten sind eben nicht Mehrheiten. Mehrheiten steht in einer demokratischen Gesellschaft das natürliche Recht zu, Einfluß auf das Leben in all seinen Facetten zu nehmen. Minderheiten steht dieses Recht im Allgemeinen nicht zu, jedenfalls nicht in äähnlichem Maße.

Weder brauchen noch wünschen wir eine Ausrichtung der deutschen Gesellschaft an Regeln, Feiertagen oder Speisegesetzen des Islam. Wenn die Grünen hier das Wort von der Gleichberechtigung in den Mund nehmen, muß man schon fragen, worin die Gleichberechtigung bestehen soll. Aber daß solche Verwirrung gerade bei den Grünen herrscht, ist nicht weiter verwunderlich. Sie haben einen Anteil von ein paar Prozent an den deutschen Wählern, benehmen sich aber ständig so, als wären sie eine Art Mehrheitsvertreter. Sie wissen (angeblich), wie Menschen leben sollen, mobil sein sollen, essen sollen, Sprache verwenden sollen. Das ist natürlich anmaßend, und es wohnen solchem Impetus durchaus diktatorische Elemente inne.

Es geht aber auch um sachliche Irrtümer. Zunächst einmal ist der Islam nicht nur Religion, sondern durchaus auch etwas politisches. Wäre der Islam eine politische Partei, und stünde im Parteiprogramm das, was von vielen (keineswegs allen) Moslems wie etwa dem „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ unter Ayman Mazyek gefordert wird, dann wäre eine solche Partei wegen extremer Verfassungsfeindlichkeit schneller verboten, als man gucken könnte. Zahlreiche Inhalte weitverbreiteter Formen des Islam sind mit unserer Gesellschaft absolut unvereinbar. Es ist nicht richtig, einer mit unserer Gesellschaft teilweise nicht vereinbaren Religion einen Raum zu geben, der ihr nicht zusteht, um die Gesellschaft umzukrempeln. Man sieht dies beispielsweise an einer Frage, die neulich bei einer Moschee-Besichtigung bei Nürnbergs größter Moschee in der Kurfürstenstraße gestellt wurde. Träger der Moschee ist die ditib, eine als moderat bezeichnete türkische Organisation. Man erhob dort – nicht zum ersten Mal – die Bitte, daß beim Frauenbadetag im Nordostbad (braucht man so etwas?) die Fenster verhängt werden sollen. Man lasse sich das bitte einmal durch den Kopf gehen! Es zeugt von einem massiven Mißverständnis unserer Gesellschaft, wenn solche Forrderungen erhoben werden. Wenn die ditib ein eigenes Schwimmbad baut, dann mag sie Männer und Frauen dort getrennt baden lassen und die Frauen optisch abriegeln. Das darf sie, denn in ihrem eigenen Bereich, der nur von denen aufgesucht wird, die das wollen, macht sie die Regeln. Was sie, die ditib, aber nicht darf, ist, ihre Regeln der Mehrheitsgesellschaft aufzudrängen. Und eben diese Tür zu öffnen, ist ein wesentlicher Aspekt des aktuellen Vorschlags der Grünen. Dieser ist mit aller Schärfe zurückzuweisen.

Typisch ist, daß dieser grundverkehrte Vorschlag mit einigen an sich richtigen und sinnvollen Maßnahmen verziert wird. Es ist beispielsweise richtig, daß auch die Muslime Körperschaften des öffentlichen Rechts bilden, sich also rechtsstaats- und grundgesetzkonform organisieren. Bislang sind die muslimischen Gemeinden meist nur informelll oder auf Grundlage des Vereinsrechts organisiert. Vor allem aber sind sie sehr zersplittert. Das entspricht der islamischen Tradition; der Islam ist seit Alters her nicht so organisiert, wie wir das etwa von den christlichen Kirchen kennen. Diese organisatorische Zersplitterung des Islam stellt für unsere Gesellschaft, für unseren Staat durchaus ein Problem dar. Man hat seitens der Politik kaum Ansprechpartner; jede islamische Gruppierung spricht nur für sich. So vertritt der „Zentralrat der Muslime“ nur etwa 2 % der deutschen Muslime – während der „Zentralrat der Juden“ fast alle deutschen Juden vertritt; es handelt sich deshalb beim „Zentralrat der Muslime“ jedenfalls bezüglich seines hochtrabenden Namens um so etwas wie eine Mogelpackung. Auch deswegen ist die „Islam-Konferenz“ ein so schwerfälliges, unergiebiges Instrument geworden. Der Idee, daß auch die Muslime in Deutschland einen gewissen Organisationsgrad erlangen sollen, ist daher zuzustimmen. Nur dann kann wirklich ein Dialog beginnen. Ich habe nicht das geringste dagegen einzuwenden, sondern unterstütze die Forderung, daß solche Körperschaften des öffentlichen Rechts gegründet werden. Es würde einen Beitrag dazu leisten, daß die weltlichen (ich spreche hier nicht von den religiösen!) Aspekte des islamischen Lebens in Deutschland näher an die rechtlichen Gegebenheiten herangeführt werden.

Die Grünen zeigen hier ein weiteres Mal, daß sie das Wort „Integration“ auf nachgerade absurde Weise falsch verstehen. Die gleiche Partei, die nur allzu gerne bereit ist, jede Maßnahme, jede latent politische Äußerung beispielsweise der katholischen Kirche in Grund und Boden zu verdammen, bereitet hier einer keineswegs insgesamt in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung angekommenen „politischen Religion“ Grund und Boden für eine Einflußnahme ins öffentliche Leben, die nicht zuzulassen ist.

Es muß wiederholt werden: Einer Religion ist Respekt und Achtung entgegenzubringen. Die Gläubigen einer Religion sind am Leben gemäß ihres Glaubens nicht zu behindern. Diese Rechte finden aber – nicht nur beim Islam, sondern bei jeder Religion – ihre Grenze stets dort, wo die Rechte anderer berührt werden. Um es auf einen simplen Punkt zu bringen: Moslems dürf(t)en keinen Alkohol trinken, Juden kein Schwein essen und Christen am Freitag kein Fleisch. Das mögen sie alle so handhaben, wie es ihnen frommt. Aber keiner von ihnen hat das Recht, von einer Nürnberger Bratwurstküche zu fordern, daß am Freitag gar keine Bratwurst angeboten werden darf, an den anderen Tagen nur solche aus Rindfleisch, und daß dazu kein Bier ausgeschenkt werden darf. Da ist eben eine Grenze erreicht, und diese Grenze wird durch solche Vorschläge wie den der Grünen nicht nur geöffnet – sie wird komplett aufgegeben. Das darf nicht geschehen.

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