Noch einmal: Freibiergesichter

von André Freud:

Jeder Nürnberger soll ab sofort seine „Drei im Weckla“ oder „Sechs mit Salat“ kostenlos bekommen. Heute startet ein Großversuch in Behringers Bratwursthäusle.

Wie man weiß, ist der Verzehr von Nürnberger Bratwürsten für Bürger und Besucher der Stadt nicht einfach nur Nahrungsaufnahme – es ist zugleich praktizierter Lokalpatriotismus, gelebte fränkische (Nürnberger) Kultur, und de facto lebensnotwendig. Deswegen hat die Nürnberger Pillepalle-Partei ein Grundrecht auf kostenlose Bratwürste erarbeitet. Dazu brauchten sie nur dreihundert Mitglieder, die in einer einjährigen Klausursitzung diesen großartigen Vorschlag konzipierten.

Finanziert wird das Vorhaben durch Zölle, die an den Stadttoren erhoben werden. Jeder, der die Altstadt betritt, hat 3 € Bratwurstzoll zu entrichten. Meerrettich kostet extra.

Beifall findet das Vorhaben bei allen Nürnbergern, die nicht bis drei zählen können

In der nächsten Stufe will die Pillepalle-Partei Latte macchiato, iPads, Turnschuhe und Wohnungen für alle Bürger kostenlos anbieten. Der Stadtzoll wird dann auf etwa 1.000 € monatlich erhöht. Diejenigen Nürnberger, die weder Bratwürste essen noch iPads nutzen noch Turnschuhe tragen und keine eigene Wohnung in Nürnberg haben, werden dennoch sicher gerne den Stadtzoll bezahlen – schon des guten Gefühls wegen.

Die Pillepalle-Partei allerdings denkt bereits weiter voraus. Da abzusehen ist, daß in kurzer Zeit die Bratwürste nicht mehr die gewohnte Qualität werden haben können, der Café aus Fertigpulver aufgebrüht werden wird, die Turnschuhe lumpig sind, die iPads durch Schiefertafeln ersetzt werden und die Wohnungen verfallen – da sich nämlich beim besten Willen kein Depp mehr finden lassen wird, der in etwas investiert, womit er sein eigenes Geld nur vernichten kann – fordert die Pillepalle-Partei die Einrichtung eines Qualitätsmanagementkommittees. Das wird sicherstellen, daß alles weiterhin in prima Qualität angeboten wird. Der monatliche Zoll wird dann auf 3.000 € steigen.

Ein kleines Problem, das räumen die großen Denker von der Pillepalle-Partei ein, könnte entstehen, wenn alle die, die ihr Geld bis heute mit Produkten verdienen, die nicht kostenlos sein werden und die demzufolge arbeitslos werden – denn wer wird noch ein Schäufele bestellen, für das er dann etwa 75 € bezahlen muß, wenn er die Bratwürste kostenlos haben kann? Die Arbeitslosen – geschätzt etwa 90 % der Bevölkerung – werden dann in städtische Weiterbildungsmaßnahmen gesteckt. Finanziert wird das durch eine neue Bürgersteuer von 5.000 € pro Monat. In den Fortbildungsmaßnahmen zum Bratwurstvertilger, vollberuflichen Pillepalle-Funktionär oder Zolleintreiber werden die Arbeitslosen auf ein neues Leben in Glück und Würde vorbereitet.

Es droht dann eine Hyperinflation. Im letzten Schritt wird das Geld abgeschafft und die Steinzeitrepublik „geldfreies Nürnberg“ ausgerufen. Prost!

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