Des Reiches Schatzkästlein

von André Freud:

Nürnberg war seit dem ausgehenden Mittelalter des Reiches Schatzkästlein. Aber dann kamen schlimme Tage. Am 7.8.1940, 20.12.1940, 12.10.1941, 28.8.1942, 25.2.1943, 8.3.1943, 10.8.1943, 27.8.1943, 25.2.1944, 31.3.1944, 10.4.1944, 3.10.1944, 19.10.1944, 25.11.1944, 2.1.1945, 20.2.1945, 21.2.1945, 16.3.1945, 19.3.1945, 5.4.1945, 8.4.1945, 11.4.1945 wurde Nürnbergs Schönheit zerstört – durch alliierte Luftangriffe, um den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg gegen die zivilisierte Welt zu beenden. Mehr als 6.000 Tote und eine nahezu völlig vernichtete Altstadt gehören zu grauenvollen Resultaten des verworfensten Regimes, das die Geschichte kennt. In der fünftägigen Schlacht um Nürnberg wurden weitere 900 Menschen getötet und weitere Gebäude zerstört, als verantwortungslose Menschenvernichter einen sinnlosen, aber mörderischen Widerstand gegen die Befreiung vom Nationalsozialismus leisteten. Nürnberg war derartig verwüstet, daß im Sommer 1945 ernsthaft die Idee erwogen wurde, die Stadt gänzlich dem Erdboben gleichzumachen und neu zu errichten. Wir schulden Dank und Anerkennung denen, die nicht tabula rasa, sondern sich an den mühevollen Wiederaufbau machten.

Was aber ist das nun, was uns die Aufbaugeneration hinterließ: sind es Kopien, sind es Originale? Bei manchen Gebäuden, die Nürnbergern wie Touristen „alt“ vorkommen, zeigen Photographien von 1945, daß da nur noch ein Trümmerfeld, aber kein Gebäude mehr war. Also ein Neubau? So kann man es auch nicht nennen.

Vielleicht hilft eine Analogie aus einem Bereich, in dem politische Bewertungen und gute Absichten keine Rolle spielen; die Rede ist vom Automobil-Markt. Wenn jemand, beispielsweise, einen Mercedes 540K, Baujahr 1937, in einer Scheune findet, und dieses Auto in einem wrackähnlichen Zustande ist, dann kann er – sofern nur wenigstens das Karosserieteil mit der Fahrgestellnummer vorhanden ist und erhalten bleibt – das Auto rekonstruieren und hat wegen des Wertes des Wagens nicht nur Freude, sondern auch ausgesorgt. Wenn aber jemand ein solches Auto mitsamt dieses bestimmten Blechteils neu aufbaut, dann hat er eine Kopie – die auf dem Markt keinen besonderen Preis wird erzielen können.

Viele historische Gebäude Nürnbergs wurden unter Verwendung der alten Pläne, oft sogar aus den originalen Steinen wieder aufgebaut. Diese Gebäude sind zwar rekonstriert, aber eben in diesem Sinne original, als sie nicht nur optisch so aussehen wie das, was vorher dort stand, sondern in ihrem Wesen identisch sind mit dem, was zuvor war. Solche Rekonstruktionen sind ihrem Charakter nach echt.

Bei Gebäuden fehlt ein eindeutiges Merkmal, wie es bei Autos mit der Fahrgestellnummer vorhanden ist. Was also ist das Kriterium? Die Antwort lautet: Redlichkeit. Wer ein gewesenes Gebäude(teil) in Form, Farbe, Material so wiederherstellt, wie es einst war, der erstellt keine Kopie. Man kann es auch so sehen: Viele der Gebäude, von denen hier die Rede ist, wären mittlerweile auch dann, wenn sie nicht zerstört worden wäre, generalsaniert worden. Da würde niemand von Kopie sprechen. Bei einer solchen Generalsanierung, die meist auch mit einer Entkernung einhergeht, bleibt das Wesen eines Gebäudes und dessen Historie erhalten.

Deswegen haben wir in Nürnberg viele rekonstruierte Originale. Wir danken sie dem Einsatz der Aufbaugeneration. Aber nicht alle unterstützen diese Vorgehensweise. Über viele Jahre war – leider – eine gesichts- und geschichtslose Pseudomodernität angesagt. Damit man mich recht versteht: ich bin weder dafür, die Altstadt in einen Zustand von vor 1940 zu versetzen noch wende ich mich gegen moderne Architektur. Jedoch plädiere ich dafür, daß man dort, wo dies vom Gebäude, vom Ensemble her möglich ist, und wo sich jemand findet, der das Ganze auch noch bezahlt, einem historisch richtigen Wiederaufbau eine Chance gibt.

Deswegen ist denen, die trotz aller Mühen und Hemmnisse (besonders politischer und finanzieller Art) solche Projekte beginnen und vollenden, Dank zu sagen. Ob dies nun Uwe Andersen ist mit seinem Haus an der Mühlgasse 1, oder ob es die Altstadtfreunde sind, die schon viele Gebäude wiederherstellten und die derzeit mit dem Pellerhaus eines der anspruchsvollsten Projekte realisieren – wir sollten froh und dankbar dafür sein, daß es in unserer Bürgergesellschaft Persönlichkeiten und Organisationen gibt, die solche Projekte realisieren, die unserer Stadt in jeder Hinsicht nur von Vorteil sind.

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