An die Redaktion der NN

von: André Freud:

Am 16. Juni druckten Sie unter der Überschrift „Alle Proteste waren vergeblich: Israels Sperrwall ist zehn Jahre alt“ ein Bild und einen kurzen Text ab. Darin wird das vorgebliche zehnjährige Jubiläum der Grenzschutzanlage Israels entlang der „Grünen Linie“ zum Westjordanland erwähnt. Der Artikeltext ist radikal einseitig. Er gibt die Meinung der Fatah wieder. Es wird durch das Bild, das Mauerteile zeigt, suggeriert, daß Israel eine Mauer gebaut hat; dabei besteht diese Sperranlage zu 97 % der Strecke aus einem Zaun. Mit der Assoziation „Mauer“ im Kopf denken viele Deutsche, analog zur Berliner Mauer, daß damit Menschen eingesperrt werden würden. Jeder sollte wissen, daß das nicht so ist: die Sperranlage grenzt Menschen aus, und zwar Terroristen und Mörder. Die anderen, also die Palästinenser, die in Israel arbeiten oder zum Arzt gehen oder sonst etwas tun wollen, können über ganz normale Kontrollstellen nach Israel hinein.

Vor dem Bau der Sperranlage gab es Jahr für Jahr über 100 Tote durch Mörder, die aus dem Westjordanland nach Israel kamen. Zuletzt, 2003, waren es 135 Tote. 2004 waren es dann dank der Sperranlage genau null Tote. – Warum wurde das in diesem Artikel nicht erwähnt? Ein unvorgebildeter Zeitungsleser mußte glauben, daß das böse Israel die braven Palästinenser eingemauert hat, und zwar aus blanker Bosheit.

Es sind genau solche Artikel, die klar propagandistisch sind: ein Teil der Information wird unterschlagen, ein Teil wird verdreht und manipuliert, und ein Teil stimmt einfach nicht.

Merkwürdig daran: Das einzige, was man meiner Meinung nach an der Sperranlage wirklich kritisieren kann, wurde mit keinem Wort erwähnt: daß sie auf weiten Strecken nicht genau an der Grünen Linie steht, sondern einige Meter auf dem Gebiet der Westbank.

So oder so, ich bezeichnete diesen Artikel als propagandistisch, und zwar, konkludent und offensichtlich, im Sinne einer Fatah-Propaganda. Daraufhin rief mich Ihr Redakteur Georg Escher an. Beim später durch meinen Rückruf stattfindenden Gespräch macht mir Herr Escher schwere Vorhaltungen. Insbesondere der Begriff Propaganda träfe ihn, wie er mir sagte. Ferner forderte mich Herr Escher auf, meine Artikel, sofern sie ihn oder die NN beträfen (das weiß ich nicht mehr), vor Veröffentlichung zu schicken, damit man im Zuge eines „zivilisierten Miteinanders“ gegebenenfalls darüber reden könne. Ich lehnte dies – natürlich – rundheraus ab.

Jedoch hatte ich keinen Herrn Escher angegriffen, sondern einen propagandistischen Artikel. Mir war zu diesem Zeitpunkt unbekannt, wer diesen inkriminierten Artikel verfaßt hatte. Inzwischen weiß ich, daß es sich nicht um einen fertigen Agenturtext handelte. Insbesondere der englischsprachige Agenturtext ist deutlich fairer und nennt die endlose Serie von Anschlägen aus dem Westjordanland als Motiv für den Bau.

Im Internet (Facebook) meldeten sich nun zahlreiche Leser zu Wort; fast jeder entrüstete sich über den bewußten Artikel. Die Angelegenheit kochte hoch; es gab auch unsachliche Wortmeldungen und eine aufgeheizte Stimmung – Zeit und Anlaß für mich, das persönliche Gespräch mit Herrn Escher zu suchen. Ich schrieb ihn an, er nahm an. Bis dahin, so mein Verständnis, sollte Ruhe gelten. Unmittelbar vor dem vereinbarten Gespräch veröffentlichte Herr Escher auf Facebook einen neuen Text, in dem er mich scharf angriff. Ich kam dennoch zu dem verabredeten Treffen. Das Gespräch selbst wurde von Herrn Escher so gewünscht, daß davon nichts nach außen dringen dürfe. Ich verstand diesen Wunsch nicht und halte ihn für falsch, aber ich stimmte zu, also schweige ich darüber. Im Internet ging die Angelegenheit weiter. Heute rief mich Herr Escher an. Details des Telefonats, bei dem eine Seite laut wurde und schließlich auflegte (beides war nicht ich), sind hier nicht zu nennen erforderlich.

Was in dieser ganzen Auseinandersetzung, die in keiner Weise hilfreich ist, vor allem falsch ist, ist folgendes: Der von den NN abgedruckte Artikel war ein extrem und radikal einseitiger Artikel, der aufgrund Informationen manipulierender, Informationen unterschlagender und falsche Informationen suggerierender Eingriffen von mir und zahlreichen anderen als (im Sinne der Fatah) propagandistisch bezeichnet wird; dies ist im einzelnen belegt. Darüber ist zu sprechen – und nicht darüber, ob sich innerhalb dieses traurigen Klamauks ein Redakteur richtig verstanden fühlt oder nicht.

Ich fordere hiermit die Redaktion der NN auf, einen Beitrag zu Entpersonalisierung und Versachlichung der Debatte zu leisten. Vor allem aber fordere ich die Redaktion der NN auf, zu diesem bewußten Artikel endlich einmal redaktionell Stellung zu nehmen und sich zu erklären. Es kommt nicht darauf an, ob Herr Escher und ich uns mögen – es kommt darauf an, daß eine Zeitung von der Größe und der Bedeutung der NN keine Propaganda abzudrucken hat, wie sie von der Fatah hervorgebracht wird. Das aber hat sie getan. Darüber ist zu reden.

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